Die Kriegsreporter-Figur Martin Lejeune und das Problem mit der Nähe

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Mit dem Berichten aus Kriegs- und Krisengebieten ist es manchmal eine schwierige Sache. Da gibt es den freien Journalisten Martin Lejeune, der sich gerne im strahlblauen Anzug samt Einstecktuch aus dem Gaza-Streifen meldet. Medien griffen ausgiebig auf seine Vor-Ort-Einschätzungen zurück. So lange, bis überdeutlich wurde, dass Lejeune ein Nähe-Distanz-Problem haben könnte.

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Martin Lejeune ist eine Figur, die im jüngsten Gaza-Krieg gleichsam aus dem Nichts auf der medialen Bühne erschien. Ronnie Grob hat in einem lesenswerten Stück über ihn – “Distanzlos mittendrin” – ein paar biografische Eckdaten über den Reporter Lejeune aufgeschrieben. Demnach wurde er 1980 in Hannover geboren, ist in Nürnberg und Bielefeld aufgewachsen, hat seit 2004 an der FU in Berlin Politikwissenschaft studiert und berichtet seit 2007 für überregionale Zeitungen.

Bekannter wurde Martin Lejeune vor allem, da er sich während der heißen Phase der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen vor Ort in Gaza-Stadt aufhielt und von dort berichtete. Zahlreiche deutschsprachige Medien nahmen von ihm Inhalte ab. Er schrieb u.a. schon für die taz, für die Frankfurter Rundschau, für die frühere SED-Zeitung Neues Deutschland, für den Wiener Standard. Er berichtete für den Deutschlandfunk und gab ein beachtetes Interview bei BBC World.

Der “Jung & Naiv”-Krautreporter Tilo Jung interviewte Lejeune in seinem seltsam deplatziert wirkenden blauen Anzug, das Medienportal Vocer brachte ein großes Interview mit ihm. Lejeune war gleichsam über Nacht der deutsche Star-Reporter aus Gaza. Dazu trug auch Lejeunes – wie sich herausstellte grundfalsche – Behauptung bei, er sei in der heißen Konflikt-Phase zwischen dem 7. Juli und 3. August der einzige deutsche Reporter vor Ort gewesen. Ein unbeugsamer freier Journalist besitzt als einziger den Mumm “dahin zu gehen, wo es ans Eingemachte geht” (Lejeune über Lejeune). Das war ein gefundenes Fressen für kritische Berichterstattung wider den medialen Mainstream.

Wie sich später zeigte, war dies aber falsch. Nachgewiesenermaßen waren u.a. auch Journalisten von ARD, ZDF, Deutscher Wellte, Süddeutscher Zeitung, Welt, N24 sowie weitere freie Journalisten zu jener Zeit in Gaza vor Ort, als sich Lejeune allein auf weiter Flur wähnte. Seine Glaubwürdigkeit war erschüttert.

Der Wandel Martin Lejeunes in der öffentlichen Wahrnehmung vom Paulus zum Saulus vollzog sich dann endgültig mit seinem Blog-Beitrag “Kollaborateure gefährden das Leben vieler unschuldiger Menschen. Die Hinrichtung der Kollaborateure wird in Gaza begrüßt”. Darin macht er sich auf unerträgliche Weise die Sicht der in Gaza regierenden Terror-Organisation Hamas zu eigen, bezeichnet Gaza-Einwohner, die mit Israel kooperieren, im Kriegs-Jargon als “Kollaborateure”, zeigt Verständnis für deren Hinrichtung und bescheinigt den Hamas-Terroristen, dass sie die Hinterbliebenen der Hingerichteten “sehr sozial” versorge.

Nun wurde den Medienschaffenden klar, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, Beiträge dieses Vor-Ort-Reporters zu übernehmen. Zahlreiche Auftraggeber Lejeunes distanzierten sich von ihm, auch Tilo Jung veröffentlichte einen Kommentar, in dem er von seinem Interviewpartner, dem er zuvor so “naiv” begegnet war, abrückte.

