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Wege aus der Spiegel-Krise: Was zu tun ist, und warum es weh tun wird

Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner (l.), Spiegel-Erbe Jakob Augstein
Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner (l.), Spiegel-Erbe Jakob Augstein

Der Spiegel dreht sich im Dauerkrisen-Modus um sich selbst. Die Print-Redaktion – allen voran die Ressortleiter –  hat überdeutlich gemacht, dass sie mit Wolfgang Büchner nicht zusammenarbeiten kann und will. Büchner lässt den Konflikt weiter eskalieren. Die Gesellschafter scheuen bisher ein klares Machtwort. Die Online-Redaktion steht daneben. Es wird Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen: Mit diesem Chefredakteur und dieser Redaktion wird es nichts mehr. Alternativen müssen durchdacht werden.

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Glaubt wirklich noch jemand, dass das was werden könnte mit diesem Spiegel-Chefredakteur und dieser Spiegel-Redaktion? Fehler und Defizite gibt es auf beiden Seiten. Ebenso wie Fähigkeiten und Kompetenzen. Aber darum geht es ja gar nicht mehr. Die Debatte, ob Wolfgang Büchner nun qualifiziert ist als Spiegel-Chefredakteur und ob die Print-Ressortleiter berechtigte Sorgen um zu Zukunft des Magazins umtreibt oder sie einfach nur bockig sind, ist in Wahrheit irrelevant. Dieser Streit ist längst irrational persönlich. Es wird von „feindlicher Übernahme“ schwadroniert, vom „Endkampf“. Hallo? Einigung ausgeschlossen! Die Mehrheit dieser Print-Redaktion will und kann mit diesem Chefredakteur ganz offensichtlich nicht zusammenarbeiten. Punkt.

Die Ressortleiter schreiben „Brandbriefe“, es wird von Insidern Gift und Galle gegen den Chefredakteur gespuckt. Der Chefredakteur provoziert, indem er seine schärfsten Kritiker, entgegen seiner Ankündigungen zuvor, kaltstellen will. Nein, so wird das nichts. Die Gesellschafter haben bislang vermieden, sich eindeutig auf eine Seite zuschlagen. In ihrer einzigen Sitzung zum Thema haben sie sich den Reformkurs von Wolfgang Büchner bejaht. Und die Redaktion und den Chef aufgerufen, man möge sich doch bitte zusammenraufen. Einen Versuch war das wert, es hat aber nicht geklappt. Beim Spiegel raufen sie sich nicht zusammen, sie zerfleischen sich verbal.

Was also wäre zu tun? Zu allererst muss die Erkenntnis akzeptiert werden, dass es mit Büchner an der Spiegel-Spitze so nicht weitergeht. Die Alternative wäre, fast die komplette Führungsspitze der Print-Redaktion abzumahnen, freizustellen und zu versuchen, sie zu entfernen. Dieser Weg führte zu weiteren Unruhen in der Redaktion, möglichen Arbeitsniederlegungen, juristischen Auseinandersetzungen. Der Ausgang wäre ungewiss, der Spiegel über Wochen oder Monate gelähmt. Kurz gesagt: ein Wahnsinn.

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Also müssen die Gesellschafter anfangen, sich über einen erneuten Wechsel an der Spitze Gedanken zu machen. Auch wenn’s nervt und weh tut. Schon die Berufung Büchners war eher aus der Not statt aus der Überzeugung heraus geboren. Nachdem das alte Chef-Duo Mascolo/Blumencron – wie sich nun zeigt – übereilt vor die Tür gesetzt wurde, war Büchner der einzige Kandidat, der weit und breit zur Verfügung stand und dessen Berufung sich mit der Argumentationskrücke „Redaktionsmanager“ halbwegs rechtfertigen ließ. Diese Personalpolitik des vermeintlich kleinsten gemeinsamen Nenners fliegt den Gesellschaftern nun um die Ohren. Und jetzt? Wer soll den Höllen-Job Spiegel-Chefredakteur noch machen, da alles in Scherben liegt? Die Liste der möglichen Kandidaten ist praktisch leer. Und die einfache Lösung, Klaus Brinkbäumer und/oder Martin Doerry aufs Schild zu hieven, würde zwar die Print-Redaktion befrieden, wäre aber ein katastrophales Signal in alle anderen Richtungen. Der Branche würde so vorgeführt, dass Spiegel-Chefredakteure von den Print-Ressortleitern abgesetzt und berufen werden können. Ein rückwärts-gewandtes „Weiterwursteln“ wäre Programm. Auch das ein Wahnsinn. Diese Blöße können, wollen und werden sich die Gesellschafter nicht geben.

