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Spiegel-Gesellschafter tagen: Büchner-Abgang wird immer wahrscheinlicher

Wolfgang Büchner
Wolfgang Büchner

Am kommenden Freitag treffen sich erneut die Gesellschafter des Spiegel zu einer außerordentlichen Sitzung. Und erneut geht es um alles - um die Zukunft des Nachrichtenmagazins. Bevor die Gesellschafter zusammenfinden, muss sich allerdings die fünfköpfige Spitze der Mitarbeiter KG auf eine Linie einigen. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Chefredakteur Wolfgang Büchner das Haus verlassen wird.

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Hinter den Kulissen des eindrucksvollen Spiegel-Gebäudes in der Hamburger Hafencity geht der Machtkampf zwischen Print-Redaktion und Chefredakteur in die entscheidende Phase. „Irrsinn“ ist noch eine der beschönigenderen Beschreibungen für die Lage. Doch ewig kann das Gezerre nicht weitergehen. Am kommenden Freitag tagen die Vertreter der Gesellschafter des Magazins – Mitarbeiter KG, Gruner + Jahr, Erbengemeinschaft Rudolf Augstein – darum noch einmal. Was bemerkenswert ist, trafen sie sich doch zuletzt am 22. August zu einer Krisen-Sitzung. Vorlegen muss aber die KG, denn sie ist Mehrheitsgesellschafter.

Was sind die möglichen Szenarien?

Szenario 1: Weiter wie bisher. Es grenzte an ein mittelgroßes Wunder, würden sich zu diesem Zeitpunkt die Ressortleiter des Print-Magazins und Chefredakteur Wolfgang Büchner noch einmal zusammenraufen. Das Tischtuch ist zerschnitten, war es schon lange. Doch auch die Versuche vor allem von G+J und der Augstein-Familie, zusammenzuflicken, was offenbar nicht zusammengehören will, scheitern.

Nachdem die Gesellschafter die Parteien vor wenigen Wochen aufgerufen hatten, es nochmal miteinander zu versuchen, um das Projekt „Spiegel 3.0“, also die stärkere Verzahnung von Print und Online, umzusetzen, soll Chefredakteur Büchner dem Vernehmen nach die Botschaft verbreitet haben, dass er die Ressortleiter jetzt so weit habe, dass sie seinem Willen folgen. Daraufhin formulierten diese einen Brief an die Gesellschafter, in dem sie signalisierten, dass sie nicht gewillt sind, „Spiegel 3.0“ in der von Büchner geplanten Form und Umsetzung zu akzeptieren.

Dann die Nachricht, dass Büchner Armin Mahler und Lothar Gorris loswerden will. Obwohl er immer beteuert hatte, dass er seine Kritiker eben nicht (jedenfalls nicht sofort) entsorgen wolle. Was wiederum Wasser auf die Mühlen anderer Dauer-Kritiker war – und die Print-Redaktion insgesamt in ihrer Einschätzung, dass es mit Büchner nicht geht, bestärkte. In einer Konferenz am Dienstag schwiegen sich Redaktion und Büchner lange an. Teilnehmer berichten von einer „gespenstischen“ Stimmung. In den folgenden Tagen, heißt es, sei Büchner kaum eine Stunde in der Redaktion gesehen worden.

Der Fall Mahler ist ein gutes Beispiel, wie bisher fast jeder Schachzug von Büchner zahlreiche Konter-Varianten eröffnet. In diesem Fall ist es keineswegs so, dass der Wirtschafts-Ressortleiter Mahler, ein profilierter, respektierter Mann, lange auch Co-Geschäftsführer in der Mitarbeiter KG, sakrosankt wäre. Doch die Art und Weise, wie ihn Büchner absägen wollte, hat einen gegenteiligen Effekt. Plötzlich heißt es in der Print-Redaktion: Geht doch nicht! Darf man nicht! Den brauchen wir!

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Also: Wenn sich die Gesellschafter, allen voran die Mitarbeiter KG, zu einem erneuten „Erstmal weiter so“ durchringen sollten, bedeutete das nur eine Verlängerung der Leidensphase aller Beteiligten. Wahrscheinlichkeit: gering.

Szenario 2: Die Spitze der KG tritt zurück. Dass sich die fünf Geschäftsführer der Mitarbeiter KG nicht immer einig sind, ist eher der Normalfall als die Ausnahme. Je zwei Vertreter aus Redaktion und Verlag und ein Vertreter aus der Dokumentation sind in dem Gremium vertreten. Im Prinzip haben alle den Auftrag, den Verlag so zu führen, dass er prosperiert. In dieser Situation müssen sie dafür Sorge tragen, dass er keinen Schaden nimmt.

Doch die Frage ist: Wie entstünde der größere Schaden? Wenn Büchner bliebe und das Klima weiterhin frostig ist und das Magazin inhaltlich belastet? Oder wenn Büchner (und mit ihm gegebenenfalls auch Geschäftsführer Ove Saffe) gingen? Die beiden Vertreter der Redaktion stehen gleichzeitig auch für die unterschiedlichen Enden des Spektrums: Gunther Latsch für die Kritiker, Marianne Wellershoff für die Büchner-Unterstützer. Dass sie sich, ebenso wie Büchner und die Print-Ressortleiter, noch einmal einig werden, ist eher unrealistisch. Käme man zu der Erkenntnis „we agree to disagree“, wären Neuwahlen der richtige Weg. Aber die fünf Vertreter würden sich auch aus der Verantwortung stehlen. Wahrscheinlichkeit: nicht ausgeschlossen.

Szenario 3: Die KG kippt Büchner und präsentiert einen Nachfolger. Die Wahrscheinlichkeit dieser Variante wird immer größer. Natürlich werden auch für diesen Fall bereits Namen gehandelt. Interne Kandidaten werden genannt, sie wären der Redaktion am liebsten. Print-intern wird der Ruf nach „einem von uns“ laut. Aber inzwischen wird auch ein externer Kandidat gehandelt, der Chefredakteur einer Tageszeitung mit gutem Ruf.

Eine erneute Suche nach einem Chefredakteur unter der Beobachtung der gesamten Medienbranche will man sich beim Spiegel aber nicht noch einmal geben. Darum dürfte für diese Variante gelten, dass der Chefredakteur erst dann gekippt würde, könnte man bereits den oder die „Neue“ vorstellen. G+J wie Augstein-Erben würden sich dem Wunsch der KG vermutlich nicht verschließen. Auch, wenn es sie schmerzt. Ein erneuter Wechsel an der Spitze kostet Image-Punkte, Nerven und viel Geld. Alle Beteiligten, egal auf welcher Seite sie stehen, wissen aber auch: so geht es nicht weiter.

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