Der Putin-Talk bei “Hart aber fair” und der Lackmustest für Mainstream-Medien

Putin-Talk bei „Hart aber fair“
Putin-Talk bei "Hart aber fair"

Putin, die Ukraine, Sanktionen, Nato. Frank Plasberg hatte sich für die “Hart aber fair”-Sendung am gestrigen Montag das derzeit vielleicht dickste Themen-Brett ausgesucht. Und wie immer, wenn die Sprache derzeit auf den Ukraine-Konflikt, Russland und Wladimir Putin kommt, prallten auch hier zwei mediale Welten aufeinander: die Welt der klassischen Massenmedien und die so genannte Gegenöffentlichkeit im Internet. Wie sie mit diesem Phänomen umgehen, wird für klassische Medien zu einem Lackmustest für ihre Glaubwürdigkeit.

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Dass die Glaubwürdigkeit der klassischen Medien, TV, Zeitung, Magazine sowie deren Digital-Ableger, in größer werdenden Teilen der Bevölkerung erschüttert ist, daran kann es keinen Zweifel geben. Auch bei der gestrigen “Hart aber fair”-Sendung im Ersten gab es diese beiden Parallel-Welten zu besichtigen. Jedenfalls, wenn man beim Zuschauen einen Laptop auf dem Schoß hatte. Die eine spielte sich auf dem Bildschirm ab. Da wurde halbwegs gesittet diskutiert, Moderator Plasberg erteilte und entzog das Wort. Redakteurin Brigitte Büscher sortierte die Zuschauer-Meinungen.

Die Zuschauerstimmen wirkten fein balanciert. Da gab es einige, die Russland und den Kurs des russischen Präsidenten Putin kritisierten, andere zeigten Verständnis für die russische Haltung, weil doch die EU und die Nato so weit nach Osten vorrücken würden. Am Ende stand – wie so oft – eine Stimme, die mahnte, man möge doch an die Opfer denken.

In der anderen Medienwelt ging und geht es weit weniger gesittet zu. Wer parallel zur “Hart aber fair”-Sendung Twitter oder Facebook scannte, dem konnten die Augen übergehen. Moderator Plasberg, die Sendung, die ARD, die Öffentlich-Rechtlichen, die Medien allgemein wurden großflächig mit Spott, Vorwürfen der Parteilichkeit und Hass überzogen. All das roher, brutaler, unreflektierter, direkter als es im TV je möglich wäre. Es fehlt der Filter der Redaktion. Das kann man gut finden oder schlecht.

“Hart aber fair” ist natürlich nicht die einzige TV-Sendung, die im Web von der Gegenöffentlichkeit seziert wird. Vergangene Woche äußerte der Ex-Handballer Stefan Kretzschmar sein Gefühl, dass “uns” in Deutschland “gerade auch von den öffentlich-rechtlichen Medien” in Bezug auf die Ukraine nicht die Wahrheit gesagt werde. “Wir” würden “zu sehr am amerikanischen Tropf hängen” und “den Amis hinterherlaufen”. Deutschland würde zu wenig als souveräner Staat agieren. Der Clip entwickelte ein Eigenleben auf Facebook und YouTube, wurde vieltausendfach geteilt und überwiegend positiv kommentiert.

Der in der DDR aufgewachsene Kretzschmar hat mit seiner Aussage (und einem latent mitschwingenden Anti-Amerikanismus) offenbar einen Nerv getroffen. Was er in seinen Worten mit dem Ausdruck “zu wenig souverän” nur andeutet, bezieht sich vermutlich auf ein beliebtes verschwörungstheoretisches Thema, nämlich dass Deutschland angeblich gar kein souveräner Staat sei, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg keinen gültigen Friedensvertrag gegeben habe. Deutschland ist nach dieser These eine Art “Kolonie”, die von den USA regiert wird. Reichlich wirr und eigentlich nicht der Rede wert. Im Netz vermischt sich aber solcher Hardcore-Unfug mit tatsächlich berechtigter Medienkritik.