Vielleicht gäbe es aber ja ein Gedankenspiel, das für den Spiegel Sinn ergeben könnte. Mit Jakob Augstein gibt es da Einen in den Spiegel-Reihen, der sich vielleicht auf den zweiten Blick als Chefredakteur eignen würde. Augstein ist – wie alle anderen möglichen und unmöglichen Kandidaten  auch – nicht perfekt. Er hat keine Erfahrung in der Führung großer Redaktionen, sein eigenes Blatt, der Freitag, dümpelt vor sich hin. Und doch … die Idee hat was. Jakob Augstein hat sich als Autor, Kolumnist und Talkshow-Gast immer wieder klug in aktuelle Debatten eingemischt. Er hat Haltung und intellektuelles Format. Er ist ein Treiber der digitalen Transformation. Eigenschaften, die der Spiegel an der Spitze dringend braucht. Er trägt den Namen Augstein. Das mag banal klingen, hat aber eine ganz eigene Macht. Und er ist „im Zweifel links“ – wie auch seine Kolumne bei Spiegel Online heißt und was einst die DNA des Spiegel ausdrückte. Unter einem Chefredakteur Jakob Augstein wäre beim Spiegel natürlich auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Das wäre es bei keinem. Doch – seien wir ehrlich – so gut wie alles wäre besser für den Spiegel, als die aktuelle Situation. Alles.

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Alle Kommentare

  1. Wer kauft denn heute noch eine Zeitung oder ein Magazin? Es gibt in den Magazinen kein Wissen mehr das Geld wert wäre, weil es einen weiterbringt oder Vorteile bringt. Der Stern, der Spiegel und die anderen drumherum haben nichts mehr von echtem Mehrwert. Sie werden sicherlich noch weiterleben, weil viele einfach so viel Geld haben, daß sie sich ein Magazin einfach so kaufen. Das Problem der Nachrichtenmagazine ist, daß Nachrichten überall umsonst zu haben sind. Drumherum ist auch alles kostenlos und zusätzlich wird das Spezielle doch irgendwie immer etwas später kostenlos angeboten.
    Die aktuellen Versuche von der sz und anderen, mit einer app einen komplette webseite als zeitung zu programmieren oder diese aufwändigen fotostories sind eher nicht für die Bezahlung geeignet. Man will doch, daß sie angeschaut werden. Ich glaube, daß privater Journalismus sich verlagert vom Bezahljob in das private Engagement als akademischer Hartler, als nebenbei Blogger oder als Hobby bei Rente. Renter sind die Journalisten von morgen und ehemalige WDRler sind schon aktiv die kostenlos online Journalisten von heute (weil man sich dass mit diesen Pensionen auch gut leisten kann). Das ist meine Meinung, andere Meinungen mit Argumenten, die besser sind als meine, würde ich gerne hören, weil ich bisher nichts anderes erlebe.

