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„Meine Moral? Wir arbeiten nicht mit Mädchen- und Waffenhändlern zusammen“

Hans-Hermann Tiedje ist ein Mann, der polarisiert. Der kantige 65-jährige Ex-Bild-Chefredakteur und -Kohl-Berater blickt im langen Gespräch mit Christopher Lesko auf seine Entwicklung, erzählt von Siegen, Niederlagen und Politik. Tiedje kommentiert Lobbyismus-Vorwürfe und schlägt vor, Putin „wie einen kleinen Rocker in den Arm zu nehmen“.

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Herr Tiedje, Sie haben unserem Gespräch nicht sofort zugestimmt. Was hat sich verändert?

Ich habe Kai Diekmann angerufen und nach Ihnen gefragt. Er sagte, der Lesko sei ein eigener Typ, aber fair. 

Wer genau sitzt hier vor mir?

Tiedje, leider schon 65, Medienunternehmer und teilweise immer noch Journalist und Publizist. Das ist alles. Und: zum zweiten Mal verheiratet.

Darüber hinaus sind Sie ein Mensch mit Stärken, Schwächen, mit Neigungen, Haltungen und Gefühlen. Sie sind aggressiv, genervt, liebevoll, strukturiert und vieles mehr. 

Das ist alles richtig, was Sie sagen. Besser kann ich nicht antworten.

Zu welcher meiner Anregungen können Sie ein wenig mehr sagen?

Sprechen wir über Medien. Das ist doch das Interessanteste für Sie.

Nein, interessant sind Sie. Ein Teil davon können gerne Medien sein.

Gut, sprechen wir über mich. Fragen Sie.

Einverstanden. Mit welcher Haltung gehen Sie durchs Leben?

Wenn ich Ihren Begriff der Haltung politisch beantworte: Ich bin liberal, und zwar im Sinne von Laissez-faire. Mich stört, dass Deutschland auf dem Weg zum Kontrollstaat ist. Mich stören die ständigen, die täglichen Gängeleien. Nehmen Sie zum Beispiel den Schilderwald auf deutschen Straßen. In Italien kommt man mit einem Drittel der Verkehrszeichen aus, und es sterben auch nicht mehr Menschen. Überwachung, Überprüfung und Regulierung – das sind so die Begriffe, die ich ab kann wie Magenschmerzen. In diesem unserem Staat gibt es an jeder Stelle jemanden, der seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Es muss nicht alles kontrolliert werden, es muss sich nicht jeder ausziehen. Und wenn der Staat im Fall der Bankdaten sogar zum Hehler wird, stört mich das noch mehr. Ich will keine Verwaltung, die selbst kriminell wird, um Kriminelle zu fassen. Ich will einen Staat, in dem jeder seines Glückes Schmied ist, in dem Menschen sich selbst bestimmen und nicht bestimmt werden. 

Liberale beklagen aktuell einen Verlust an politischer Heimat.

Ja, politisch bin ich aktuell ziemlich heimatlos. Die Partei, die die meisten meiner Werte verkörpert, liegt etwa bei drei Prozent.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die FDP hat sich selbst in diese Situation gebracht: durch lächerliche, ja bizarre Äußerungen wie die von Guido Westerwelle, der offenbar immer noch glaubt, er habe zum Untergang Gaddafis beigetragen. Kompletter Nonsens, aber er glaubt das. Gaddafi wurde natürlich von Flugzeugen weggebombt und nicht von den Worten Westerwelles. Dieser Herr war der beste Oppositionsführer im Bundestag, als Außenminister leider eine Fehlbesetzung. Am wenigsten Schuld am Untergang meiner Liberalen ist Rainer Brüderle. Der tut mir richtig leid. Erst wird er von einer „Stern“-Dame verunglimpft und dann kriegt die FDP 4,8 Prozent. Aber man hätte das vermeiden können. Hätte die FDP in der schwarz-gelben Koalition an mehreren Stellen „Nein!“ gesagt und auch so gehandelt, dann wäre sie heute nicht bei drei, sondern eher bei 13 Prozent. Hätte die FDP zum Beispiel dem energiepolitischen Aberwitz von Frau Merkel nach Fukushima widersprochen, wären viele Wähler geblieben – völlig unabhängig davon, welche Entscheidung richtig war. Aber das ist vergossene Milch.

Ich bin übrigens bei der Europa-Wahl erstmals in meinem Leben nicht zur Wahl gegangen. Die Sozis in ihrem ewigen Neid kann und will ich nicht wählen, die Liberalen sind mit Ausnahme von Kubicki und Lindner nicht mehr ernst zu nehmen, und die CDU ist heute als im Grunde rechte SPD mehr Problem für die SPD als eine eigene Partei. 

Sie könnten die Linken wählen.

Die Linkspartei? Wenn ich Gysi sehe und höre, was der erzählt, kann ich nur ablachen. Der tut so, als habe sein linker Laden mit der völlig verrotteten DDR und insbesondere mit der SED nichts zu tun gehabt. Schuld am Desaster war angeblich die Stasi, aha, aber die Stasi handelte im Auftrag der SED, was heute gern vergessen wird. Die Stasi war Schwert und Schild der Partei, also der SED. Die Haupt-Verantwortlichen für die DDR-Diktatur saßen an der Spitze der SED, nicht der Stasi. Der große Fehler der Einheit war, dass man 1990 die SED nicht – wie die NSDAP 1945 – als kriminelle Vereinigung verboten hat. Dann wäre nicht so viel Geld in finsteren Kanälen verschwunden, und eine Reihe von SED-Typen hätten sich als Kriminalisierte nie mehr im politischen Feld bewegen dürfen. Ich bin sicher, das Bundesverfassungsgericht hätte ein derartiges Vorgehen damals glatt durchgewinkt.

Das sagt aber jemand, der vor fünf Minuten noch von Freiheit statt Regulierung sprach.

