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Wolfgang Michals offener Brief an die Carta-Autoren: „Wir sind Teil des schmerzhaften digitalen Wandels“

Herausgeber Wolfgang Michal, Carta-Website
Herausgeber Wolfgang Michal, Carta-Website

Neue Eskalationsstufe im Carta-Streit: Ex-Herausgeber und Gründungsmitglied Wolfgang Michal hat nun in einem offenen Brief an die Autoren nach eigener Aussage "seine Sicht der Dinge" dargelegt. Die beiden öffentlichen Briefe von der bisherigen Mit-Herausgeberin Tatjana Brode und des Fördervereins enthielten demnach Unwahrheiten. In einem ausführlichen Schreiben zeigt sich der Journalist kämpferisch, aber auch zutiefst verletzt.

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Demnach ginge es im seit Wochen schwelenden Konflikt mitnichten „nur um Teile der Redaktion, die mit dem Übernahmecoup durch den Förderverein nicht einverstanden waren“. Laut Michal sei die komplette Redaktion damit nicht einverstanden gewesen. „Und die Redaktion bestand bei Carta praktisch immer nur aus zwei Personen: Vera Bunse und mir“, so der Autor.

Für ihn geht es nicht um einen Streit auf Kindergarten-Niveau, sondern „die Verteidigung der redaktionellen Unabhängigkeit, also darum, ob die Website carta.info weiter eine journalistisch ausgerichtete Plattform bleibt oder sich zu einem weitgehend intransparenten Projekt eines kleinen Berliner ‚Netzwerker‘-Klüngels entwickelt.“ Dafür gebe es angeblich Anzeichen. In dem Brief heißt es wörtlich weiter:

„Anfang Juli legte mir der im Mai neu gewählte Carta- Vereinsvorstand einen neuen Redaktionsleiter-Vertrag für die Website vor, der in wesentlichen Punkten von meinem bisherigen Vertrag abwich. Ich sollte Veröffentlichungen auf Carta künftig mit allen Herausgebern und dem Fördervereins-Vorstand abstimmen. Darüber hinaus enthielt der Vertrag zahlreiche Aufgaben, die mit der Tätigkeit einer Redaktionsleitung nichts zu tun haben, etwa die Arbeit für den Förderverein und die Abtretung meiner Autorenrechte.

Ich habe das nicht unterschrieben. Anfang September wurde ich dann mit der Berufung eines neuen Herausgebers durch den Förderverein (der gar nicht zuständig ist) konfrontiert. Zuständig sind die Gesellschafter der Carta Unternehmergesellschaft (UG), die als Verlag im Impressum steht. Gesellschafter sind Tatjana Brode und ich. Bislang wurden alle wichtigen Fragen einvernehmlich zwischen uns entschieden. Nach der putschartigen Übernahme der Website durch den Förderverein am 11. September präsentierte sich der Verein dann auf der Website großspurig als „nichtkommerzielles Netzwerk.“

Für Michal sei das ein Rechtsbruch. Da der Verein erst nach der Gründung der UG gegründet worden sei und weil es sich nicht um einen Trägerverein handle, hätte er auch nicht die Befugnisse, die aktuellen Entscheidungen rechtskräftig umzusetzen. Michal weiter:

„Ich habe die Absurdität des Vorhabens jedem einzelnen Mitglied des Vorstands geduldig dargelegt. Sie wollten es nicht einsehen. Darunter litt die Carta-Redakteurin Vera Bunse, die gern mit mir weiterarbeiten wollte, aber aufgrund der monatelangen Hängepartie praktisch Alleinredakteurin war. Die Mitglieder des Vereinsvorstands halfen ihr nicht. Dem Vorstand war die prekäre Situation egal. Er fuhr in Urlaub, ohne das drängende Problem zu lösen. (Vera Bunse hat das Ihrige dazu schon gesagt).“

Der Journalist macht keinen Hehl daraus, auch persönlich von der Entscheidung des Vereins, ihn als Herausgeber abzusetzen, enttäuscht zu sein.

