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Nannens zu große Fußstapfen: die Chronik der stern-Chefredakteure

Drei der ehemaligen stern-Chefredakteure: Heiner Bremer, Michael Maier und Peter Scholl-Latour
Drei der ehemaligen stern-Chefredakteure: Heiner Bremer, Michael Maier und Peter Scholl-Latour

Nach nur 15 Monaten als alleiniger stern-Chefredakteur muss Dominik Wichmann wieder gehen. Der stern knüpft damit an seine wenig ruhmreiche Zeit in den 1980ern und 1990ern an, als die Chefs im Durchschnitt alle zwei Jahre ausgetauscht wurden. Den Rekord hält dabei der legendäre Herbert Riehl-Heyse mit gerade mal vier Monaten. MEEDIA blickt zurück.

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In den ersten Jahrzehnten war der stern in Sachen Spitzen-Personal an Zuverlässigkeit nicht zu toppen: Es dauerte über 32 Jahre, bis der stern seinen ersten Chefredakteurs-Wechsel erlebte. Der Grund war natürlich Henri Nannen. Der Gründer des Magazins, das am 1. August 1948 zum ersten Mal erschien, blieb bis zum 31. Dezember 1980 dessen Chefredakteur. 67 war er , als er ausschied – auf zwischenzeitlich mehr als 1,8 Mio. verkaufte Exemplare hatte er den stern geführt. Seine Nachfolge hatte er frühzeitig geregelt: Das Trio Rolf Gillhausen, Peter Koch und Felix Schmidt – allesamt Männer, mit denen Nannen beim stern zusammen gearbeitet hatte, übernahm am 1. Januar 1981.

Das Triumvirat regierte allerdings nur bis zum Mai 1983. Der Grund wurde im vergangenen Jahr zum 30. Jubiläum nochmal in Erinnerung gerufen: die gefälschten Hitler-Tagebücher. Eine der Konsequenzen des Skandals war der Rücktritt von Koch und Schmidt nach etwas mehr als zwei Jahren. Überlebt hat den Skandal in der Chefredaktion Urgestein Rolf Gillhausen, der lange Jahre an der Seite Nannens gewirkt hatte. Er blieb in der Chefredaktion, bildete zusammen mit dem TV-Korrespondenten Peter Scholl-Latour, der direkt aus dem ZDF-Studio Paris zum stern wechselte, eine Doppelspitze. Die Redaktion wurde mit Scholl-Latour allerdings nicht warm, stritt sich gern und oft mit ihm.

Schon im März 1984, nach nicht einmal einem Jahr also, musste Scholl-Latour gehen – auch wegen der Spätfolgen des Hitler-Tagebuch-Skandals. „G+J-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen begriff schnell, dass die Uneinigkeit zwischen Redakteuren und Chefredakteur keine neue Erfolgsbasis für den journalistisch instabil gewordenen ’stern‘ versprach, auch wenn der Auflagenrückgang und die Anzeigeneinbußen langsam wieder wettgemacht wurden“, schrieb Der Spiegel damals. Rolf Gillhausen ging gleich mit und so wurde am 1. April 1984 mit Geo-Chef Rolf Winter erstmals seit Nannen wieder ein Einzelner Chefredakteur. Winter führte u.a. den Serviceteil „Modernes Leben“ ein, sollte allerdings auch nicht allzu lang bleiben.

Günther Kress schrieb zum neuerlichen Wechsel im Mai 1986: „Der Übervater des ’stern‘, gehasst, geliebt, stets respektiert, wirft – wie erwartet – einen so langen Schatten, dass buchstäblich jeder Nachfolger in der Führung des ’stern‘ an ihm gemessen wird – so unvernünftig, ungerecht, unzeitgemäß das immer ist. Jeder, der den Mund aufmacht zum Thema, auch Nannen selbst, hat stets betont, Personenkult sei fehl am Platz, es werde eben ein anderer „stern“ sein. Nur, bitte sehr, ebenso erfolgreich wie vorher!“. Die Verkaufszahl lag unter Winter allerdings „nur“ noch bei etwas über 1,4 Mio. – zu wenig für die damalige Zeit.