Die schließen sich ja nicht aus. Ich bin auch dafür, dass die NPD verboten wird. Ich bin fassungslos, wenn ich heute diese Hohlköpfe und Dumpfbacken sehe, die behaupten, Auschwitz habe es nie gegeben: Da hilft kein Arzt, nicht mal ein Gehirnchirurg. Zwar fallen sogar Ansichten wie diese eigentlich unter die Meinungsfreiheit, ich erinnere an Roman Herzog: „Es gibt ein Recht auf Dummheit“. Aber eine Partei, die solch einen Dreck vertritt, die gehört verboten.

Wenn wir schon mit Politik beginnen, sagen Sie doch einen Satz zur AfD.

Ich kann die nicht einschätzen. Professor Lucke, den ich nicht kenne, ist sicher ein intelligenter Mann. Olaf Henkel, den ich gut kenne, auch. Die beiden werden in eine Ecke gestellt, in die sie für mich nicht gehören. Die AfD ernährt sich von den Knochen der CDU/CSU und vor allem der FDP und ist aktuell garantiert nicht das größte Problem Deutschlands.

Sie sagen, Lucke sei ein intelligenter Mann: Finden Sie denn im Ernst, Intelligenz müsse die wichtigste Kernkompetenz von Politikern sein?

Nein. Ihre Frage bedingt ja schon die Antwort. Gysi ist auch intelligenter als das meiste, was er verbreitet.

Sie könnten mir ja widersprechen.

Das kommt schon noch. Ich habe übrigens mein Verhältnis zur Politik inzwischen gründlich und grundsätzlich relativiert. Es gab überdurchschnittlich kluge Leute wie Friedrich Merz oder Roland Koch, die sich sicher auch deshalb aus der Politik verabschiedet haben, weil sie dort kaum noch Perspektive sahen. Die SPD hatte, zum Beispiel mit Wolfgang Clement und Peer Steinbrück, ebenfalls solche Leute. Das politische Spitzenpersonal ist aber qualitativ im Querschnitt in den vergangenen Jahrzehnten zusehends schwächer geworden.

Ihrer Wahrnehmung nach sind also Merz und Koch freiwillig ausgeschieden?

Ja, klar. Natürlich hätte Merz noch Minister werden können. Der Posten, den er wollte, war aber besetzt, und solange Frau Merkel gewählt wird und populär ist, haben andere wenig Chancen. Das allerdings hat sie sich ja auch selbst erarbeitet.

Sie sind kein Freund der Kanzlerin?

Nein, ich bin nicht ihr Freund, aber ich bin auch nicht ihr Gegner. Ich bin unzufrieden damit, dass dieses Land nicht geführt wird. Ich bin unzufrieden mit einer Narrenhaus-Politik, die zum Beispiel bei wachsenden und sprießenden Steuereinnahmen weiter Schuldenmachen zulässt. Das ist doch völlig gaga. Diese Politiker, die uns Unternehmern ständig Ratschläge erteilen, sind selbst nicht imstande, zu wirtschaften. So sollte ich unsere Firma, die WMP, mal führen – na, da wäre was los. Wie viel Geld wollen die in Berlin noch einnehmen, um endlich mal keine Schulden mehr zu machen? Ergebnis: Die Politikverdrossenheit wird immer schlimmer. Vergessen Sie nicht: Die Nichtwähler bildeten bei der Europa-Wahl die stärkste Gruppe. Was heißt denn das? Die Leute werden eingelullt und merken das, als Antwort darauf gehen sie nicht mehr zur Wahl. Als ich 1971 das erste Mal wählen durfte, war das für mich noch ein stolzes Recht. Heute bin ich fed up.

Europa ist weiter entfernt als allgemein kommuniziert wird. Die Kandidaten als Personen ohnehin.

Nehmen Sie Juncker oder Schulz: Juncker, ein überführter Lügner, wirkt auf mich wie einer, der maximal Bürgermeister von Bremen sein könnte. Nun führt er Europa, natürlich mit größerem Dienstwagen und Gesinde, und Martin Schulz ist eine unendliche Schwatzbacke, die zu jedem Thema pausenlos was mitzuteilen hat: der Schulzomat eben. 

Nun haben wir Lebenshaltung und Politik angerissen, können wir mal ein wenig zu Ihnen und Ihrer Entwicklung kommen?

Gern. Die war mal gut, mal schlechter.

Sie haben einen Hang zu unangemessener Präzision. Wie wächst man denn auf in Schleswig mit dem Vornamen Hans-Hermann?

Dass Schleswig-Holstein ein wunderschönes Urlaubsland ist, habe ich als Kind nicht mal geahnt. Ein Landstrich, in dem man morgens schon sehen kann, wer abends zum Tee kommt. Ich bin in Schleswig zur Schule gegangen und aufgewachsen zwischen zwei Musikern: Klaus Büchner, dem Sänger von ‚Torfrock‘, und Jürgen Drews, dem bekanntesten Schleswiger.

Wer hat Ihnen denn vermittelt, was man heute „Werte“ nennt?

Natürlich meine Eltern. Ich erinnere mich aber besonders an einen Studienrat in der Obertertia, der von der Domschule zu meinem Vater direkt ins Büro marschierte. Der Mann hieß Stüber und ich war damals schulisch am Ende, ein hoffnungsloser Fall. Er erklärte meinem alten Herrn, wenn ich so weitermachte, würde aus mir nichts, gar nichts. Daraufhin änderte sich alles – mein Vater trat mir mindestens drei Monate am Stück täglich in den Hintern. Kein Bolzplatz mehr, kein Fernsehen. Ich saß zuhause und paukte und paukte. Und wissen Sie was: Ich habe die Versetzung geschafft. Das verdanke ich meinem Vater, aber eben auch diesem Studienrat. Welcher Lehrer macht so was heute noch? 

Welche Fächer haben Sie als Schüler interessiert?

Meine Stärke, wenn ich das mal so sagen darf, waren immer Sprache und Schreiben: Ich habe eine private Bibliothek von einigen tausend Büchern, und mich beschleicht das Gefühl, mindestens die Hälfte davon auch gelesen zu haben. Das bringt einen natürlich in eine Position der Stärke. Mein absoluter Lieblingsautor Stefan Zweig hatte für mich schon als Kind eine unglaubliche, sprachliche Faszination: zum Beispiel ‚Fouché‘ oder ´Die Welt von gestern´ – das alles habe ich mehrfach gelesen. Naturwissenschaftliche Fächer haben mich nie wirklich interessiert, sondern immer, was mit europäischer Literatur und deutschem Geist in Verbindung stand. Deswegen wollte ich auch Journalist werden. 

