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Wochenrückblick: Bild.de-Chef Julian Reichelt als Tom Cruise für einen Tag

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Diese Woche hat es stern-Chef Dominik Wichmann erwischt. Gefeuert nach nur 15 Monaten an der Spitze! Großes Thema, wichtiges Thema. Nicht ganz so wichtig, eher ärgerlich: Julian Reichelt, der streitlustige Bild-de-Chef, hat sich über Ursula von der Leyen als "Top Gun"-Tante gefreut. Und Zeitungsmacher bei der FAS sehen ihre Nicht-Leser als eine Bedrohung.

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Bild.de-Chef Julian Reichelt kann schön schimpfen. Vor kurzem bellte er Daniel Steil, den Kollegen von Focus Online, dermaßen an, dass der arme Mann zu keiner Antwort mehr fähig war. Reichelt mag auch Edward Snowden nicht – er findet, der NSA-Whistleblower sei ein Verräter seines Vaterlandes und „Putins Pudel“. So kann man sich ja auch positionieren, wenn man unbedingt auffallen will im vermeintlich liberalen Mainstream. Über die Rolle und den Wert des Whistleblowing in der amerikanischen Geschichte können dann ja andere Journalisten nachdenken. Julian Reichelt wäre derweil sicher gerne mal Tom Cruise für einen Tag.

Denn am Freitag twitterte Reichelt seine Lieblingsstory des Tages. „Ursula von der Leyen schickt Bundeswehr in den Irak.“ Die Bild-Story ist mit einem dpa-Foto aufgemacht, das die Verteidigungsministerin auf einem Flugplatz in Schleswig-Holstein zeigt. Verschränkte Arme, entschlossener Blick, Morgendämmerung und, äh, Jeansjacke. Scheint der Bild jedenfalls wichtig zu sein. Schlimmer noch als die Inszenierung von der Leyens – zunächst lud sie als „Kommandantin der Herzen“ (O-Ton Bunte) mehrere People-Blätter zum Truppenbesuch ans Horn von Afrika ein, nun folgt die Fokussierung auf ihre Tatkraft und Entschlossenheit – ist allerdings das, was Bild draus gemacht hat.

„Top Gun Ministerin Ursula“ – „Einsatzbefehl im Morgengrauen“ – „In Jeansjacke schickte von der Leyen die Bundeswehr um 6:55 in Richtung Irak“. Um dort Hilfsgüter hinzubringen, wohlgemerkt. Noch ist die Hilfe mit militärischem Gerät nicht beschlossen. Bild aber erweckt den Eindruck, die Ministerin hätte gerade Kampfbomber in den Irak geschickt, um die IS-Krieger zu erledigen. Nun lässt sich trefflich darüber debattieren, welche Art von Hilfe Deutschland leisten sollte, aber eine Zeile wie „Top Gun Ursula“ zeigt, wie Medien aus einem ernsten Konflikt eine Dummheit auf dem Niveau eines Baller-Videospiels machen können, wenn sie grad Bock drauf haben. Geht’s eigentlich noch, Bild?

Die Redaktion von Extra3 hat das an Guttenberg gemahnende Leyen-Bild mal interpretiert:

Über die Sprache der Medien, wenn sie über Kriege und Konflikte berichten, schrieb vergangene Woche übrigens Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, an diesem Freitag auch Ludwig Greven von der Zeit.

„Geht’s noch?“ – so oder so ähnlich haben am Donnerstag eine Reihe von Branchenbeobachtern in Richtung Gruner+Jahr gefragt. Schwupps, war stern-Chefredakteur Dominik Wichmann nach nur 15 Monaten schon wieder weg vom Fenster. Kommt vor, einerseits. Andererseits betont man kurz vor einem Rauswurf nicht unbedingt noch die große Verbundenheit zu einem leitenden Mitarbeiter. Man sei „sehr, sehr glücklich“, Wichmann als Chefredakteur beim stern zu haben, hieß es noch am 3. Juli gegenüber den Kollegen vom Kontakter. Damals war die Absetzung des Journalisten nach MEEDIA-Infos schon beschlossene Sache.

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Wir von MEEDIA fanden ja, dass Wichmann seinen Job gut gemacht hat. Wie es in der Redaktion aussah, das lässt sich halt auch immer nur danach bewerten, was einem erzählt wird. Das kann dann ausgewogen oder einseitig ausfallen. Wenn man die richtigen Leute (oder die falschen, je nach Sichtweise) fragt, wird jeder Chef zu einem unfähigen Typen. Was ja wiederum nicht heißen muß, dass ein Chef tatsächlich nicht ein Fehlgriff war.

Was allerdings auffällt, betrachtet man mal die Situation, in der sich Wichmann beim stern (gefeuert), Wolfgang Büchner beim Spiegel (die Ressortleiter wollen mit ihm nix zu tun haben) und Jörg Quoos beim Focus (durchaus tatkräftig, wenn auch bisher ohne die rechte Fortune, weshalb er in München auch nicht als alternativlos gilt) befinden, dann lässt sich nur konstatieren: es war schon mal deutlich cooler, der Chef eines großen Magazins zu sein. Ärger gab’s immer, Rauswürfe auch, aber der Druck ist wegen der sinkenden Auflagen und gleichzeitig der vielen ungelösten Fragen auf dem Weg zur digitalen Medienmarke so stark gestiegen, dass sich, kommen Unstimmigkeiten in der Redaktion dazu, Chefs schnell in ganz unbequemen Situationen wiederfinden.

Unbequem, das ist eigentlich auch der Dauerzustand der Printmedienbranche insgesamt. Glaubt man Printmedienmachern. Klar, die Zahlen zeigen, dass die Verschiebungen im Mediennutzungsverhalten gigantisch sind, mit ganz konkreten Auswirkungen auf Geschäftsmodelle. Darüber zu berichten, gehört zu unserem Tagesgeschäft. Doch auch Publikumsmedien versuchen sich daran, ihren Lesern die Untiefen der neuen Medienwelt zu erläutern. Schade nur, dass das Ergebnis dann oft so larmoyant ausfällt wie am vergangenen Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Das Internet, schreiben dort die Autoren, habe den Zeitungen das Anzeigengeschäft „vermiest“ und „untergrabe“ ihre Autorität. Die „Hoffnung“ der Journalisten bleibe, „dass sie doch noch gebraucht werden“. Mit solch einer Haltung macht es sich ja richtig gut Zeitung, oder? Eine junge (vermutlich fiktive) Nicht-Zeitungsleserin namens Ella wird in dem Text auch als eine „Gefahr für die Verlage“ bezeichnet. Wie ist das eigentlich, liebe FAS-Kollegen, wenn man sein Publikum, oder das, was man gerne hätte, als eine Bedrohung betrachtet? Bisschen gruselig, oder?

Noch ein, zwei Sätze zum Voting-Ranking-Irrsinn von ZDF/WDR/NDR/HR. Was sagen eigentlich die Privaten dazu? Lehnen die sich genüsslich zurück und schauen zu, wie sich die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren frisierten Talsperren und Mühlen-Rankings blamieren? Geht da sowieso jeder davon aus, dass die ganzen Chart-Shows, vor allem aber die Voting-Shows wie „DSDS“ und „GNTM“, so hingedreht werden, dass es nachher passt?

Ein schönes Wochenende ohne quälende Medien-Fragen!

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