Genug gekuschelt! Warum die Autorisierungspraxis deutschen Medien schadet

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Justizminister Heiko Maas

Immer wieder gelingen der Financial Times und anderen ausländischen Redaktionen Scoops aus Deutschland, die für ihre deutschen Kollegen schon im Ansatz unmöglich sind. Warum? Weil sie weiterhin an der unsäglichen Autorisierung von Interviews festhalten. Damit nehmen sie sich selbst die Chancen für einen fairen Wettbewerb und schieben herausragenden journalistischen Bezahlinhalten von vorneherein einen Riegel vor. Ein Gastkommentar von Peter Littger.

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Von Peter Littger

Wenn sich Heiko Maas, der deutsche Minister für Justiz und Verbraucherschutz, exklusiv, ausführlich und vor allem sehr kritisch über die Geschäftspraktiken von Google auslässt, dann will ich das lesen – selbst wenn ich dafür einen digitalen Artikel oder eine Zeitungsausgabe kaufen muss! Und wenn ich dann feststelle, dass ihm die Äußerungen von britischen Journalisten (wieder einmal) entlockt worden sind, dann frage ich mich, was sich auch jeder journalistisch relevante Chefredakteur in Deutschland fragen sollte: Warum ist es keiner deutschen Redaktion, gelungen mit der Geschichte Geld zu verdienen?

Am Dienstag hatte ich dieses Erlebnis – und es war wieder eine Bestätigung dafür, warum es sich lohnt, die Financial Times zu abonnieren. Minister Maas hatte Jeevan Vasagar, dem Korrespondenten der FT in Berlin, in einem Interview erklärt, Google müsse sich transparenter verhalten und seinen Suchalgorithmus veröffentlichen, wenn der Konzern seine Zerschlagung als letzte Option vermeiden wolle.

Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Relevanz die Forderung des Ministers aus Sicht einer Nachrichtenredaktion haben sollte, stelle ich mir für einen Moment vor, er hätte dasselbe über die Rezeptur und die Zukunft von Coca Cola gesagt. Einerseits gilt das Brausewasser aus Atlanta noch immer als das „bestgehütete Geheimnis der Welt“, andererseits hat der Umsatz von Google vor ungefähr zwei Jahren den von Coca Cola überholt und war 2013 mit ca. 60 Mrd Dollar rund 13 Mrd größer. Da nun zugleich der Markt der Brausewasser längst nicht in der Form von Coca Cola beherrscht wird (ca. 26% weltweit) wie der Markt der Suchmaschinen von Google (90% Europa, 68% USA), kann ich mir im Moment kaum einen kühneren, auf ein Unternehmen gerichteten Angriff vorstellen als diesen. Und wenn er auch noch von einem Mitglied der deutschen Regierung kommt, ist sie nach allen Kategorien der Nachrichtentheorie eine nationale wie internationale Spitzenmeldung. Die FT hat diese Konstellation geschickt herbeigeführt und das Ergebnis journalistisch professionell als Aufmacher inszeniert.

Die deutschen Medien dackelten im Laufe des Vormittags pflichtbewusst und angemessen hinterher, so dass wenigstens klar war: Zitieren können wir! Nun wird es selbstverständlich verschiedene Gründe dafür geben, warum der FT dieser Scoop gelungen ist. Wäre es das erste oder zweite Mal, dass die Briten exklusiv aus und über Deutschland berichten, würde ich dem Hintergrund keine Beachtung schenken. Doch mein Eindruck ist ein anderer: Es gibt systematische Gründe für diese Nachrichtenlage. Sie mögen auch individueller Natur sein, sowohl in den Redaktionen (Einfallslosigkeit, Faulheit, Energieverlust durch Putschaktionen gegen Chefredakteure) sowie im Zusammenspiel einzelner Journalisten  mit einzelnen Politikern (Gängelei). Doch ein harter, dingfest ausmachbarer Grund liegt im System: Es sind die unterschiedlichen Spielregeln zwischen der deutschen Politik und deutschen Redaktionen auf der einen und ausländischen Redaktionen auf der anderen Seite.

Ein wichtiger Unterschied liegt in der unsäglichen Praxis der Autorisierung von Interviews. Das bedeutet – und jeder, der dies liest, wird es wissen –, dass deutsche Journalisten mit ihren Interviewpartnern in Berlin kaum anders verfahren als etwa die eitlen, komplett PR-gelenkten Stars in Hollywood erwarten würden: Ist das Gespräch einmal geführt und aufgenommen, beginnt erst die richtige Arbeit, denn es muss abgestimmt, häufig verändert, gekürzt oder „entschärft“ werden, wie es im PR-Jargon heißt. Darüber ist schon viel geklagt und geschrieben worden, nicht zuletzt durch mich selbst: Im Jahr 2001 hatte ich in der Zeit über das Problem unter der Überschrift „Die Umschreiber“ berichtet.

Schon damals verblüffte es, dass bei uns Methoden gelten, die weder unserer Verfassung gerecht werden noch unserem Ansehen als freies Land, das mit viel innerer Anstrengung zwei Diktaturen überwunden hat, die wesentlich von der Abhängigkeit ihrer Nachrichtenmedien lebten. John Hooper, der damals Korrespondent des Guardian in Berlin war, sagte mir im Jahr 2001: „Was von Journalisten in Deutschland verlangt wird, ist nur mit Diktaturen vergleichbar.“ Eine andere Aussage, an die ich mich noch heute gut erinnern kann, stammte vom damaligen Regierungssprecher Bela Anda, der nach Umwegen heute wieder für die Bild-Zeitung arbeitet. Er bestätigte, dass besonders gegenüber Briten und Amerikanern nicht immer von einer nachträglichen Autorisierung ausgegangen werden könne. Das war etwas kompliziert formuliert, aber in der Sache klar. Es gibt zwei Klassen von Journalisten: Die einen müssen autorisieren, die anderen nicht.