Sie haben nach dem Abi Publizistik studiert?

Zunächst nicht. Damals hatten Eltern ja noch ein Mitspracherecht bei der Auswahl des Studienganges an der Universität. Man war erst mit 21 volljährig. Mein Vater wollte, dass ich Jura studiere. Publizistik oder Journalistik waren also nicht möglich.

Ich begann mit Jura und Politologie in Kiel, weil meine Eltern die Nähe zu meiner Heimatstadt wünschten. Ich hatte unglaubliches Glück: Im ersten Semester wurde ein Teil der Bibliothek von randalierenden Politologie-Studenten aus dem sogenannten Juristenturm geworfen. Dort war ein Professor tätig, der sich noch 1944 über Mussolini habilitiert hatte. Das wurde bekannt, es gab den Aufstand und das Fach Politologie wurde vom Rektor in Kiel für ein Semester komplett gekappt. Ich wechselte also an die Uni Hamburg, studierte Jura im Express-Tempo und hatte nach vier Semestern alle Scheine. Nebenbei begann ich, für das Hamburger Abendblatt zu schreiben. 

Wie sind Sie denn an das Hamburger Abendblatt geraten?

Ich lernte in meiner Stammkneipe einen Sportredakteur des Abendblattes kennen. Damals bestritt mein Heimatverein Schleswig 06 Aufstiegsspiele zur Oberliga Nord, unter anderem gegen Bergedorf 85 und Arminia Hannover. Ich wurde in meine Heimatstadt entsandt, um aus dem Stadion über die Spiele nach Hamburg zu berichten. Sportchef und Chefredakteur gefiel das, was ich da schrieb. Sie wollten, dass ich bleibe. Ich wurde Bestandteil des Hamburger Abendblatts auf freier Basis und zog also von Sportplatz zu Sportplatz. Dann geschah etwas, das heute so nicht mehr passiert: Der Chefredakteur kam auch mich zu und fragte: „Wollen Sie nicht bleiben und Volontär werden?“. Da habe ich in der Sekunde zugesagt und die Uni nie mehr betreten. In den Jahren 1973 bis 1975 hatte sich dadurch mein Leben völlig gedreht.

Was hat Sie denn von Oberliga-Fußballstadien in andere Kontexte gespült?

Ich wurde Redakteur, und als die Welt 1975 von Hamburg nach Bonn umzog, wollte ich eigentlich Sportredakteur werden. Dann teilte man mir mit, ich käme in die politische Redaktion. Ein anderer wollte, dass ich in die Fernseh-Redaktion ginge. Ich wurde also Mitglied der TV-Redaktion und wechselte später in die Abteilung Politik.

Mit mir zusammen arbeitete übrigens Wilhelm Herlyn, später Chefredakteur von dpa. Mein erster Chef war Claus Larass, dessen Chef ich später meinerseits mehrfach wurde. Der wiederum später stellvertretender Vorstandschef bei Springer. Am Welt-Desk saßen mit Claus Jacobi und Herbert Kremp geradezu legendäre Schwergewichte. Ich, mittendrin, lernte richtig Journalismus. Das hat mich bis heute geprägt.

Was im Kern hat Sie denn am Journalismus heiß gemacht?

Ich wollte immer Journalist werden. Und nur Journalist. Ich bin ein neugieriger Mensch. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue und eine Straßenbahn-Haltestelle sehe, zum Beispiel mit einem Bauzaun daneben und 20 wartenden Menschen, und einer von ihnen drückt seinen Kopf an den Zaun und schaut, was dahinter passiert. Dann denke ich: Der könnte Journalist werden! Die anderen 19, die auf die Straße vor sich starren, können Beamte werden oder Minister oder Putzfrau. Der zweite Kern des Journalismus ist Glaubwürdigkeit: Ich brauche etwas, woran ich glaube, und ich vertrete bis heute, auch öffentlich, nur Dinge, an die ich glaube. 

Neugier und Glaubwürdigkeit also.

Ja, beides nehme ich für mich in Anspruch. So bin ich.

Neugierig sind Kriminalbeamte und Wirtschaftsprüfer auch. 

Das will ich hoffen.

Was ist denn damit, sich zu zeigen? Sind Sie eitel?

Ich bin sicher auch eitel. Aber den Punkt, dass ich mich gerne zeige, gibt es nicht. Ich kann auf Anwesenheit, besonders auch im Fernsehen, gern verzichten. Damit das zwischen uns klar ist: Ich habe x-mal Anfragen, auch der Redaktionen von der Maischberger oder Günther Jauch, abgelehnt. Ich sehe Günther Jauch und die Plasberg-Sendung gern, aber ich opfere für keine Sendung längere Fahrzeit, um unbedingt als Gast dabei zu sein. 

Das Ehepaar Kachelmann war Ihnen die Kilometer wert. 

Na, ich wohne ja in Berlin und hatte an dem Abend Zeit. Aber eitel? Selbst in dem für den Sparten-Sender erfolgreichen N24-Format, das ich mit Hajo Schumacher 130 Mal gemacht habe, war Hajo der eigentliche Show-Typ. Ich bin keiner, der gerne auf der Bühne sitzt. Andererseits bekenne ich gern: Wenn Sie bei Jauch, Plasberg, Anne Will, der Illner und anderen sind, und Sie sind halbwegs gut und stottern nicht herum, hat dies sicher einen positiven Effekt auf die Kundschaft Ihrer Firma. 

Gehen wir zurück zur  Entwicklung Ihres journalistischen Weges vor TV: Wie ging es weiter?

Ich war bei der Welt in der Politik, wurde später Reporter und als einer von vier Kollegen des sogenannten Reporter-Pools von Peter Boenisch auf Krisenbaustellen entsandt. Ich war 78/79 noch in Beirut, bevor der Bürgerkrieg dort richtig ausbrach. Boenisch jagte mich zur Gründungsveranstaltung der Grünen in Frankfurt.