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„An dieser Stelle muss ich etwas Persönliches loswerden: Ich habe seit der Gründung von Carta durch Robin Meyer-Lucht im Jahr 2008 viel für den publizistischen Erfolg des Portals getan, zunächst als regelmäßiger Autor, ab 2010 auch als Redakteur und Herausgeber. Mit Ausnahme von neun Monaten in 2013/2014, in denen ich eine minimale Aufwandsentschädigung erhielt (nicht vom Verein, sondern von der UG) habe ich von Carta nie einen Cent genommen. Im Gegenteil, ich habe eingezahlt: in Form von Geld und nicht vergüteter Arbeit. Während dieser sechs Jahre habe ich rund 500 Beiträge für die Plattform geschrieben, mehr als jede/r andere. Auch in der Meistgelesen-Statistik muss ich mich nicht verstecken. Dass ich vergangene Woche – heimlich und ohne jede Begründung – ausgesperrt wurde, hat mich zutiefst verletzt.“

In dem langen Brief geht er auch auf Spurensuche und versucht zu gründen, wie es dazu kommen konnte, dass Verein, die Gründungsriege, Redaktion und Autoren sich auf Dauer so weit voneinander entfernt haben. Für ihn ist Geschehene, von persönlichen Problemen einmal abgesehen, kein Einzelfall für kleine Netzprojekte:

1. „Bedingt durch den Kapitalmangel sind kleine journalistische Medien-Projekte im Netz oft hybride Angelegenheiten. Meist mischen nur wenige hauptberufliche Journalisten mit. Die Mehrzahl der Beteiligten kommt aus der Berater- und Projektentwicklerszene, aus Hochschul- oder privaten Instituten, aus der Internetwirtschaft, aus freien Berufen – insgesamt aus einer Dienstleistungsbranche, in der journalistische Grundregeln nicht ganz so wichtig genommen werden wie ‚gelernte’ Journalisten das erwarten. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch der Journalisten, ein unabhängiges Medium im Netz zu etablieren und den Interessen derjenigen, die ein funktionierendes (und legitimes) Netzwerk zur gegenseitigen Förderung schaffen wollen, führt dann zwangsläufig zu Zusammenstößen.

2. Oft ist die Entwicklungs-Dynamik von Internet-Projekten durch mangelnde physische Begegnung stark reduziert. Vieles dauert zu lang, Missverständnisse häufen sich, die Gereiztheit steigt. Menschen, die irgendwo vor ihren Rechnern sitzen und sich nur hin und wieder direkt begegnen, entwickeln auch wenig Verständnis für die unterschiedlichen Lebenswelten der anderen Projekt-Beteiligten. Insbesondere Medienmacher brauchen den ständigen Austausch in einer echten Redaktionsatmosphäre. Ist das nicht möglich, verhärten sich Animositäten, Vorurteile und Gerüchte schneller zu Sprengsätzen als dies in realen Bürogemeinschaften der Fall ist. Telefon-Konferenzen und E-Mail-Auseinandersetzungen eskalieren, weil das nonverbale Verhalten der Gegenseite nicht sichtbar ist und deshalb nicht Konflikt dämpfend wirken kann. Kommen dann Arbeits- und Geldverteilungsprobleme hinzu, entstehen häufig Kommunikationsblockaden (sprich: es tritt beleidigtes Schweigen ein). Es ist sicher kein Zufall, dass der Konflikt bei Carta zwischen den Berlinern auf der einen Seite (Tatjana Brode, Leonard Novy) und den in der Provinz Wohnenden auf der anderen Seite (Vera Bunse, Wolfgang Michal) entstehen musste.

3. Ein weiteres Problem verschärft die beiden ersten. Verliert man im Lauf der Zeit das große Anfangsziel aus den Augen, spürt man die Mühen der Ebene. Das Projekt stagniert oder schwächelt. Selbstzweifel und Burnout-Gefühle tauchen auf. Ich habe dies in einem Carta-Beitrag unter dem Titel „Braucht es uns noch?“ im Februar beschrieben. In solchen Phasen sammeln sich die unterschiedlichen Interessengruppen eines Projekts um ihre (ideologischen) Kristallisationskerne, identifizieren Schuldige und fordern durchgreifende Richtungsentscheidungen, Neuaufstellungen, Relaunches, neue Konzepte, kurz: „Neustrukturierungen“. Es kommt dann zu Reibereien, Machtkämpfen und Richtungsentscheidungen. Bei Carta hat dieser Krisen-Prozess vor einem halben Jahr begonnen.“

So rumore der digitale Veränderungsprozess, über den man auf Carta allzu oft schreibe, auch im Projekt selbst. „Wir sind Teil des schmerzhaften digitalen Wandels und stehen nicht außerhalb oder gar über ihm“, so Michal.

Wer nun Recht hat im komplexen Carta-Konstrukt mit seinen vielen Autoren, Beteiligungen und Förderern, lässt sich nur schwer herausfinden. Während Michal behauptet, bei der Berufung des neuen Herausgebers Christian Stahl nicht informiert gewesen zu sein, behauptet Mit-Herausgeberin Tatjana Brode gegenüber MEEDIA, die Berufung Stahls sei sehr wohl mit Michal besprochen worden. Er sei nur eben überstimmt worden.

Hier können Sie den kompletten Brief im Original nachlesen.

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