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Wie der Ex-Art Director des stern den geschassten Dominik Wichmann verteidigt

Geschasster stern-Chefredakteur Wichmann
Geschasster stern-Chefredakteur Wichmann

Nach wie vor rätselt die Branche über die Gründe des plötzlichen Rauswurfs von stern-Chefredakteur Dominik Wichmann. Johannes Erler, der ehemalige Art Director des stern, gewährte in einem Blogpost Einblicke in die Hintergründe des stern-Relaunchs unter Wichmann. Und er verteidigt die redaktionelle Strategie von Wichmann. Sein Fazit: Er habe zu wenig Zeit erhalten. Auch über den aktuellen Spiegel-Konflikt kann man dabei etwas lernen.

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Johannes Erler vom Büro ErlerSkibbeTönsmann war bis zum Jahreswechsel Art Director des stern. Er hat zusammen mit dem geschassten Chefredakteur Dominik Wichmann den optischen Relaunch des stern verantwortet. Nach der Umsetzung übergab er die Aufgabe als stern-Oberauge an Frances Uckermann. Die Übergabe verlief – soweit man das von außen beurteilen kann – reibungslos und Erler zog es auch tatsächlich aus freien Stücken wieder in die Selbstständigkeit.

Im Blog seines Büros veröffentlichte er einen bemerkenswerten Text, in dem er über den stern-Relaunch und den Rauswurf von Wichmann reflektiert. Zunächst einmal ist Erler voll des Lobs über für die Arbeit seiner Nachfolger beim stern: “Aber wenn ich das neue Heft durchblättere, jetzt bereits mit ein wenig Abstand, dann sehe ich ein gestalterisch auf jeder Seite konkurrenzfähiges Produkt, das auf einigen Seiten sogar strahlt.” Auch für den Verlag Gruner + Jahr findet er freundliche Worte: “Und auch der Verlag ist immer sehr fair mit mir umgegangen. Ich bin dort nicht weggegangen, weil ich nicht gerne dort war. Ich musste gehen, weil es besser für mich und meine Art zu arbeiten ist.”

Aufschlussreich ist, was er über das Binnenklima in einer Großredaktion wie dem stern zu berichten weiß. Dass es mit dem Zusammenhalt in der stern-Redaktion nicht zum Besten bestellt sei, habe Wichmanns Demission eindrucksvoll gezeigt. Zitat: “Wenn man als Leitender aber andauernd darauf achten muss, niemandem auf die Füße zu treten, weil es garantiert irgendwann auf einen zurück fällt, ist das wahnsinnig anstrengend.” Seinen eigenen Job als Art Director beschreibt er rückblickend als zwei Fulltime-Jobs: “den des Art Directors und den eines Flohzirkus-Hochseil-Artisten.” Man kann sich vorstellen, dass dieser Effekt beim Chefredakteur noch stärker ausgeprägt war.

Das System stern sehe – wie alle anderen Groß-Redaktionen – bei solchen Konflikten nur zwei Möglichkeiten vor: Entweder der Chefredakteur arrangiert sich mit seinen Gegnern, was dazu führt, dass der Apparat weiter aufgebläht wird. “Oder er geht oder wird gegangen, weil der Druck zu groß wird. Merkwürdig nur, dass die Möglichkeit, sich als Chefredakteur fair von seinen Gegnern zu trennen, praktisch nicht existiert.”

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Bei diesen Zeilen kommt einem unweigerlich auch der aktuelle Konflikt zwischen Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner und Teilen der Print-Redaktion des Spiegel in den Sinn. Hat Erler mit seiner Analyse der Machtverhältnisse beim stern Recht, wäre das kein gutes Omen für den Chefredakteur Büchner. Auch wenn die handelnden Personen und die Voraussetzungen bei stern und Spiegel sehr unterschiedlich sind.

Erler hält noch einmal fest, dass objektiv sichtbare Gründe für einen Rauswurf Wichmanns schlicht nicht sichtbar sind: “Verkäufe, Abos, Anzeigen, all das war zwar nicht riesig, aber der Abwärtstrend erkennbar seichter, als zuletzt bei seinen Vorgängern oder im Vergleich zur Konkurrenz. Und genau das war ja das Ziel: Zeit zu gewinnen für die sukzessive Verkleinerung der Redaktion und eine neue, digitale Ausrichtung.” Auch gegen einen Umbau und eine Verkleinerung der Redaktion habe sich Wichmann nicht gewehrt, wie teilweise kolportiert wurde.

Erlers Fazit: “Unterm Strich bin ich der festen Überzeugung, dass Wichmann zu wenig Zeit erhalten hat, seine Strategie umzusetzen. Mir persönlich tut das sehr leid. Wichmann ist ein kluger, kreativer und weitsichtiger Chefredakteur. Und mir war er stets mehr, als mein Chef. Er war ein echter Partner und ist ein guter Freund.”

Johannes Erler hat den Beitrag mittlerweile wieder offline gestellt. Wie er sagt, um keine Missverständnisse auszulösen. Wir haben uns entschlossen, trotzdem Teile daraus zu zitieren, weil wir seine Ansichten als erhellend für die Debatte rund um den unfreiwilligen Abgang Dominik Wichmanns halten.

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