Witzig.

Was?

Die mit Beirut beginnende Reihe mit der Gründung der Grünen fortzusetzen.

Das sind ja nur Beispiele für viele, wirklich tolle Erlebnisse. Ich habe Peter Boenisch, der ein herausragender Macher war, bewundert. Später wurde er mein Berater und wir wurden Freunde. Auch auf mehreren Mord-Schauplätzen der Baader-Meinhof-Bande war ich damals unterwegs. Und ich erinnere mich gut: Eine Stunde, nachdem die Polizei Terroristen erschossen hatte, war ich mit einem Fotografen am Tatort. Der stellte sich auf meine Schultern und fotografierte von oben durchs Fenster in den Tatort hinein. Das war in Köln.

Beruf Reporter: Das ist das Tollste! Vor wirklichen Reportern habe ich den größten Respekt. Denken Sie nur mal an Julian Reichelt, heute Chef von Bild.de. Reichelt war mehr als 10 Jahre ausschließlich da, wo es wehtut. Und er war wirklich selbst da. Nicht wie viele dieser Salon-Typen in den 70ern, die von der Golan-Front berichteten, indem sie im Hotel saßen und einen Whisky nach dem anderen kippten. Menschen wie Reichelt oder Paul Ronzheimer, die dort hingehen, wo es rummst und kracht, das sind wahre Reporter. Die respektiere ich noch mehr als jene, die von exzellenten Informanten leben, wie der von mir durchaus geschätzte Hans Leyendecker. Der ist wirklich großformatig: „Wir haben keine Geschichte? Dann muss ich mal ’ne Akte ziehen.“ Die paar Leyendeckers leben andere Formen des Journalismus. Zu ihnen gehört von den Jüngeren auch Uwe Ritzer, ebenfalls SZ, der mit einem einzigen Punch den ganzen ADAC zur Strecke brachte. 

Der Focus hat Sie ja mal als „Medien-Rambo“ bezeichnet. Wie sehr oder wie wenig …

War damals zutreffend…

Ich beende die Frage noch schnell mal, wenn es nicht weiter aufhält: Wie sehr oder wie wenig hat Ihnen das Etikett gefallen?

Ach, mit Sylvester Stallone und Kajo Neukirchen als einer von drei aktiven Rambos geehrt zu werden, ist doch nicht schlecht, oder?

Ich weiß nicht, ob der Focus es so positiv gemeint hat, wie Sie es jetzt schildern.

Die Focus-Jungs hatten ja auch das Recht. Denn ich hatte vorher in einem Interview gesagt, Focus sei das einzige deutsche Nachrichten-Magazin garantiert ohne Nachrichten.

Und haben Sie auch noch gesagt, ein Magazin wäre der Focus auch nicht?

Nein. Mein Kommentar war falsch, und er war nicht freundlich gemeint. Dann haben die mich Rambo genannt. Okay. Quitt. Heute lese ich den Focus gern. Aber es gibt eben auch deutsche Publizisten, die kräftig austeilen und im Gegensatz zu mir ein Glaskinn haben.

Ich soll jetzt fragen „Wen denn?“. Wen denn?

Na, mein Freund Franz Josef Wagner zum Beispiel. Wenn Franz Josef eine reingehauen bekommt, ist er nicht ganz so unempfindlich. 

Er hat ja mit seiner „Post von Wagner“ in der Bild-Zeitung ein – freundlich formuliert – doch eigenwilliges Format entwickelt.

Manchmal schreibt er an der obersten Kante, manchmal schreibt er nicht so stark, aber ich lese ihn jeden Morgen alleine deshalb, um zu sehen, wie er gestern in Form war.

Was Sie „die oberste Kante“ nennen, ist bis ins letzte Detail nicht zu mir durchgedrungen. Immerhin ist Wagner ein Mensch, der bei seinen Texten mit wenigen Worten auskommt. Je schlechter ein Text ist, desto wichtiger wird dieses Talent.

Sein Wortschatz ist deutlich größer als das, was er da ansetzt.

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Ist Wagner ein Freund von Ihnen?

Wir sind freundschaftlich verbunden, vice versa. Es gab zwar Phasen in unserem Leben, da haben wir fünf Jahre am Stück kein Wort mehr miteinander geredet. Vor einem Jahr hat er mich mal wieder auf meinem Anrufbeantworter beschimpft. Da hatte er sich geärgert. Aber im Großen und Ganzen hab ich den Franzl gern.

Wie viele Freunde haben Sie denn?

Ganz wenige, wirklich echte zwischen drei und fünf. Ich glaube, dass kein Mensch mehr wirkliche, also tatsächliche Freunde hat.

Ihr Weg ging mit Burda und Springer weiter.

Ja, ich bin mehrmals hin- und her gesprungen. Ich war in einem Viererteam der Bunten: Lothar Strobach, heute Doktor Lothar Strobach, und ich als Chefredakteure, Spiritus Rector Günter Prinz als Herausgeber und Franz Josef Wagner als Berater. Wir haben die Auflage richtig gerockt. Da ging es nur aufwärts. Prinz war für viele Jahre – neben Karl-Heinz Hagen, dem fast noch Bedeutenderen, weil auch Politischeren – der maßgebliche Blattmacher im Nachkriegsdeutschland. Er hatte damals die größte Phantasie, mehr als Nannen oder Augstein. Von Günter Prinz habe ich auch mehr gelernt als von jedem anderen – bis wir uns dann irgendwann nichts mehr zu sagen hatten.

Was ist denn das, was Sie Qualität nennen?