Die nächsten, die ans Ruder kamen, waren Heiner Bremer, Michael Jürgs und Klaus Liedtke. Erneut ein Trio mit langjähriger stern-Erfahrung. Bremer, späterer RTL-Moderator, arbeitete vor seinem Chef-Posten bereits 16 Jahre bei dem Blatt, Jürgs zehn und Liedtke sogar 18. 1988 installierte Gruner+Jahr-Boss Gert Schulte-Hillen einen neuen Herausgeber beim stern: Rolf Schmidt-Holz. Die drei Chefredakteure wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Im Januar 1989 gingen Klaus Liedtke und Heiner Bremer, der als Pressesprecher zu Axel Springer wechselte. Schmidt-Holz damals: „Die Dreier-Lösung war auf die Dauer nicht tragbar“.

Michael Jürgs blieb also, bekam mit dem Süddeutsche-Mann Herbert Riehl-Heyse aber erneut einen Co-Chefredakteur an die Seite. Der ausgezeichnete Autor kam am 1. Juli – und ging am 31. Oktober. Mit gerade einmal vier Monaten an der stern-Spitze hält Riehl-Heyse noch heute den Negativ-Rekord. Die Einschätzung von Günther Kress damals: „Riehl-Heyse, Edelfeder, Reporter, jedoch ohne jede Management-Erfahrung, hatte keine Ahnung und sich um die Erlangung dieser Ahnung auch nicht bemüht, mit welchem Aufwand an Organisation, Verwaltung, Verhandlungsgeschick (mit der Technik beispielsweise) und Zeitaufwand die Chefredaktion einer so großen Zeitschrift verbunden ist.“ Und weiter: „Die kurze, unglückliche Episode Riehl-Heyse/stern – ganze vier Monate – hat in der stern-Redaktion wieder eine große, lähmende Enttäuschung ausgelöst. Außerdem werden mögliche Interessenten für die ’stern‘-Spitze – neben Jürgs – den Job als Schleudersitz missverstehen.“

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Herausgeber Rolf Schmidt-Holtz stellte sich selber dann im Dezember an die Seite von Jürgs – erneut eine Doppelspitze. Für zwei Monate. Denn schon im Januar 1990 wurde Jürgs abgelöst, Schmidt-Holtz war alleiniger Chef. Das blieb er immerhin bis zum 1. Juli 1994 und damit so lang wie vor ihm kein anderer in der Nach-Nannen-Ära. Im Mai 1994 schrieb Der Spiegel dann: „Gegen den Willen von Schmidt-Holtz hatte der Vorstand Planungen für ein neues ‚Newsmagazin‘ gebilligt, das wie der Stern am Donnerstag erscheinen soll und derzeit vom ehemaligen ‚Bild‘-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje in Berlin aufgebaut wird.“ Schmidt-Holtz, zusätzlich zu seinem Chefredakteurs-Posten auch im Vorstand von Gruner + Jahr, übernahm dann bei der Konzernmutter Bertelsmann die Verantwortung der Film- und Fernsehaktivitäten. Hier hatte Bertelsmann zuvor durch den Misserfolg des damaligen Infosenders Vox mehrere Hundert Millionen Mark versenkt. Apropos „versenkt“: Tiedjes Magazin kam im September 1994 als „Tango“ auf den Markt, wurde nach nur 37 Heften im Juni 1995 wieder eingestellt und kostete den Verlag 61 Mio. Mark.

