Anzeige

„Gefährlicher Populismus“: ein Theaterstück will den Boulevardjournalismus entlarven

theaterstueck-1.jpg
Ingolf Lück als Boulevardjournalist Marco im Theaterstück "Seite Eins" (Fotos: Volker Zimmermann)

Ein Theaterstück über einen Boulevardjournalisten hatte in der vergangenen Woche Premiere am Stadttheater Gütersloh. Hundert Minuten mit dem Reporter Marco, der eine junge Sängerin zu einem Deal überredet, um an eine Story für die Titelseite zu kommen. Comedian Ingolf Lück spielt den Journalisten, geschrieben hat das Stück "Seite Eins" der Autor Johannes Kram. MEEDIA hat mit ihm gesprochen.

Anzeige
Anzeige

Warum ein Theaterstück über einen Boulevardjournalisten?
Boulevard und Klatsch ist überall, er hat es vom Frisörsalon auf die Startseite von FAZ.net geschafft. Die großen Boulevard- und „People“-Formate haben in den letzten Jahren viel dafür getan, als ernsthafte, aufgeklärte Medien betrachtet zu werden. Ihr oft gefährlicher Populismus versteckt sich hinter Harmlosigkeit. Die Bild-Leute haben Sarrazin und seine Agenda groß gemacht und sie können trotzdem so tun, als hätten sie damit nichts zutun, als sei ihr Blatt verantwortungsvoll und ausgewogen. Schliesslich, schaut her: Auch Alice Schwarzer schreibt für uns! Darüber hinaus geriert sich der Boulevard immer mehr als Volkstribun, der viel mehr als die angeblich realitätsferne und dekadente Politikerklasse dafür legitimiert ist, die Interessen des Volkes wahrzunehmen. Ich habe nicht den Eindruck, das dieser Aspekt der sogenannten Wulff-Affaire von der grossen Medien angemessen reflektiert worden ist. Vielleicht, weil sie zu nah dran sind. Theater kann den nötigen Abstand schaffen und deswegen ganz genau hinschauen. Es kann Menschen unmittelbar berühren und sie damit konfrontieren, dass auch sie selbst Teil des Geschehens sind. Aber wichtig war natürlich auch, dass der Typ Boulevardjournalist ein dankbarer Stoff für eine spannende und unterhaltsame Geschichte war.

Im Kern geht es in dem Stück um einen Journalisten, der eine junge Sängerin zu einem Deal überreden will – Infos gegen Bekanntheit – und sie dabei auf vielfältige Weise kompromittiert. Haben Sie solche Fälle recherchiert?
Viele Journalisten und Medienmacher hatten das Stück vorher gelesen und die häufigste Frage an mich war, warum ich mich für eine – gemessen an tatsächlichen Fällen – eher harmlose Geschichte entschieden habe und dazu noch für eine junge Sängerin, also eine Person, die in der Gesellschaft keine besondere Rolle spielt. Aber ich habe das bewusst gemacht. Einmal um den Zuschauern einen leichten Zugang in eine verworrene Welt zu ermöglichen. Und zum anderen, weil die gleichen Methoden, die gleichen – natürlich unausgesprochenen – Deals auch in der Politik funktionieren.

270814_0366

(Foto: Volker Zimmermann)

Gibt es ein reales Vorbild für Marco, den Journalisten? Ist das Klischee des schmierigen Boulevardjournalisten mehr als ein Klischee?
Es gibt kein konkretes Vorbild für Marco, aber viele Vorbilder unterschiedlichster Gehaltsklassen. Vieles von dem, was Marco sagt, habe ich genau so gehört, einiges wurde mir von unterschiedlichsten Quellen  berichtet. Auch habe ich aus Büchern und Interviews – etwa von Kai Diekmann und Patricia Riekel – plagiert. Ich glaube nicht, dass die Figur des Marco auf der Bühne hundert Minuten so funktionieren würde, wenn sie ein Klischee wäre, sondern dass sie funktioniert, weil jeder solche Typen kennt. Menschen, die sich dann besonders groß fühlen, wenn sie andere klein machen können, gibt es ja nicht nur im Journalismus