Das Gespür für Themen und Schlagzeilen, den Leuten mit Geschichten entweder ans Herz oder ans Portemonnaie zu kommen. Prinz schaffte eine Bild-Auflage von mehr als fünf Millionen nach einer Zeit, in der Peter Boenisch immerhin die Vier-Millionen-Marke geknackt hatte. Ein Beispiel, wie Prinz agierte: 

Es war etwa 1987, und ein Bochumer Bundesliga-Fußballer war schwer verliebt im Schlafzimmer auf die empfangsbereit vor ihm nackt im Bett liegende Dame gesprungen, dabei leider auf der Bettkante aufgeschlagen und hatte sich ein Wadenbein gebrochen. Der Fall wurde bekannt, weil er ins Krankenhaus kam und nicht zum Training. Was sollte Bild damit anfangen? Man hätte das in drei Absätzen als kurze Notiz schildern können, aber Prinz entschied: „Wir machen das groß.“ Der Schlagzeilen-Ausschuss von Bild dachte also über die Headline nach. Prinz, seinerzeit auch Mitglied des Springer-Vorstandes, hatte selbst die krönende Idee: „Jetzt ganzes Bein steif!“ Das als Headline! Vielen Lesern ist am nächsten Tag garantiert das Frühstücksei aus dem Mund gefallen. Günter Prinz war eben ein Schlagzeilen-Titan. Dies ist übrigens keine Eloge – mit dem Herrn habe ich lange abgeschlossen!

Warum? Sie hatten Kritik auf anderen Ebenen?

Leider gab es nicht nur den Boulevard-Mann Prinz, sondern eben auch den Menschen. Nennen wir es mal so: Da hatte er in meiner Wahrnehmung ein paar Defizite. Aber der Mann ist inzwischen 85, wollen Sie wirklich, dass ich nachtrete? Forget it. Das müssen Sie mit diesem Begriff mal so stehen lassen. Irgendwann mochte er mich nicht mehr, und ich mochte ihn nicht mehr. Und dieses Verhältnis hat sich seit 22 Jahren bewährt. 

Auch Ihr Bild-Kollege Peter Bartels wurde öffentlich nicht in jeder Sekunde des Tages als feingeistiger Guru sozialer Kompetenz wahrgenommen. Wie war denn die Zusammenarbeit?

Erst gut, dann wurde sie ein bisschen schlechter. Ich war irgendwann der Meinung, ich sollte das Amt des Bild-Chefredakteurs alleine ausüben. Das habe ich dem Springer-Vorstand auch gesagt. Die lehnten das zunächst ab, ein halbes Jahr später waren sie meiner Meinung. Die Zusammenarbeit mit Bartels war schwierig, obwohl die sozialen Kompetenzen von ihm viel höher waren als angenommen. Wurde in jenen Jahren jemand rausgeschmissen, war intern immer Tiedje der Rausschmeißer, nie Bartels. Öffentlich aber wurde das völlig anders wahrgenommen. Peter Bartels kam sogar mehrmals zu mir, wenn ich mich von jemanden trennen wollte, und sagte: „Mensch, der hat eine Frau und vier Kinder, kann man das wirklich machen?“ Er war deutlich sozialer als ich, aber er konnte es öffentlich nicht rüberbringen. Die Leute dachten, er habe ein Messer im Mund. Bartels war übrigens ein großer Schlagzeilen-Mensch, fast wie Prinz.

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Medienmanager Hans-Hermann Tiedje (re.) im Gespräch mit Christopher
Lesko: „Entweder Chef von Bild oder gar nichts. Und tschüss.“

Hatte Ihr Ausscheiden aus der Bild-Chefredaktion damals zeitverzögert mit Ihrer Headline „Der Umfaller“ zu tun, die ja Helmut Kohl galt?

Das ist definitiv falsch, es hatte nichts miteinander zu tun. Ich wurde damals ausgeschieden. Viele spekulierten, es sei die späte Rache von Kirch. Denn ich hatte früh die Auffassung vertreten, Filmhändler Leo Kirch und das Medienhaus Springer passten nicht zusammen. Das habe ich auch gesagt und geschrieben, und Bild war ja in der Auseinandersetzung mit Kirch auch ganz vorne mit dabei. Aber ich war nicht im Vorstand von Springer. Peter Tamm, der Vorsitzende, vertat zunächst die Meinung, Kirch sei der geeignete Partner, später änderte er seine Auffassung. Kurz vor dem Tod von Leo Kirch haben die beiden sich aber nochmal getroffen und ausgesöhnt: alte Elefanten, die friedlich werden.

Ich erinnere mich noch daran, dass irgendwann Hans-Jochen Vogel, damals SPD-Chef, bei mir saß und sagte: „Sie wissen aber, dass Sie mit 25,1 Prozent Ihres Hinterns auf einem Stuhl von Leo Kirch sitzen?“. Ich antwortete: „Wenn Leo 51 Prozent hat, wird er mich als Erstes rauswerfen, aber er hat eben nur 25,1.“

Zurück zur „Umfaller“-Schlagzeile. Mit ihr habe ich getan, was ich damals für richtig hielt: Ich war der Meinung, dass Kanzler Kohl über den ersten Golfkrieg Steuererhöhungen politisch rechtfertigte, die in Wahrheit durch die deutsche Einheit und den schrecklichen Zustand der heruntergewirtschafteten DDR nötig wurden. Der Titel „Der Umfaller“ führte natürlich zu einer kompletten Abkühlung des Verhältnisses, aber das besserte sich schnell wieder. Ein paar Jahre später war ich sein Berater. Übrigens war ich gerade vor ein paar Monaten bei Helmut Kohl zuhause. Privat, zum ersten Mal. Offenbar gehöre ich zu jenen Menschen, die er heute gerne trifft und die Zutritt zu ihm haben. Über das damalige Thema Umfaller haben wir nie gesprochen. Auch, als er mich später als Berater engagierte, hat er es nie erwähnt.

Warum also sind Sie damals bei Bild ausgeschieden?