Neuer stern-Chef wurde am 1. Juli 1994 jedenfalls Werner Funk, bis dahin Chefredakteur und Geschäftsführer von Geo. Funk war der letzte stern-Chefredakteur, den Henri Nannen erlebte. Der stern-Gründer starb im Oktober 1996 im Alter von 82 Jahren. Auch unter Funk ging es zeitweise turbulent zu. So schrieb die Süddeutsche Zeitung im Januar 1987: “ Nicht nur muss der Verlag Gruner + Jahr die neuesten Wirtschaftsdaten verkraften, denen zufolge der Spiegel den stern als umsatzstärkste Zeitschrift in Deutschland abgelöst hat. Auch intern herrscht mal wieder Zoff. Chefredakteur Werner Funk will das Blatt völlig neu ordnen und deshalb alle Ressorts umkrempeln. Die Redaktion mault.“ Ein paar Wochen später nannte die SZ Funk in einem Porträt sogar den „bestgehassten Mann der Branche“ und auch der Spitzname „Kim Il Funk“ war immer wieder zu hören. Funk blieb aber noch eine Weile, startete 1998 den Gründerwettbewerb „StartUp“, das Musikmagazin Amadeo und verantwortete das stern-Jubiläums-Heft zum 50. Geburtstag, für das Bundeskanzler Helmut Kohl sehr kurzfristig ein Interview absagte, da er sich über einen Beitrag in den
stern-Jahreschroniken geärgert habe.

Funk trat Ende 1998 – offiziell aus Altersgründen – ab, nach immerhin viereinhalb Jahren. Was dann folgte war erneut eine rekordverdächtige Episode. Der neue Chefredakteur hieß nämlich Michael Maier. Der Österreicher, der heute u.a. die populistischen „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“ betreibt, kam von der Berliner Zeitung und sollte den stern laut Schulte-Hillen „strahlender, emotionaler“ machen. Doch Maier entpuppte sich nach Riehl-Heyse als wohl zweitgrößtes Missverständnis an der stern-Spitze. Nach nur sechs Monaten wurde er am 1. Juli 1999 schon wieder entlassen. Es gab „unterschiedliche Auffassungen über die künftige Personalpolitik“ gab der Verlag damals bekannt. Die Fachpresse nannte hingegen die wirtschaftlichen Ergebnisse und Zoff in der Redaktion. Legendär ist auch der Satz von Vorstandschef Schulte-Hillen gegenüber seinem Zeitschriftenvorstand Wickman, der Maiers Schicksal als stern-Chef besiegelte: „Let’s face it, Rolf.“

Und auch der Schatten von Henri Nannen wurde erneut bemüht. So schrieb der Tagesspiegel zu Maiers Ablösung: „Maier scheiterte, wie viele seiner Vorgänger, auch an dem Mythos des eigenen Blatts. Dem Mythos Henri Nannen, der den stern 1948 erfunden und zu einer Erfolgsstory im Nachkriegsdeutschland gemacht hatte. ‚Früher war alles besser‘, sagen stern-Redakteure gerne mal, wenn sie in aktuellen Ausgaben blättern. Diese rückwärtsgewandte Sehnsucht hat notwendige Erneuerungen immer wieder verhindert. Diese Nostalgie ist so ausgeprägt, daß der stern selbst ein Negativbeispiel deutscher Industriegeschichte werden könnte: Todesursache Mutlosigkeit.“

Eine nicht mehr für möglich gehaltene Verlässlichkeit brachte dann der Wechsel zum Chef-Duo Thomas Osterkorn und Andreas Petzold mit sich. Osterkorn arbeitete schon als Ressortleiter für den stern, Petzold kam von der Hörzu. Im Juli 1999 traten sie an (Petzold wegen seines Hörzu-Jobs ein paar Wochen später) – und erst im Jahr 2013 war ihre Ära zu Ende. Nach fast 14 Jahren. Osterkorn und Petzold gelang es lange Zeit, die Auflage stabil zu halten. Noch 2007 verkaufte sich der stern in jedem Quartal mehr als 1 Mio. mal. Erst in der jüngeren Vergangenheit, in der fast alle großen Zeitungen Zeitschriften unter massiven Auflagenverlusten leiden, ging es auch für den stern deutlich nach unten. Im vergangenen Jahr wurde daher Dominik Wichmann als Modernisator verpflichtet. Er sollte wie so viele seiner Vorgänger nicht allzu lang bleiben.

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