Mit der Zeitung, für die der Journalist arbeitet, ist kaum verschlüsselt die Bild-Zeitung gemeint. Es heißt gerne, mit den von Ihnen beschriebenen Methoden arbeite Bild gar nicht mehr. Ein Irrtum?
Es geht ja nicht nur um die Bild-Zeitung, auch wenn diese in Deutschland ein wichtiger Machtfaktor ist. Natürlich ändert sich der Stil, es geht wohl nicht mehr so derbe und direkt zu, was es aber schwieriger macht, die verhängnisvollen Methoden zu durchschauen. Denn das Prinzip bleibt das Gleiche: Abhängigkeiten schaffen, Macht demonstrieren. Das Spiel wirkt sauberer, aber die Einsätze sind höher, denn die Verlage kämpfen um das wirtschaftliche Überleben. Christian Wulff hat in seinem Buch „Ganz oben Ganz unten“ die Botschaft der Bild-Zeitung an die Prominenten des Landes so formuliert: „Seht her, so machen wir es mit jedem, der die Ausnahmestellung von Bild nicht anerkennt, er geht unter“.

(Foto: Volker Zimmermann)

(Foto: Volker Zimmermann)

Der bekannte Medienanwalt Ralf Höcker hat Ihr Stück als „sehr präzise“ und „keineswegs unrealistisch“ bezeichnet. Ist Ihr Stück und die ausführliche Kommentierung Höckers nicht auch eine Art Kampagne – gegen Bild?
Ähnlich wie ich hat sich ja auch der ehemalige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau Wolfgang Storz geäußert, der für die Otto Brenner Stiftung in mehreren Studien die Methoden der Bild untersucht hat. Eine Kampagne gegen Bild wäre naiv und ausserdem genau das, was sich Bild wünschen würde, weil sie sich dann noch mehr als mutig, als Opfer darstellen kann. Die Image-Strategie der Bild beruht darauf, sich die Kritik an ihr einzuverleiben als Beweis dafür, wie humorvoll, offen, lernfähig und souverän sie ist. Nein, das Stück malt nicht schwarz-weiss, es macht es seinen Zuschauern nicht leicht, mit dem Finger auf die „bösen“ Medien zu zeigen. Es geht nicht um Anklage, sondern Aufklärung, Debatte. „Seite Eins“ ist ein Angebot, hinter die Kulissen zu schauen, über die eigene Haltung zu Medien zu reflektieren und darüber nachzudenken, was man selbst bereit ist, öffentlich von sich preiszugeben.

Anzeige

Es heißt gerne, wir lebten im Zeitalter des aufgeklärten Medienkonsumenten. Nach dem Stück könnte man meinen, die Medien arbeiteten nicht transparenter, sondern immer intransparenter. Sehen Sie das so?
Die Medien inszenieren sich transparenter. Bei DSDS wird Backstage gefilmt, bei „Hart aber Fair“ simuliert das Vorlesen von Zuschauerreaktionen auf Facebook Interaktivität und Bild leistet sich Leserreporter und sogar einen „Leserbeirat“. Weil heute Medientechnik für jeden erschwinglich und bedienbar ist, jeder seinen eigenen Kanal bespielen kann ist der Mythos einer demokratisierten Medienwelt entstanden, dürfen sich Konsumenten als Produzenten fühlen. In Wahrheit ist es heute viel schwieriger geworden, die wirklichen Hintergründe einer Ausstrahlung, einer Berichterstattung zu erkennen, da das Interessensgeflecht das die multimedialen Verwertungsketten zusammen hält, immer unüberschaubarer wird. Bild ist heute eine Verkaufsmarke und die Simulation von Journalismus und moralischer Instanz eine Marketingmaßnahme, um für sie einen positiven Imagefaktor zu schaffen.