Der Grund war simpel: Die Auflagen im Westen und Osten Deutschlands entwickelten sich unterschiedlich. Im Osten gab es ein Konkurrenz-Blatt namens Super, dort war inzwischen der Kollege Bartels engagiert. Die hatten eine Auflage von circa 400.000, wir eine von circa 600.000. Im Westen waren wir bei knapp über vier Millionen verkaufte Auflage jeden Tag. Der von Burda zu Springer zurückgekehrte Vorstand Prinz fing an, sich darüber Gedanken zu machen, ob man im Osten und im Westen nicht unterschiedliche Zeitungen machen müsse. Etwa nach dem Motto: Im Westen verkaufe ich „So greift der Osten uns in die Tasche“ und im Osten mache ich die Schlagzeile „So nimmt uns der Westen aus.“ Es gab Diskussionen darüber. Ich als Chefredakteur von Bild wollte das nicht, und ich war auch der Meinung, dass ich das aushalten könne, weil ich wusste: Axel Springer hätte so was auch nie gewollt! Dem vorhin umfassend beschriebenen Kollegen Prinz gelang es aber, mich mit der Unterstützung anderer zu stürzen. Ich nahm meinen Hut und ging. 

Der Vorstandsvorsitzende Wille wollte mich unbedingt im Hause behalten und bot mir die Übernahme der Hörzu an. Die hatte damals immerhin noch eine Auflage von 2,5 Millionen. Ich lehnte ab: Entweder Chef von Bild oder gar nichts. Und tschüss.

Das führte aufgrund der ordentlichen Abfindung bei mir zu einem vorübergehenden Wohlstand.

Und, hat sich Ihr Wohlstand durch den Verlauf Ihrer Unternehmer-Karriere wesentlich nach unten entwickelt?

Nein, zwischenzeitlich hatte er sich durch eine außerordentlich teure Scheidung deutlich verschlechtert. Ich arbeite aber daran, in den alten Zustand zurück zu kommen.

Mich interessiert Ihr Blick auf zwei bis drei Chefredakteure. Legen wir mit Kai Diekmann los:

Wie Kai das Blatt täglich dirigiert, weiß ich gar nicht so genau. Wir haben persönlich ein sehr gutes Verhältnis. Gelegentlich kommentiere ich in Bild. Ich mag ihn. Er ist hellwach und ein Glück für das Haus Springer. Er kann Boulevard, er hat Rückgrat und er wankt nicht. Und er ist in einem Umfeld, in dem Print und Boulevard extrem schwierig zu managen sind, schon mehr als 13 Jahre Chef. Nie hat `Bild` dem Hause Springer mehr eingebracht als unter Kai Diekmann. Das sagt doch schon alles. 

Was finden Sie denn kritisch an Diekmann?

Gar nichts, außer: Ich würde ihm zu einem anderen Bart raten.

Giovanni di Lorenzo?

Hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Ich hatte mit ihm zu tun, als er noch die Seite Drei der Süddeutschen machte. Vom Erfinder der Lichterkette bis zum Chefredakteur der Zeit, das ist beeindruckend. Umso verwunderlicher, dass er sich ins Fernsehen setzt, sagt, er habe bei der Europa-Wahl zweimal gewählt und nicht gewusst, dass dies nicht okay sei. Auf die Idee, nicht zweimal wählen zu dürfen, kann man sogar kommen, ohne Chefredakteur der Zeit zu sein.

Wolfgang Büchner?

Ein ganz schwacher Mann. Er wird in die Geschichte eingehen als der schönste Chefredakteur des Spiegel mit der kürzesten Amtszeit. Noch schwächer allerdings ist, dass es dem Spiegel und seiner 200-Mann-Redaktion nicht gelingt, einen zu finden, der das besser kann, dabei gibt es Dutzende. Ich persönlich kenne nur Spiegel-Redakteure, die die Schnauze von Büchner voll haben und ihn als Loser empfinden.

Das sagt vielleicht mehr über die Redakteure und die Kultur des Spiegel als über Büchner.

Ich bin ihm einmal begegnet und habe so meine Zweifel, ob er imstande ist, einen großen Gedanken zu formulieren. Ich weiß nur: Das neue Inhaltsverzeichnis des Spiegel kann man glatt in die Tonne treten. Ein Inhaltsverzeichnis als Suchrätsel! Rudolf Augstein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er seinen Spiegel heute sehen könnte. Keines der zehn letzten Titelbilder hätte ihn interessiert. Büchner mag ja ein ordentlicher Chefredakteur von dpa gewesen sein. Beim Spiegel kann ich keinen Fortschritt erkennen. Der war unter Mascolo deutlich besser und unter Stefan Aust viel bedeutender. Jetzt wankt die Auflage, die Anzeigenumsätze stürzen ab. Wahrscheinlich wird Büchner in Kürze wie Karl der Käfer vom Hof gejagt. Alles andere würde mich wundern.

Nun Hans-Hermann Tiedje: welche Stärken, welche Schwächen?

Ich glaube, ich bin ziemlich durchsetzungsstark.

„Ziemlich“ ist eine Einschränkung.

Gut, ich bin als Macher umsetzungsstark, kann Dinge ins Laufen bringen. Ich bin sicher auch machtbewusst, das ist so. Es wird Ihnen komisch vorkommen: Meine größte Schwäche ist wahrscheinlich, dass ich langsam altersmilde werde.

Die Schwäche ist die Milde oder das Alter?

Ich bin jetzt Mitte 60 und weiß nicht, ob ich mich darüber ärgern oder freuen soll. Altersmilde heißt, ich lasse heute anderen Sachen durchgehen, die ich früher nie akzeptiert hätte. Ich tue mich auch schwerer als früher, mich von Leuten zu verabschieden, obwohl ich genau weiß, es nutzt unserer Sache nicht. 

Zum Thema der Durchsetzung: Dariusz Michalczewski hat zu Ihren Klienten gehört. Haben Sie einen Bezug zum Boxen? 

