Chefredakteurs-Karussell: Jörg Quoos muss beim Focus gehen, Ulrich Reitz kommt

Der alte und der neue Focus Chef: Jörg Quoos (r.), Urich Reitz
Der alte und der neue Focus Chef: Jörg Quoos (r.), Urich Reitz

Hammernachricht: Völlig überraschend verliert nach dem stern auch der Focus seinen Chefredakteur. Jörg Quoos geht. Neuer Focus-Chefredakteur wird nach MEEDIA-Infos der frühere WAZ-Chef Ulrich Reitz. Quoos und und der Verlag seien unterschiedlicher Auffassung bezüglich der künftigen Ausrichtung des Magazins, heißt es. Gerade mal 20 Monate hat es den Ex-Bild-Mann Quoos auf dem Focus-Chefsessel gehalten.

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Tatsache ist, dass der von der Bild-Zeitung geholte Jörg Quoos gegen den Auflagenverfall beim Focus auch machtlos war. Quoos genießt in der Branche einen tadellosen Ruf, gilt als Vollblut-Journalist. Er stürzte sich mit Energie in das Abenteuer Focus. Denn klar war auch: Die Marke Focus war schon vor seinem Antritt als Chefredakteur massiv beschädigt. Und zwar nicht zuletzt durch die Hängepartie bei der quälend langen Ablösung von Gründungs-Chefredakteur und Herausgeber Helmut Markwort. Zunächst wurde Wolfram Weimer als neuer Focus-Chef installiert. Er verfolgte einen inhaltlich fragwürdigen Kurs mit umstrittener Themensetzung und kam auch in der Redaktion nie an.

Wie zu hören war, funkten Markwort und sein langjähriger Vertrauter Uli Baur Weimer immer wieder dazwischen. Nach nur kurzer Zeit war die Mini-Ära Weimer beim Focus dann beendet und Baur verwaltete das Blatt in bewährter Nutzwert-Manier weiter. Dann kam Quoos. Der Bild-Vize genoss zumindest am Anfang die Rückendeckung vom Verlag. Quoos machte den Focus inhaltlich relevanter, er setzte auf klassisches journalistisches Handwerk, kam bei der Mannschaft gut an. Quoos lieferte mit der Redaktion auch Scoops: Die Steueraffäre Uli Hoeneß wurde vom Focus unter seiner Führung losgetreten. Die Enthüllung des Nazi-Kunstschatzes in München war eine ziemliche Sensation. Allein: Gebracht hat das der Auflage alles so gut wie nichts.

Das führte offenbar dazu, dass hinter den Kulissen altbekannte Strippenzieher wieder aktiv wurden und gegen den Mann an der Focus-Spitze eifrig intrigierten. So wird es im Verlag jedenfalls erzählt. Quoos durfte noch den Teil-Umzug des Focus nach Berlin exekutieren. Offenbar kam es in jüngerer Zeit aber zu immer größeren Unstimmigkeiten zwischen dem Focus-Chef und der Verlagsspitze. Dazu mögen auch die erwähnten Strippenzieher  in München ihr Scherflein beigetragen haben. Zwischendurch wurde dann kolportiert, der bei der WiWo abberufene Roland Tichy sei als neuer Focus-Chef im Gespräch.

Tichy wäre in der Tat eine Idealbesetzung für den Focus gewesen. Am Ende wurde mit dem Ex-WiWo-Mann dann aber nur noch über eine publizistische Tätigkeit verhandelt. Jetzt haben sie bei Burda mit sicherem Griff genau den falschen Mann für den trudelnden Focus gegriffen. Reitz war Anfang in den 90ern schon mal Bonner Büroleiter des Focus, später Chefredakteur der Rheinischen Post und Chefredakteur der WAZ. Als herausragender Blattmacher trat er dabei nicht in Erscheinung, eher als Exekutor von Sparprogrammen. Zynisch könnte man sagen, dass er mit dieser Expertise beim Focus dann ja doch wieder richtig ist.

Burdas Verlagsvorstand Philipp Welte findet die bei solchen Anlässen üblichen Phrasen für den Wechsel: „Die Verdienste von Jörg Quoos um die Erneuerung unseres Nachrichtenmagazins sind enorm. Wir danken einem exzellenten Journalisten für seine hervorragende Arbeit. Ulrich Reitz findet beste Bedingungen vor. Von ihm erwarten wir uns eine entschlossene Weiterentwicklung unseres Magazins im gesellschaftlichen Diskurs. Er ist ein renommierter und erfahrener Journalist, der die Focus-DNA in sich trägt.“ Das erinnert an die Kränze, die dem hochkant rausgeschmissenen stern-Chef Dominik Wichmann bei Gruner + Jahr gewunden wurden.

Es fällt einem beim besten Willen nichts ein, was ein Ulrich Reitz beim Focus besser machen sollte als ein Jörg Quoos. Letzterer war kein Visionär oder Charismatiker. Quoos ist mehr der Typ ehrlicher Handwerker. Uneitel, hemdsärmelig, sympathisch. Reitz ist von anderem Schlag. Er hatte seine Ambitionen schon immer nach oben ausgerichtet. Auch als Regierungssprecher wurde er mal gehandelt und – ja – als Focus-Chef. Nun endlich, da alle anderen Optionen ausgeschöpft scheinen, kommt er zum Zug. Für das Magazin Focus dürfte die Berufung von Ulrich Reitz nichts Gutes bedeuten. Die Verlage verschleißen ihre Top-Chefredakteure in immer schnellerem Tempo. Die Frage muss erlaubt sein, ob das wahre Problem gar nicht in den Chefredaktionen liegt, sondern weiter oben.

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