Welche Fälle fallen Ihnen ein, wo Bild Prominente oder Semi-Prominente zu einem Deal überredet – und dann reingelegt hat?
Die meisten Prominenten müssen doch gar nicht überredet werden. Es gilt mittlerweile nicht nur bei Bild als völlig normal, dass man etwas Intimes preisgeben muss, um über seine politischen oder künstlerischen Inhalte reden zu können. Es sind eine Geschäftsbeziehungen, in denen sich viele Prominente verhangen haben. Und ein Geschäftsmodell zu Lasten Dritter: Zuschauer und Leser wissen zwar, dass bei den Medien getrickst wird und die Medien spielen ja auch mit diesem Image. Worum es aber bei den jeweiligen Inszenierungen von Wirklichkeit wirklich geht, können sie nicht ahnen.

(Foto: Volker Zimmermann)

(Foto: Volker Zimmermann)

Was müsste sich in der von ihnen beschriebenen Medienwelt denn ändern, damit Journalisten wie die Figur Marco keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen?
Barbara Schöneberger würde sich entscheiden müssen, ob sie Werbung für die Bild machen oder eine öffentlich rechtliche Talkshow moderieren will. ARD und ZDF würden aufhören, PR-Events wie die Bambi-Verleihung oder „Ein Herz für Kinder“ zu übertragen. Jörg Kachelmann würde wieder das Wetter in der ARD vorhersagen und Angela Merkel würde sich auch dann trauen, den deutschen Papst zu kritisieren, wenn Herr Döpfner nicht ihrer Meinung ist. Klingt nach Verschwörung, ich weiß. Aber es ist noch keine vier Jahre her, als von Guttenberg von Bild und Bunte zum Kanzlerkandidaten dressiert worden war und zwei Drittel der Deutschen der Meinung waren, das ist gut so.

Wie sind Sie auf Ingolf Lück als Hauptdarsteller Ihres Stücks gekommen?
Der Stoff ist schwere Kost und er braucht eine Leichtigkeit, um sie verdaubar zu machen. Lück kann beides. Ingolf ist saukomisch, schnell, voller unberechenbarer Energie. Aber er schafft es auch, die Figur ambivalent zu halten, in Abgründe zu führen, es ist im wahrsten Sinne Wahnsinn, was er da macht. Viele Leute kennen diese Seite an ihm nicht und sind jetzt überrascht, ihn so zu erleben. Zusammen mit dem Regisseur Christian Schäfer hat er es geschafft, eine Figur zu entwickeln, für die man sich interessiert, der man gerne zuhören möchte, auch wenn das, was sie sagt höchst problematisch ist. Das Stück ist eine Verführung und es braucht jemandem, von dem man sich verführen lassen möchte. Ingolf war der erste Schauspieler, dem wir das Stück angeboten haben und auch der einzige, weil er es unbedingt spielen wollte.

Das Script zu „Seite Eins“ ist bei Vocer komplett veröffentlicht. Einen Beitrag von ZAPP gibt es hier.


Johannes Kram PressefotoJohannes Kram ist Autor, Blogger und Marketingstratege. Er war Co-Herausgeber des Medien-Thinktanks vocer.org und Initiator des „Waldschlösschen-Appells“ gegen Homophobie in den Medien. 
Kram hat als Texter, Veranstalter und Produzent vielfältige Musikprojekte realisiert. Seine Boulevard-Komödie „Homestory“ wirkt fast wie ein formales Gegenstück zum Bühnenmonolog von „Seite Eins“. Zurzeit entwickelt er mit dem Berliner Theaterverlag Gallissas diverse Musiktheaterstücke, darunter „Khao San Road“ (Rock&Pop) und „Weiße Rosen aus Versehn“ (Schlager) mit dem Komponisten Florian Ludewig sowie eine Musical-Adaption von „Kohlhiesels Töchter“ mit Hans Dieter Schreeb und Achim Gieseler. Als Autorenteam schreiben Ludewig und Kram Songs für unterschiedliche Künstler.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*