Dariusz war ja bei Peter Kohl und Universum unter Vertrag. Unsere bayerische Münchner Firma TV Media hatte sechs Monate lang einen Teil des Vertrages von Kohl übernommen. Er war aber extrem schwer zu vermarkten: Er hatte leider dieses radebrechende, polnische „R“, und der Topstar der Werbung war der blonde, blauäugige, deutsche Medienliebling Henry Maske. Dariusz konnte in der Werbung nicht dagegen halten. Im Boxen schon. Einen Fight gegen Dariusz, den Tiger, hat Henry immer vermieden. Ich bin sicher, er wäre untergegangen. In der Werbung jedoch war Maske der König. So wie Dariusz heute in Polen mit seinem Tiger-Drink. Der verkauft da mehr als Red Bull. Und dann das: Ich treffe Dariusz vor drei Jahren zufällig am Gepäckband auf dem Flughafen Warschau wieder. Seither sind wir wieder zusammen unterwegs. Er kommt regelmäßig mit der ganzen Familie in unsere Büros in Berlin reingestürmt. Und er hat uns auch hochrangige Geschäftskontakte in Polen vermittelt. Ich bin seit ewigen Zeiten Boxfan, habe x-mal Weltmeisterschaften gesehen. Als ich damals Chefredakteur bei G+J war, habe ich alle möglichen Boxringe mit Tango-Werbung auslegen lassen. Das kostete damals pro Kampftag 40.000 bis 50.000 Mark.

Mit Blick auf Ihr Leben: Welche Siege und Niederlagen haben Bedeutung?

Zwei Niederlagen. Und zwischendrin auch eine Menge Erfolge, gerade Ende der Achtziger, Anfang der 90er Jahre. Eine Zeit, in der ich ganz oben war und unschlagbar schien: Chefredakteur von Bild und der Bunten, dann der eigentlich größte Erfolg mit der Gottschalk-Late-Night-Show. Als ich kam, lagen die Quoten bei 600.000, ein Jahr später bei fast zwei, in der Spitze über drei Millionen Zuschauer täglich. Thomas wurde damals von seiner Redaktion vor dem Untergang bewahrt. 

Die beiden Niederlagen: Es gelang mir 1998 nicht, als Berater von Helmut Kohl die Bundestagswahl entscheidend zu wenden. Das wäre das Größte gewesen. Kohl holte mich damals auf Empfehlung von Andreas Fritzenkötter, zu der Zeit lag Gerhard Schröder deutlich vorn. Im Vorfeld der Wahl holten wir auf, aber es gelang uns nicht, das Ding noch zu drehen. Hätte es damals eine große internationale Krise gegeben, wie heute, dann hätte Kohl wahrscheinlich gewonnen, denn Schröder wurde zu der Zeit eher als Provinzpolitiker wahrgenommen. Aber es gab eben keine Krise, und Schröder gewann. Ich verlor und war dennoch bei den Siegern: Hatte meine Firma damals drei Aufträge im Jahr, stieg nach der Wahl die Zahl auf zehn. Es gab jede Menge Leute, die sagten: Tiedje hat sich immerhin was getraut.

Die zweite Niederlage war mein Ausscheiden bei Bild. Ich wollte sieben Jahre Chefredakteur sein, es wurden letztlich nur drei.

Und private Niederlagen?

Ich habe ja meine Scheidung schon erwähnt: Wenn Sie 25 Jahre verheiratet sind und sich scheiden lassen, dann ist das eine Niederlage, was sonst. Aber dazu kein Wort mehr.

Und: Stehen Sie schnell wieder auf? Haben Sie ein gutes und erfülltes Privatleben?

Ja, ich stehe schnell wieder auf. Ich bin inzwischen wieder verheiratet, und privat ausgesprochen glücklich. Ich gehöre wahrscheinlich zu den wenigen Männern in Deutschland, die sich wirklich freuen, wenn sie abends zu ihrer Frau nach Hause kommen.

Sie haben sich als Medienmanager bezeichnet. Das ist etwa so präzise, als sagten Sie, Sie seien Ein- und Ausatmer. Was genau ist mit dieser Rolle für Sie als CEO der WMP beschrieben? Was tut die Company?

Mein langjähriger Freund Hans R. Beierlein – also großes „B“ und kleine Eierlein – hat den Begriff erfunden und benutzt ihn mehr als 50 Jahre. Gemeint ist das Management von Fragen, die in Medien anstehen und sich auf die Wirkung in Medien beziehen. Es gibt in Deutschland wahrscheinlich 10.000 PR-Berater-Firmen. Das sind wir als WMP nicht. Ich werde hier keine Kundendetails veröffentlichen, nenne aber ein paar Bespiele: Einer unserer Partner hat eine sehr große Mitarbeiterzeitung, wir sind in die Produktion eingebunden. Warum wir? Bei uns im Team arbeiten hervorragende Journalisten, ehemalige Redakteure und Chefredakteure von Zeitungen und TV-Sendern. 

Ein zweites Beispiel: Wir beraten die serbische Regierung auf ihrem Weg nach Europa. Wieder ein anderes Feld ist die medientaktische Beratung von Unternehmen in Fragen der Kommunikation. Wieder ganz anders ist es, wenn Staaten Fragen ihrer internationalen Wahrnehmung aufwerfen. Dann nenne ich Ihnen mal einen besonders exzellenten Kunden, die ZEG, die Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft, auf Hochdeutsch der größte deutsche Fahrradhändler, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Für den haben wir einen Beirat zusammengestellt, in dem neben Wendelin Wiedeking, Erwin Huber, Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel sowie dem Star-Mediziner Michael Lehmann auch mein Lieblings-Sportreporter Marcel Reif seinen Sachverstand mit einbringt. Was die Herren verbindet? Sie sind alle leidenschaftliche Radfahrer. 

Wir begleiten aber auch ein großes, amerikanisches Unternehmen, dass im NSA-Untersuchungsausschuss befragt wird: Wie verhält man sich, wenn in den Vereinigten Staaten erwartet wird, dass alles an Daten zur Verfügung gestellt wird, hier jedoch das Gegenteil erwartet wird? Wie kommuniziert man da?

So vieles unterscheidet uns von üblichen PR-Onkels. Wir erarbeiten Lösungen und verkaufen die. Natürlich machen wir auch Kontakte, aber kommunizieren müssen unsere Kunden selbst. Wir sprechen nicht für die Kunden, wir erarbeiten Strategien und Taktiken und helfen ihnen. Wir sind ein Unternehmen in der Kulisse. Das hat uns stark gemacht – für manche macht es uns verdächtig.

Es gibt ja offen oder verdeckt den Vorwurf, Ihr Geschäftsmodell sei Lobbyismus.