In der Folge tobte auf Lejeunes Facebook-Seite, bei Twitter und in Kommentarspalten die übliche Debatte. Die einen verteufelten Lejeune als “Hamas-Pressesprecher”, die anderen lobten ihn als unabhängige Stimme gegen den angeblichen, pro-israelischen Medien-Mainstream.

Es ist schwierig bis unmöglich aus der Ferne zu beurteilen, ob Martin Lejeune stets korrekt berichtet hat. Ob die drastischen Schilderungen vom Blut, das er gerochen hat, und den Organen verstümmelter Kinder stimmen. Gut möglich, dass das alles so ist. Aber warum ist da ein unbestimmt ungutes Gefühl, wenn man diesen jungen Mann mit dem Leuchten in den Augen und dem unpassenden blauen Anzug da in Gaza rumstehen und reden sieht?

Aus der Ferne, dem sicheren Wohnzimmer, mit dem Laptop auf dem Schoß, stellt sich ein Unbehagen ein, wenn Lejeune, die Schultern mit Palästinensertuch behangen, in einem YouTube-Video immer noch die längst als unwahr belegte Behauptung aufstellt, er sei als einziger deutscher Reporter während der heißen Konfliktphase vor Ort gewesen. Diese ganzen Beschreibungen von F16-Kampfjets und Leichen und Elend und Krieg und dem Sterben im Gaza-Streifen. Das mag authentisch sein. Aber merkt dieser junge Mann gar nicht, dass er sich – ob bewusst oder nicht – hier die Sichtweise der Hamas zu eigen macht? Dass er für die Propaganda derjenigen, die Israel am liebsten von der Landkarte radieren wollen, eine ungemein nützliche Figur ist? Hat er keinen Sinn dafür, dass es ganz und gar unpassend, geschmacklos und geschichtsvergessen ist, eine perfide Umdichtung von Paul Celans “Todesfuge” in seinem Blog zu veröffentlichen, in der die Zeile “Der Tod ist ein Meister aus Deutschland” zu “Der Tod ist ein Meister aus Israel” gemacht wird?

Darauf angesprochen, was er dazu sagt, dass die Hamas bewusst zivile Opfer in Gaza in Kauf nimmt, sagt Lejeune in dem oben eingebundenen Video: “Zivile Schutzschilde der Hamas sind eine Propagandalüge, das kann ich mit eigener Meinung sagen.” Warum kann er das sagen? Weil es die Hamas ihm erzählt hat. So einfach ist das. Für ihn.

Martin Lejeune betont in seinen Aussagen stets, dass er dahin geht, wo es wehtut. Wo es ans “Eingemachte” geht. So ist er mittendrin bei einer Familie in Gaza und reportiert. Dies ist gleichzeitig das Standard-Argument, mit dem Kritik an seiner Berichterstattung weggebügelt werden kann. Die Stubenhocker in Deutschland haben gut reden, Martin Lejeune sitzt vor Ort. Aber in Lejeunes Aussagen, seiner Art der Berichterstattung lässt sich recht klar erkennen, dass “vor Ort sein” keine Qualität an sich ist. Dass zuviel Nähe mindestens ebenso ein Problem sein kann wie zuviel Distanz.

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Alle Kommentare

  1. He is the guy who filmed David Sheen and Max Bluemthal harassing Gysi in the Bundestag. The guy is a political activist posing as a journalist.

  2. Ich habe vor ca. sieben Jahren gemeinsam mit Martin an der FU studiert. Mein damaliger Eindruck bestätigt sich hier. Er bezeichnet sich als Journalist?! Das einzige, worüber Herr Lejeune berichten will, ist Herr Lejeune..!

  3. Herr Winterbauer.
    Nur das was man aus erster Hand erfährt kann stimmen, Berichte aus zweiter Hand, sollte man möglichst Neutral berichten.
    Solch ein plumper Bericht den Sie über Herrn Martin Lejeune hier abliefern ist unterste Schublade, dafür sollten Sie sich schämen.
    Wes Brot ich ess, des Lied ich sing – nicht Wahr!

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