    1. 1. Ich kriege als Journalist keine Stelle, weil ich über 50 bin. Also habe ich versucht was anderes zu machen und nebenbei journalistisch zu arbeiten. Da sagen mir DJV und andere, ich würde keinen Presseausweis bekommen, weil ich nicht hauptberuflich arbeite.
      2. Alle Onlineangebote sind kostenlos, weil sie sonst kaum einer liest und man völlig aus der öffentlich sichtbaren Meinung verschwindet – auch von denen, die Bezahlschranken eingeführt haben übrigens.
      3. Wovon soll man nun also leben? Ich sehe das so wie oben aufgeführt. Ich kenne viele Akademiker, die von Hartz 4 leben und mit ihrem Fachwissen nebenbei die berühmten 100 Euro verdienen, die nicht angerechnet werden, weil es in Deutschland unmöglich ist, freiberuflich so anzufangen, daß man nicht sofort in ein Loch fällt. Mit Hartz 4 bist du abgesichert mit Krankenversicherung etc. als Freiberufler mußt du sofort knapp 200 Euro KV bezahlen plus diverse andere Kosten decken ohne schon einen Auftrag zu haben. Ich finde Deutschland absolut erstickend, wenn es um die Kreativwirtschaft geht – und das, obwohl Medienarbeit gerade in der Demokratie so wichtig ist.
      4. Den meisten Journalismus machen heute Rentner. Gut bezahlte ehemalige WDR Redakteure kenne ich auch, die heute als Hobby Verreisen und Bloggen und mit ihren Kenntnissen von früher die besten Kontakte haben. Da machen also die Ehemaligen den Aktiven Konkurrenz und den Privaten den Garaus – so ist das im Journalismus.
      5. Was machen denn Magazine wie Vice anders, die leben doch ganz gut, machen guten Journalismus, der oft besser ist wie die ganze gez-Küche und sie werden gelesen?

  2. Der einzige namhafte Publizist in Deutschland, der in der Märchenwelt der Medien zum Thema Ukraine so etwas wie den Durchblick behalten und dem Leser erhalten hat, war Jakob Augstein. Das hat mit links-rechts nichts zu tun, sondern damit, in der deutschen medialen Einheitssoße dem Spiegel nach den unsäglichen Aust-Themen wieder etwas vom Sturmgeschütz der Demokratie zurück zu geben. Sonst geht er in der Beliebigkeit unter wie Stern oder Focus.

  3. Ich habe Angst, dass mit dem Verlust des auf Papier gedruckten Wortes die
    Wahrheit verloren geht ! Auch hier wird bereits Zensur unterstellt . Unseren
    7 Wochenblättern Spiegel, Stern Fokus, ZEIT, FAS , Welt am Sonntag und Freitag habe ich vorgeschlagen, 50 % Rabatt zu gewähren für Arme , damit wäre auch die Auflage etwas zu steigern ! 1 Cent pro 50 %-Exemplar bitte an mich, denn außer mir
    hat hier offensichtlich KEINER eine Idee !

  4. Jakob Augstein ist im Zweifel links, und der SPIEGEL wäre es unter seiner Leitung vermutlich auch. Ja und? Es täte der Meinungsvielfalt im Lande keinen Abbruch, wenn das führende Nachrichtenmagazin der Republik endlich wieder eine eigene Position bezöge. Aus meiner Sicht ist auch der Freitag ein gelungenes Medium – dass es auflagenmäßig nicht mit dem SPIEGEL mithalten kann, liegt in der Natur der Sache. So betrachtet stimme ich Stefan Winterbauer zu: Alles wäre besser als Büchner – aber zu Augstein sehe ich persönlich derzeit keine Alternative.

  5. Warum werden diese schönen Artikel, samt Links zu Turi2.de, eigentlich kurz nach Erscheinen wieder umgeschrieben und um pikante Details verschlankt? Wie unabhängig ist die Meedia-Redaktion?

  6. Vielleicht sollte man einfach mal auf den Mann an der Spitze, Büchner, hören und ihn bestimmen lassen, wen er in seiner Redaktion als Redakteure sehen will. Das ist seine Aufgabe, und die der Redakteure zu schreiben und nicht Blatt zu machen.

  7. Ja, Jakob Augstein ist ein sympathischer, intelligenter Mensch. Und er ist einer der Erben des Verlags. Aber eben auch Mitgesellschafter. Im Amt eines Chefredakteurs müsste er diese Anteile abtreten, um glaubwürdig zu sein. Aber die Milliönchen, die bislang floßen, braucht man beim „Freitag“.