Gut möglich, dass sich Teile der Medien eine zu einseitige Anti-Russland-Haltung zu eigen machen. Auch denkbar, dass die USA oder die EU Interessen in der Ukraine verfolgen, die aufdeckenswert sind. Die Aufgabe der Medien wäre es, diese Seite genauso zu beleuchten, wie die Lügen und Propaganda-Spielchen von Putins Russland. Dies geschieht aber oft nicht oder nur bedingt. Ein Beispiel ist das Ukrainian Crisis Media Center (UCMC). Das UCMC ist eine Einrichtung, die u.a. von diversen PR-Firmen auch aus den USA unterhalten wird und offenbar das Ziel verfolgt, Medien mit einer pro-westlichen Sichtweise der Ereignisse in der Ukraine zu versorgen. Auch deutsche öffentlich.rechtliche Sender, wie etwa das ZDF, haben auf Material des UCMC zurückgegriffen und O-Töne dortiger Pressekonferenzen gezeigt.

Allerdings war – zumindest in früheren Berichten – neutral die Rede von einem “internationalen Medienzentrum”. Eine Ungenauigkeit, die noch nicht einmal böswillig gewesen sein muss. Vermutlich wollte man die Zuschauer nicht mit zusätzlichen Erklärungen zum UCMC verwirren. Solche – journalistisch begründbaren – Auslassungen, spielen den Verschwörungsfans der Gegenöffentlichkeit aber in die Hände. Genauso wie eine – ebenso begründbare wie notwendige – Vorauswahl der Zuschauerkommentare bei “Hart aber fair” in der Gegenöffentlichkeit sofort als “Zensur” verunglimpft wird.

Es ist schwer bis unmöglich diesen Schein-Argumenten beizukommen. Die Apologeten der Gegenöffentlichkeit drehen sich ihre so genannte Wahrheit widde-widde wie sie ihnen gefällt. Läuft in den bösen, vom erzkapitalistischen Amerika gelenkten Mainstream-Medien mal ein Beitrag, der ihnen in den Kram passt, wird dies als Beleg für ihre Thesen hergenommen. Berichten die Medien nicht nach ihrer Fasson, dann lügen sie halt im Auftrag finsterer Regierungsmächte.

Dieses Phänomen der Gegenöffentlichkeit umfasst aber keineswegs nur die üblichen Wirrköpfe (schöne Grüße an den Kopp-Verlag an dieser Stelle). Auch Otto Normalnutzer bleibt von den zahlreichen Äußerungen im Netz nicht unbeeindruckt. Was kann man noch glauben? Wirken diese Wackelvideos oder diese Argumentationskaskaden auf Facebook nicht auch irgendwie schlüssig? So ein bisschen vielleicht? Und wenn Pannen in der Berichterstattung klassischer Medien passieren, werden diese sofort breitgetreten. Zack, die Glaubwürdigkeit der Medien erhält eine neue Macke.

Die Gegenöffentlichkeit artikuliert sich im Zuge der Ukraine-Krise erstmals in großem Stil. Dass das Phänomen wieder verschwindet, ist unwahrscheinlich. Für die klassischen Medien ist dies eine der größten Herausforderungen der Digitalisierung. Wie können Medien ihre Glaubwürdigkeit retten oder zurückgewinnen? Wie können sie dem Publikum deutlich machen, dass es sich lohnt ihnen zu vertrauen? Vermutlich müssen Medien viel mehr als lernen, Ihre Nachrichten und Berichte zu erklären. Sie müssen Hintergrund-Infos anbieten, eine zusätzliche Transparenz-Ebene schaffen. Wenn sie dies nicht tun, tragen sie zur allgemeinen Verwirrung bei und spielen schlimmstenfalls radikalen Wirrköpfen in die Hände.

Medien müssen also glaubwürdiger werden. Das bedeutet, sie müssen ehrlicher werden, auch eigene Fehler und Unzulänglichkeiten offen dokumentieren. Das ist die eigentliche Transparenz-Frage, die eigentliche Herausforderung. Das ist der Lackmus-Test für klassische Medien in Zeiten einer digitalen Gegenöffentlichkeit. Die Frage, wie Medien diese Herausforderungmeistern, ist womöglich entscheidender, als die nach einer Paywall für Regionalzeitungs-Websites.

