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Spiegel und Focus ab 2015 am Samstag: warum die Umstellung ein riskanter Schritt ist

Burkhard Graßmann, Geschäftsführer vom Focus
Burkhard Graßmann, Geschäftsführer vom Focus

Nachdem der Spiegel bereits Ende vergangenen Jahres die Umstellung auf den Erscheinungstag Samstag verkündet hatte, zieht der Focus nach. Ebenfalls ab Januar will das Magazin, das mit Ulrich Reitz einen neuen Chefredakteur bekommt, zum Start des Wochenendes erhältlich sein.

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Das gedruckte Magazin bekommen Kiosk-Käufer und Abonnenten am Samstag. Die digitale Ausgabe soll ab Freitag abrufbar sein, Redaktionsschluss ist Donnerstag, gedruckt wird weiterhin bei BurdaDruck in Offenburg.

BurdaNews-Chef Burkhard Graßmann begründet die Umstellung mit den „sich verändernden Mediennutzungsgewohnheiten“. Schließlich, und das ist keine ganz neue Erkenntnis, würden Zeitschriften „besonders am Wochenende viel gelesen“.

In der Pressemitteilung von Burda ist freilich mit keinem Wort erwähnt, dass der Spiegel – ob man die Kollegen aus Hamburg noch als Konkurrenz sieht oder umgekehrt der Spiegel den Focus, ist zumindest fraglich, aber zumindest gehört man derselben Gattung „Aktuelle Magazine“ an – seine Umstellung auf den Samstag schon längst verkündet hat. Letztlich zieht der Focus nun einfach nach.

Beide Magazine (deren Digitalausgaben bisher am Sonntag verfügbar sind) wollen nicht nur den Lesern einen Gefallen tun, weil diese vermeintlich ab Montag immer im Dauerstress sind und dann keine gedruckten Magazine mehr lesen. Sie haben es auch auf die Werbekunden abgesehen. Denn bekanntermaßen werden am Wochenende (auch) wichtige Entscheidungen in Familien gefällt: kaufen wir jetzt das neue Auto? wohin fahren wir in Urlaub? welche Versicherung brauchen wir?

So gesehen gibt es gute Gründe für einen Wechsel des Erscheinungstages. Die Auflagenzahlen und die Werbeumsätze fallen. Natürlich müssen Redaktionen wie Verlage gegensteuern. Nun ist allerdings der Wechsel des Erscheinungstages auch ein sehr radikaler und sensibler Schritt zugleich. Wenn es den potenziellen Käufern eines Magazins nämlich vollkommen egal ist, ob ein Magazin am Montag, Donnerstag oder Samstag erscheint, ist es für Kurskorrekturen zu spät.

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Darum nehmen wir mal an, der Wechsel habe tatsächliche Konsequenzen auf den Lese-Alltag der Menschen. Es ist natürlich richtig, dass es am Wochenende mehr Zeit gibt, ein gedrucktes Magazin in die Hand zu nehmen. Davon profitiert seit Jahren etwa die Zeit, auch der Economist, und natürlich die Sonntagszeitungen, sogar noch die Samstagsausgaben der Zeitungen. Was heißt: eigentlich ist das Wochenende medienkonsum-mäßig schon verteilt. Was heißt: Spiegel und Focus müssen sich zwischen die bestehenden Lese-Angebote drängen. Sie setzen dort auf ihre Verdrängungsmasse. Die beim Spiegel deutlich größer ist als beim Focus.

Was nun die Inhalte angeht: für ein Verbrauchermagazin mag ein Wechsel auf den Samstag vollkommen logisch zu sein. Aber wie ist das mit einem Nachrichtenmagazin? Vor allem der Spiegel lebt davon, dass er in Politik und Wirtschaft am Montag die Agenda setzen will. Ganz wichtige Leute (und manchmal auch Journalisten) bekamen das Blatt früher am Samstagabend per Kurier zugestellt. Damit man schon mal wusste, welcher Politiker sich warm anziehen muss. das mag heute auch noch so sein, aber es gibt ja sonst die Digitalausgabe, die in der Nacht auf Sonntag freigeschaltet wird.

Ob der Spiegel (der Focus hat diese Rolle seit Jahren kaum noch) allerdings am Samstag die (politische) Agenda setzen kann? Fraglich. Denn das Wochenende soll ja (darum auch die Verlegung) zumindest ein Gefühl der Entschleunigung geben. Beide Ziele – Agenda setzen, die Hauptstadt und bestenfalls die informierte Öffentlichkeit elektrisieren, Gesprächsstoff bieten und gleichzeitig entschleunigen – miteinander zu vereinbaren, wird schwierig. Gewinnen dürften die „Lesegeschichten“. Ausgeruhte Porträts beispielsweise. Das ist schön. Doch passt das auch zur von Chefredakteur Wolfgang Büchner verordneten „härteren, nachrichtlichen“ Gangart?

Und: wichtige Ereignisse an Freitagen finden in den Heften künftig nicht mehr statt. Bisher konnte das Wochenende die Aktualitätslücke zwischen Druck und Auslieferung noch ausgleichen. Dieser Puffer entfällt. Die Gefahr, bereits am Samstag nicht mehr aktuell zu sein, ist real. Was heißt: die Hefte werden zwingend weniger aktuell, die Online-Ableger werden noch relevanter als ohnehin. Und den Print-Magazinen, die trotz aller digitalen Entwicklungen immer noch das Versprechen der Aktualität geben, droht ein (weiterer) Relevanzverlust.

Diese Prognose mag schwarz gemalt sein. Doch mit solchen Konsequenzen müssen Spiegel und Focus rechnen. Erst vor wenigen Tagen warnten die Ressortleiter des Spiegel, dem Heft drohe ein Qualitätsverlust, wenn zu schnell der Ressortzuschnitt verändert werde und Ressorts gemeinsam von einem Printler und einem Onliner geführt werden. Die Gefahr, dass die Qualität und die Arbeitsabläufe von der Umstellung auf den Samstag beeinträchtigt werden, ist mindestens ebenso groß. Der Focus steht mit dem Rücken zur Wand, er hat ohnehin nicht mehr viel zu verlieren. Doch für den Spiegel ist die Verlegung mehr als „nur“ die Aufgabe des legendären „Spiegel-Tags“.

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Alle Kommentare

  1. vielleicht sollte der Focus 9 Tage vorziehen, dann steht auch endlich mal wieder was Aktuelles drin.

  2. Ein Wochenmagazin am Samstag als Termin-Innovation? Über die vermeintliche Neuerung habe ichmich schon bei der „Spiegel“ Ankündigung gewundert: Für WiWo-Abonnenten ist der Samstag seit 2006 Magazintag. Damals galt das noch als (mittel-) tollkühn. 😉

  3. Besonders fraglusch erscheint mir der Schritt vor dem Hintergrund, dass in den nächsten Jahren das Printheft gegenüber digitalen Vertiebsformen (iPad) an Bedeutung verlieren dürfte und die Diditalleser wegeb des frühen Print-Redaktionsschlusses im Vergleich zu heute ein tendenziell veraltetes Heft kriegen. Es müsste doch möglich sein, didital ein Heft mir Redakionsschluss Freitag nacht Samstag vormittag digital zugänglich zu machen.

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