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„Der Wüstensohn“: der neue München-„Tatort“ im MEEDIA-Check

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Das Einschalten lohnt: Ivo Batic und Franz Leitmayr melden sich mit einem rasanten und komplexen "Tatort" aus der Sommerpause zurück: Wirtschaftskriminalität, Kulturenkonflikte und ein arabischer Prinz im Schatten seines mächtigen Vaters – "Der Wüstensohn" im MEEDIA-Check.

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Die Story:
Ein Lamborghini rast durch München und missachtet dabei jede rote Ampel. Als die beiden Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr den Wagen stoppen, finden sie auf dem Beifahrersitz eine Leiche. Am Steuer: Nasir al Yasaf (herausragend gespielt von Yasin el Harrouk), der Prinz von Kumar, Sohn des Emir. Geschützt durch seinen Diplomatenstatus nimmt sich Nasir in Deutschland alle Freiheiten. Auch Batic und Leitmayr sind zunächst die Hände gebunden, sie dürfen den Prinzen weder befragen noch das Auto untersuchen geschweige denn sein Haus für die Ermittlungen betreten. Doch schließlich kooperiert Nasir, denn der Tote war sein bester Freund. Schnell verdichten sich die Hinweise, die Ermordung könne im Zusammenhang mit illegalen Geschäften stehen und die Spur führt ins Bayerische Wirtschaftsministerium.

Die Story hinter der Story:
Der Mord gerät schnell in den Hintergrund der Geschichte, im Vordergrund des „Tatort“-Debuts von Regisseur Rainer Kaufmann steht ein kompliziertes Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie einem arabischen Prinzen, der in Deutschland so „richtig die Sau rauslässt“, wie Batic es nennt. Nasir lebt in München all das aus, was er sich unter den strengen Augen seines Vaters in Kumar sicherlich nicht erlauben könnte. So arrogant, selbstsicher und wütend der Prinz zu Beginn der Story auftritt, so verunsichert und verloren wirkt er am Ende. Tatsächlich ist „Der Wüstensohn“ vor allem ein Film über einen jungen Mann zwischen zwei Kulturen, über einen Sohn, der sich nach der Anerkennung seines mächtigen Vaters sehnt und trotzdem in Deutschland alles dafür tut, dessen Respekt komplett zu verspielen.

Sind die Ermittler in Form?
Batic und Leitmayr in Bestform: sie spielen sich in Befragungen die Bälle zu und verstehen sich ohne Worte – die beiden Silberfüchse wirken einmal mehr wie ein altes Ehepaar.

Der Satz zum Mitreden bzw. Mitstreiten:
„Mein Vater ist der Schuster von Kroatien, es ist mir scheißegal, wer oder was dein Vater ist. Wir sind hier in Deutschland, hier gelten Regeln. Und wenn du dich an die nicht hältst, sitzt du schneller in der Zelle als du Emir sagen kannst.“

Was taugt das Drehbuch?
„Der Wüstensohn“ ist ein Wirtschafts-Krimi, der weit über die simple Suche nach dem einen Täter hinausgeht. Vor allem in der zweiten Hälfte nimmt das Tempo des Films noch einmal an Fahrt auf, bevor es in den letzten 10 Minuten fast unerträglich spannend wird. Was teilweise stört, sind die sprachlichen Redundanzen („Bitte sprechen Sie deutsch!“ oder „Wir haben nur Tee getrunken“), wenn es um den Konflikt zwischen den arabischen Diplomaten und deutschen Polizeibeamten kommt.
Pluspunkt: Die Digitalisierung ist endgültig im Münchner „Tatort“ angekommen: Tablets werden ganz selbstverständlich zu Ermittlungszwecken genutzt und es spielt sogar ein Blogger mit, der sich selbst als Journalist bezeichnet. Ja, wirklich.
Minuspunkt: „Kameltreiber, blöde“ oder „Schmieriger Teppichhändler“ – auf diese beiden sprachlichen Ausbrüche der Kommissare hätten die Drehbuchautoren Alexander Buresch und Matthias Pracht gut und gerne verzichten können. Auch wenn Batic und Leitmayr sich jeweils gegenseitig für die Ausdrücke maßregeln, lösen sie beim Zuschauer ein unangenehmes Magengrummeln aus.

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Gossip-Schnippsel: Mit dieser Hintergrund-Info können Sie punkten:
Der fiktive Prinz Nasir al Yasaf ist von der realen Person Saif al Gaddafi inspiriert. Der verstorbene Sohn des libyschen Diktators Muammar al Gaddafi lebte einige Jahre ein glamouröses Leben in München.

Eher peinlich:
Franz Leitmayers Gespräch von Alt zu Jung mit Nasirs Handlanger Henk (Wilson Gonzalez Ochsenknecht), in dem er ihn vor dem Prinzen warnt. Und überhaupt Wilson Gonzalez Ochsenknecht.

Offene Fragen:
Der Film lässt einen verzweifelten jungen Mann zurück, der aus seiner Sicht von allen enttäuscht wurde, denen er vertraut hat – außer von dem Emir und seinem Land. Sein letzter Satz im Film „Ich kann machen was ich will, nur eines kann ich sicher nicht: frei sein“ wirft die Frage auf, wie er sein Leben in München nach den Enttäuschungen und weit weg von seinem Vater weiterleben wird.

Einschaltempfehlung auf einer Skala von 1 bis 10: 9

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