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Alle Kommentare

    1. Alle meine ursprünglichen Kommentare und die derer auf die ich geantwortet habe sind weg und alle anderen auch. Als wäre resetet worden. Das macht keinen guten Eindruck, im besten Fall ein schlechter Admin der kein Backup für Pannenfälle hat, im schlimmsten Fall eine Art Zensur. Nur eine Art, weil ja jeder auf seiner Seite, die Kommentare zulassen kann die er will. Was solche Erfahrungen aber den Menschen zu denken geben, denen das öfter passiert, auch bei Welt, Zeit, Tagesschau usw.. ist eine andere Sache. Wenn sie kein Programm und kein aus Moskau bezahlter sind, kommt das ganz schlecht.

  1. Herr Winterbauer hätte noch drauf eingehen sollen, wer zum großen Teil die sogenannte Gegenöffentlichkeit bildet, nämlich von Putins Propagandaapparat bezahlte Claqeure und PR-Agenturen sowie automatisierte Computerprogramme, die ganz überwiegend die Foren deutscher Medienmarken missbrauchen und sich dabei etwas zunutze machen, was es in Putins Reich nicht gibt: Meinungsfreiheit.

    1. Sind Sie jetzt eine real existierende, frei denkende Person oder ist das der Beitrag eines von der US-Regierung gesteuerten automatisierten Computerprogramms?

      Wie auch immer, Ihre wilden Thesen sind amüsant, aber wenig stichhaltig.

    2. Jeder dessen Kommentare, wie hier, einfach verschwinden und der natürlich weiß das er weder bezahlte Schreiber noch Computerprogramme ist (das Wissen um deren deren Existenz hatte ich in den verschwundenen Kommentaren hier übrigens zuerst erwähnt.) wird sich seinen Teil denken.
      Ich hatte in meinen hier verschwundenen Kommentaren so einige Tipps im Umgang mit bezahlten Trollen und Diskussionsbenehmen gegeben, ein weiterer ist, von allem Dokumentation machen (Screenshot, Seite abspeichern), damit man Löschungen oder Manipulationen auch Beweisen kann. Es gibt mindestens eine Webseite die sich darum kümmert und das gerne dokumentiert. Traurig das es schon so weit ist. Verlorene Leser und Zuschauer gewinnt man damit sicher erstrecht nicht zurück.

  2. Und wieder ein unqualifizierter Artikel.

    Im ersten bis heute gilt das Besatzungsstatut der westlichen Siegermächte. Russland hat verzichtet. Quellen Schäuble, Schröder, Gysi, Fischer. Sollte, so denke ich, fürs Erste reichen.

    Im zweiten Krim. Es war keine Annektion. Jeder der den Aufbau der russischen Föderation kennt und die dazugehörigen Gesetze weiß dies. Gleiches gilt für die ukrainischen Gesetze und dem Sonderstatus einer freien Republik Krim. Warum wird darüber nicht berichtet? Warum wird nicht darüber berichtet, das der IGH nicht der gleichen Meinung wie die UN ist, hinsichtlich der angeblich unrechtmäßigen Annektion.

    Alles an nachzulesen in den originalen Stellungsnahmen und Gesetzten. Warum soll ich also, ein Mensch der fünf Sprachen spricht, und diese Dokumente im Original gelesen hat, ein Verschwörungstheoretiker sein.

    Wo sind ihre Beweise und Belege? Sie können nur andere diffamieren, die nicht ihrer Meinung sind, ohne argumentieren zu können.

  3. Liebe Leser und Mit-Verschwörer,

    wir haben unsere Kommentare von Facebook wieder auf WordPress umgestellt, weil dies besser handhabbar ist.

    Darum sind einige ältere Kommentare leider weggefallen. Zensur war nicht im Spiel.

    Nun heißt es wieder. Feuer frei! 😉

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