    Die Argumente, er habe mit dem Freitag managerielle Erfahrung gesammelt und dort ja auch die digitale Agenda vorangetrieben, verfangen meines Erachtens nicht. Augstein kann sich den Freitag leisten, aber wirtschaftlich hat er keinen Beleg liefern können, eine (kleine) Zeitung voranzubringen. Und warum wurde das Projekt damals nicht gleich rein digital angelegt? Wahrscheinlich weil Augstein gar kein digitaler Mensch ist. Die Website ist hübsch, aber mehr auch nicht. Technische Chancen werden da – auch mangels Geld – aber im Grunde aus den gleichen Gründen wie bei konventionellen Redaktionen vergeben: einfach weil der Leitwolf „old school“ ist.

    Nicht dass das per se ein Malus wäre. im Gegenteil. Aber wenn man jemanden wie Augstein, der ein interessanter und diskursiver Diskussionspartner ist, ohne Frage, zu mehr machte als was er derzeit wäre, zu einem Chefredakteur eines Magazins wie dem Spiegel statt lediglich zu einem Autoren oder – bereits mit Geschmäckle – zu einem Ressortleiter, dann wäre das peinlich für den Spiegel und kein Fortschritt. Ich erinnere da nur an as „Peter-Prinzip“.

    Wir verfolgen alle neugierig, was da bei Spiegel passiert. Weiden uns an den Fetzen, die fliegen, wissen aber kaum, was wirklich ansteht (s. FAZ). Und hinterher tut es uns Medien-Kollegen dann wieder leid, dass da etwas kaputt gegangen ist, dessen Untergang (hier eines Kollegens) wir vorher herbeizudiskutieren suchten…

    Übrigens glaube ich kaum, dass man jemanden einen Gefallen tut, wenn man ihn heribeizuschreiben sucht – bei aller Freundschaftsdiensterei…

  8. Was hier passiert, wird sehr schön im Roman von Adler-Olsen, das Washington Dekret, erzählt! Wie leicht geht heute der Wandel von Demokratie zur Diktatur!!! Und das nur wegen korrupter Menschen, die ihre Widersacher loswerden wollen.

  9. Augstein wäre mit Abstand die beste Lösung. Er ist in jeder Hinsicht kompetenter, intelligenter und souveräner als Büchner, der die schlimmsten Befürchtungen seiner Kritiker bestätigt hat. Wie konnte man so einen Mann nur zum Chefredakteur des wichtigsten deutschen Magazins machen?

  10. Augstein ist zu einseitig links und unausgewogen. Glaube kaum, dass DER SPIEGEL soweit nach links rücken will.

  11. Ihre Analyse trifft zu. Aber Jakob Augstein als neuer Spiegel-Chefredakteur? Der Gedanke hat zwar etwas, aber wollen Gesellschafter, Geschäftspartner und Anzeigenkunden einen Spiegel mit Links-Drall? Wohl eher nicht, und ob sich der Spiegel-Gesellschafter Augstein die Spiegel-Chefredaktion antun will, ist zu bezweifeln – wenn er Ambitionen in dieser Richtung hätte, hätte er schon Mascolo/Blumencron beerben können. Nachdem sich ein riesengroßer Scherbenhaufen beim Spiegel-Verlag abzeichnet, bei dem vermutlich alle vier Hauptprotagonisten (Saffe, Büchner, Mahler, Gorris) werden gehen (müssen), bedarf es eines großen Versöhners, der aus dem Trümmerhaufen etwas Neues schaffen kann. Einer mit journalistischem und menschlichem Format, der allseits anerkannt und respektiert wird und der bereits bewiesen hat, dass er aus hoffnungslos verfahrenen Situationen heraus einen Neustart schafft und der Marke inhaltlich und wirtschaftlich neues Leben einhaucht. In der deutschen Medienlandschaft entspricht diesen Anforderungen nur ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.

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