13 Jahre später bestätigt nun Jeevan Vasagar, dass sein Gespräch mit Minister Maas nicht autorisiert worden sei. Er habe lediglich eine Abschrift vorgelegt, die letztendlich unverändert hinter dem Hauptartikel veröffentlicht worden ist.

Und apropos Hauptartikel: Darin liegt ein zweiter, entscheidender Unterschied für die leidige Praxis, der zu hundert Prozent den deutschen Journalisten angelastet werden muss: Während Briten meistens so genannte durchgeschriebene Texte verfassen, in denen sie einzelne Zitate aus den Gesprächen nutzen, aber darüber hinaus auch andere Stimmen zu Wort kommen lassen und das Gespräch insgesamt journalistisch einordnen, ziehen deutsche Journalisten sehr häufig die Form des Wortlautinterviews vor. Damit entziehen sie sich jeder journalistischen Einordnung, was man objektiv finden mag, was aber vor allem einfach und bequem ist. So schön sich Wortlautinterviews machen und lesen lassen (und ich habe sie selbst oft gemacht), so sehr darf nicht übersehen werden, dass sie die Wirklichkeit stets sehr konstruiert wiedergeben, weil etwa Dialoganschlüsse und überhaupt die Gesprächsdramatik in Teilen erfunden werden müssen. Viele solcher „Verbatim“-Interviews, wie sie im Englischen heißen, sind langweilig. Und wenn sie es nicht sind, haben sie viel mehr mit Theater und mit Tom Kummer als mit dem exklusiven Nachrichtenjournalismus zu tun, für den die Menschen Geld bezahlen möchten. Darüber hinaus habe ich Verständnis für jeden Interviewpartner, der unbedingt vorab sehen möchte, in welches Drama er gezogen wird. Das ist mein Punkt: Wortlautinterviews steigern den Wunsch und das Recht auf Autorisierung. Wirklich journalistische Texte nehmen ihr von Anfang an die Rechtfertigung.

Was nun das Festhalten der Deutschen an der Autorisierung im Jahr 2014 besonders unfassbar macht, ist der wettbewerbliche Aspekt. Gerade in einer Zeit, in der Verlage knapsen und um jeden Krumen Aufmerksamkeit kämpfen, sollte ihnen das Interview der FT mit dem Bundesjustizminister – ausgerechnet über die marktbeherrschende Stellung von Google – eine Mahnung sein: Hört auf, Euch im eigenen Land und vor der eigenen Tür die Marktchancen zu rauben! Anstatt ständig nur Google zu verteufeln, nutzt Eure Lobbypower lieber, um ein verlässliches Regelwerk für Interviews in Deutschland zu verhandeln, dass der Meinungsfreiheit aber auch der Verantwortung gerecht wird, die eine freie Presse hat.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sich Verlage darüber im Klaren sind, dass die gegenwärtige Autorisierungspraxis viele der Konflikte spiegelt, die auf europäischer Ebene existieren, wenn zum Beispiel über Wettbewerbsschranken oder die Abschottung von Teilmärkten oder Berufsgruppen und immer wieder auch intransparente Regelwerke diskutiert wird. Im gehobenen Denglisch des freien Handels von Waren und Dienstleistungen geht es um „level playing field“, also gleiche (und faire) Wettbewerbsbedingungen, die gerade von den Briten immer wieder gegenüber uns Deutschen eingefordert werden, bezeichnenderweise vor allem für den Dienstleistungssektor, unter den Verlage mit ihren digitalen Produkten zunehmend fallen. Nur, dass die Abschottung und Intransparenz den Verlagen im Unterschied zu anderen Branchen nicht nutzt, sondern schadet!

Um es ganz deutlich zu sagen: Solange deutsche Journalisten mit  Politikern (und mit Wirtschaftsführern) kuscheln, mal aus Konvention, mal aus Angst, mal aus Faulheit, und solange der Widerstand gegen die Autorisierung nur auf den Seiten der „tageszeitung“ und in den Köpfen einiger Chefredakteure existiert, solange gehören die deutschen Jagdgründe für echte Scoops der FT und Co. Und solange Verleger zur Abwehr von Google und Co. globalgalaktische Regulierungen fordern und ein immer engeres Geflecht mit der Politik riskieren, aber sich nicht für ihre Journalisten und ihren Journalismus einsetzen indem sie die Spielregeln für Interviews unmissverständlich  klären (und Beziehungen zur Politik möglichst entflechten), solange bleibt ihr Reden über „journalistische Bezahlinhalte“ nicht mehr als wohlfeiles Gerede.

Peter Littger ist Berater für Medieninhalte und Partner von Premium Media Content Consulting (Berlin/London): littgeratpremiummedia.cc. Er hat für MEEDIA u.a. den besonderen Wert von Print Produkten erklärt sowie über das Dilemma der öffentlich-rechtlichen Grundhaltung in überregionalen Verlagen geschrieben. Twitter: @plittger

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Alle Kommentare

  1. Ich bin skeptisch ob die „nicht Authorisierung“ im englischen Sprachraum wirklich keine Rolle spielt.
    Wo ist der Unterschied zwischen Native Advertising und einem Interview das nachträglich „umautorisiert“ wurde?!
    Qualitativ für mich kein Unterschied als Rezipient, belogen werde ich beides mal.

  2. Ich habe oft genug erlebt, was bei Interviews ohne Autorisierung rauskommt. Gerade bei komplexen Themen sind Autorisierungen unabdingbar. Den Preis für das mangelnde Fachwissen des Interviewers zahlt ansonsten der Interviewte, der im Ergebnis dann häufig wie ein Depp da steht.

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