Das wurde mir auch schon in Ihrem Organ MEEDIA unterstellt, und zur Zeit läuft mit dieser Halluzination so ein Typ vom stern durchs Land, wie heißt der noch? Tillack, richtig. Ein anderer stern-Kollege bezeichnete den als „fleischgewordenen Leerlauf“. Lobbyisten – genau das sind wir nicht! Wir versuchen nicht, Politiker zu beeinflussen. Damit das klar ist: ich halte Lobbyismus ausdrücklich nicht für etwas Schlechtes, sondern für notwendig. Aber niemand von der WMP geht zu Politikern und sagt, ich mache euch mal bekannt mit Menschen, die Einfluss auf die Gesetzeslage nehmen wollen. 

Wer über Jahre an Uhren der Macht schraubt, läuft zwangsläufig Gefahr, professionell und moralisch zu deformieren. Wo sind denn für Sie moralische oder ethische Grenzen, die Sie als CEO von WMP nicht überschreiten?

Ich wüsste keinen Fall, wo ich über derartige Grenzen nachzudenken gehabt hätte. Käme morgen die nordkoreanische Regierung, kämen der Iran oder Weißrussland mit Anfragen nach Beratung, sagen wir Nein. Im Fall Katar sagen wir ja. Die Kataris sind bei der Deutschen Bank beteiligt und bei Porsche, ich kenne viele Geschäftsleute, die mit Katar Geschäfte machen – die FIFA vergibt die WM dorthin, die Amerikaner haben dort ihre Basis wie die Engländer und Franzosen, und auch Israelis sind willkommen. Warum sollten wir dann Nein sagen? Natürlich wünsche ich, dass die Bauarbeiter dort menschlich behandelt und ordentlich bezahlt werden, aber nachdem ich festgestellt habe, dass herausragende deutsche Unternehmen wie Dorsch die Federführung haben, sehe ich kein Problem. 

Haben Sie generell eine Haltung zum Begriff der Moral?

Ja: Wir arbeiten weder mit Mädchenhändlern oder Waffenhändlern noch mit Drogenhändlern zusammen. Und mit Schrotthändlern auch nicht. Das ist meine Moral.

Kennen Sie Angst?

Ich habe wie alle Menschen Angst vor schwerer Krankheit oder Krieg. Aber ich habe keine Angst, mein Haus neben einem Kernkraftwerk zu bauen. Ich habe auch keine Angst vor Putin. Ich finde, den müsste man, so wie einen kleinen Rocker, mal drücken und in den Arm nehmen, dann benimmt er sich auch besser. Obama übrigens wird das Thema mit Putin nicht lösen. Der ist die größte amtierende Flasche in der Weltpolitik. Noch vor Hollande und Cameron. Da ist Frau Merkel wirklich ein Lichtblick.

Putin kommt bei Ihnen nicht aufs Treppchen?

Nein, im Ranking lebender Flaschen nicht. Er nutzt die Leere, die entstand, weil Obama nur die Backen aufbläst, aber sonst nichts tut, um Amerikas Einfluss zu bewahren. Würde etwa Frau Clinton amerikanische Präsidentin, würde Putin sich sofort besser benehmen. Vor Frau Clinton hat er Respekt, vor Obama null. Wenn man aber als amerikanischer Präsidentendarsteller öfter rote Linien zieht ohne Konsequenzen, dann macht man Putin stark.

Mit 65 ist die Strecke Ihres Lebens, die Sie hinter sich gelassen haben, wahrscheinlich größer als jene, die vor Ihnen liegt. Wenn Sie den Blick aus dem Rückspiegel durch die Frontscheibe richten: Wie alt möchten Sie noch werden?

Möglichst alt. Bei guter Gesundheit.

Das ist ja keine Zahl.

Wenn der liebe Gott mir noch 25 Jahre geben sollte, bin ich dankbar.

25 Jahre wären noch eine Menge Holz. Die wollen gefüllt werden.

In unserer Firma bereite ich langsam meinen Rückzug vor, ohne aufzuhören, bestimmte Kunden zu betreuen. Michael Inacker kam und wird eingearbeitet auf meine Nachfolge. Ich gehe davon aus, dass er sich bald in meinen Sessel setzen wird. Das operative Geschäft geht über auf ihn und Klaus-Peter Schmidt-Deguelle. Ich werde beratend in der Nähe sein und Anker-Aktionär bleiben. Insgesamt stehen die Zeichen auf Angriff und Expansion, wir haben eine Kundenbindung von fast 100 Prozent.

Dann würde ich gerne mit meiner Frau öfter die Welt anschauen. Ich war fast überall, aber ich war noch nie in Chile, noch nie in Kanada, ich war noch nie in Japan, Australien, Neuseeland, Singapur, Hongkong und auch nicht in Südafrika. Es gibt noch so viel zu sehen. Jetzt gehe ich davon aus, dass Sie wissen wollen, was ich an meiner Seite brauche, um glücklich zu sein?

Ich gehe davon aus, dass Sie mir die Informationen zeitnah zur Verfügung stellen.

Ich brauche neben Gesundheit meine Frau an meiner Seite. Dann brauche ich eine gute Zigarre, immer ein schönes Gläschen Rotwein. Und immer ein gutes Buch.

Haben Sie je über Ihren Tod nachgedacht?

Nein. Udo Reiter, langjähriger Intendant des mdr und ein alter Weggefährte von mir, sagt, es sei nicht schön, 70 zu sein. Das ist traurig. Ich befasse mich nicht damit.

Versuchen Sie es mal: Was soll bleiben von Ihnen? Was soll man sagen über Hans-Hermann Tiedje, nachdem er gestorben ist?

Das ist mir komplett egal. Mir reicht es völlig, wenn meine Freunde weiterhin gut von mir denken. 

Wenn ich die Bühne verlasse, und es gibt Menschen, die sagen „Der größte Trottel der Menschheit ist gerade entschlafen.“ – dann ist mir auch das völlig wurscht.

Mehr über den Autor Christopher Lesko: www.leadership-academy.de

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