“Die Anstalt” – das gute, linke, einseitige Gewissen des ZDF

„Die Anstalt“ im ZDF: Max Uthoff (l.) und CLaus von Wagner
"Die Anstalt" im ZDF: Max Uthoff (l.) und CLaus von Wagner

Fernsehen Die beiden Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner haben sich mit der ZDF-Sendung “Die Anstalt” eine treue Fan-Gemeinde erarbeitet. Juristische Scharmützel, wie jüngst mit dem Zeit-Herausgeber Josef Joffe, sind ihrem Ruf als unbeugsame Wahrheitsverkünder eher zu- denn abträglich. In ihrer ersten Sendung nach der Sommerpause legten sie eine echte Werkschau klassischen Kabaretts hin. Intellektuell, scharfzüngig, mutig. Aber auch ein bisschen einseitig.

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Die treusten Fans der “Anstalt” kann man sich vielleicht als etwas in die Jahre gekommene Wähler der Grünen oder jüngere Sympathisanten der Linken vorstellen. Leute, die prinzipiell das Herz auf dem linken Fleck haben, die gegen den Konsumwahn wettern und die Gesellschaft gerne nach ihrer Fa­çon verbessert sehen würden, sich selbst für große Weltenversteher halten, aber sehr unangenehm werden können, wenn es an den eigenen Geldbeutel geht oder einer wagen sollte, eine Stromtrasse in der Nähe des behaglichen Eigenheims aufzustellen. Und die zu allererst das neue iPhone bestellen und sich aufregen, wenn die Telekom nicht schnell genug liefert.

Ganz abgesehen von solchen – möglicherweise haltlosen – Spekulationen über das Publikum, muss man Uthoff und von Wagner ganz einfach attestieren, dass die sie wahren Erben von Dieter Hildebrand im TV-Kabarett sind. Diese beiden haben es geschafft, dem ollen politischen Kabarett jenseits des grassierenden Comedy-Unfugs neues Leben einzuhauchen.

“Die Anstalt” geht tatsächlich dahin, wo es wehtut. Die gestrige Sendung war der beste Beweis. Der Bogen wurde gespannt vom Ersten Weltkrieg über den Nahen Osten bis hin zum Konflikt in der Ukraine. Schwere Kost, das Publikum wurde keineswegs geschont. Da war zum Beispiel die wirklich brillante Geschichtsstunde, in der Uthoff als Uncle Sam vor einer Landkarte die historisch vergurkten Auslands-Eingriffe der USA pointiert kommentierte. Das war ganz hohe Schule, textlich spitze und mit Erkenntnisgewinn.

Am Ende des Stücks wagte von Wagner sogar einen kleinen Hinweis darauf, dass Deutschland seine eigene, unrühmliche Geschichte in der Unterstützung von Dschihadisten hat. Im Dritten Reich wurden radikale Araber im Kampf gegen Juden unterstützt. Nachzulesen etwa in “Halbmond und Hakenkreuz” oder “Der ewige Sündenbock”. Leider blieb es hier bei einer kurzen Andeutung. Das Publikum wurde nicht lange mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte gequält. Kritik an der Rolle der USA fällt dem politischen Kabarett traditionell leichter und wird vom Publikum gewiss dankbarer goutiert. Dass sich die “Anstalt”-Macher dessen offenbar bewusst sind, muss man ihnen anrechnen. Allzu sehr darauf herumreiten, wollten sie dann freilich auch wieder nicht.

Den meisten Applaus gab es erwartbar, als sich die “Anstalt” gegen Ende die Rolle der angeblichen Mainstream-Medien im Ukraine-Konflikt zur Brust nahmen. Da wurde die herrschende Welt-Sicht in weitesten Teilen der Kabarett-interessierten Bevölkerung vortrefflich bedient.

Wobei der bewährte Vorwurf, “die Medien” würden einseitig anti-russische Propaganda betreiben, selbst auch schon wieder reichlich einseitig ist. Dass Uthoff und von Wagner in diesem Zug den Prozess-Hanseln von der Zeit noch schön subtil einen mitgaben (“Für Unterlassungserklärungen haben wir Die Zeit.”), kann man ihnen freilich nicht verdenken. Wobei die beiden “Anstalt”-Macher der Zeit und deren Herausgeber Josef Joffe eigentlich dankbar sein müssten. Niemand hat so viel für ihr Image als unbeugsame Kritiker getan, wie der selbstgefällige Joffe mit seiner Prozess-Meierei.

Bei Twitter und Facebook ist das sonst so böse Publikum voll des Lobes für “Die Anstalt”. Viele Aufforderungen werden geteilt, man möge sich dieses Stück “Wahrheit” im deutschen TV doch noch schnell zu Gemüte führen, bevor die “nächste Unterlassung” kommt oder diese Folge der “Anstalt” “verboten” würde, weil sie es wagt, so kritisch mit den Mainstream-Medien abzurechnen.

Keine Angst, dazu wird es nicht kommen. Beim ZDF sind sie zurecht stolz, mit der “Anstalt” ein anspruchsvolles, viel beachtetes und gesellschaftlich relevantes Format im Programm zu haben. Dass es solche Sendungen wie “Die Anstalt” gibt, in der die Macher ja ganz offensichtlich frei von inhaltlichen Zwängen ihr Ding machen können, sollte den Kritikern des angeblich gleich geschalteten Medien-Mainstreams eigentlich zu denken geben. Wäre eine Sendung wie “Die Anstalt” in dieser Form in Russland möglich? Oder in Saudi Arabien? Max Uthoff und Claus von Wagner wissen die Freiheit, die sie hier genießen bestimmt zu schätzen. Sie sind sich vermutlich bewusst, dass es – bei aller berechtigten und immer notwendigen Kritik an unserer westlich geprägten Gesellschaft – dieses gewaltige Geschenk namens Meinungsfreiheit nicht überall gibt. Bei dem dauerapplaudierenden Publikum kann man sich da nicht immer ganz so sicher sein.

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Alle Kommentare

  1. Tatsächlich ist die Anstalt das „Anti-Idiotikum“, dass man gegen die sonstigen medialen Berichterstattungen braucht.

    Was dieser Artikel insbesondere seine Einleitung soll, wird hoffentlich selbst dem naivesten Welt- und FAZ-Leser klar … obwohl…
    Ich helf euch: Wenn man nichts findet, mit Vermutungen diffamieren und unsachliche Vergleiche anstellen!

    Gehöre übrigens zu den jung-linken-akademischen-Weltverbesser-Idioten, die der Meinung sind, dass man die Welt besser versteht, wenn man aus möglichst vielen Quellen Informationen heranzieht – kann aber trotzdem in meinem Eigenheim (35 qm Wohnung) neben einer rauchenden Kohlkraftwerk kein I-Phone finden???

    Schickt der Autor dieses Artikels mir eins oder muss ich warten, bis er einen besser bezahlten Job in einer PR-Agentur gefunden hat?

  2. Die beiden machen es einfach toll! Ich erfahre in ihren Sendungen mehr, als in allen Nachrichten zusammen! Es ist unglaublich, wie sie es einem schmackhaft machen, sich mit kompilzierten Themen auseinanderzusetzen! Die Anstalt ist meine absolute Lieblingssendung.

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