Digitales Storytelling: 7 hervorragende Multimedia-Reportagen deutscher Medien

mutlimedia.jpg

Publishing Multimediales Storytelling wird auch bei deutschen Journalisten immer beliebter. Die Redaktionen entwickeln neue Erzählformen und bereiten so den Boden für anspruchsvolles digitales Storytelling. Wer etwas auf sich hält, macht mit. MEEDIA stellt sieben Reportagen der letzten Monate vor, die Maßstäbe gesetzt haben.

Werbeanzeige

„Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ der New York Times gilt als der Vorreiter des digitalen Longform-Journalismus und hat erstmals gezeigt, was in der Online-Berichterstattung möglich ist. Durch die Verbindung von Text, (Bewegt-)Bild, Ton, Grafiken und einem aufwendig produziertem Design wurde die Reportage zu einem journalistischen Gesamtkunstwerk – und „snowfalling“ zum Ausdruck für eine Geschichte im Scrollytelling-Stil. „Scrollytelling“ ist eine Wortzusammensetzung aus Scrollen und Storytelling und meint, dass der Seitenbesucher während des Lesens immer weiter herunterscrollt. Nachdem die New York Times vorgelegt hatte, haben auch deutsche Verlage diese Form des Geschichtenerzählens für sich entdeckt und in den letzten Monaten zahlreiche eigene Multimedia-Reportagen produziert.  Sieben der besten Scrollytelling-Stücke in der MEEDIA-Auswahl:

Rhein-Zeitung: „Arabellion“

Zu den ersten Multimedia-Reportagen aus Deutschland gehörte „Arabellion“ der Rhein-Zeitung: Dieses Projekt bereitet die Ereignisse des Arabischen Frühlings auf und blickt dafür nach der kurzen Einleitung „Was vom Frühling bleibt“ in vier Kapiteln nach Tunesien, Libyen, Ägypten und Jordanien. Rhein-Zeitungs-Redakteur Dietmar Telser war dafür drei Monate unterwegs. „Arabellion“ wurde 2014 für den Grimme Online Award nominiert.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 14.46.43

Spiegel Online: „Mein Vater, ein Werwolf“

Im Frühjahr 1954 war Georg Schnibben als sogenannter Werwolf (ein überzeugter Nazi, der kurz vor Kriegsende weiterhin versucht hat, die NS-Ideologie durchzusetzen) für die Ermordung eines widerständischen Bauern in Niedersachen verantwortlich. Im Frühjahr 2014 schreibt sein Sohn, der Spiegel-Reporter Cordt Schnibben, die Geschichte seiner Eltern auf und verarbeitet sie gemeinsam mit einem Team von Spiegel und Spiegel Online zu einer Multimedia-Reportage mit insgesamt acht Kapiteln. Die geschichtsträchtigen Szenen werden als Graphic Novel in schwarzweißer Optik inszeniert.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 10.16.00

Bild: „Im großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmeleien“

In diesem Jahr jährt sich der Erste Weltkrieg zum 100. Mal – zu diesem Anlass hat die Bild ein multimediales Stück über das Leben von Fritz Rümmelein veröffentlicht, der im Alter von 23 Jahren an der französischen Front starb. Wie „Mein Vater, ein Werwolf“ ist auch diese Reportage in acht Kapitel unterteilt. Der Fokus von „Im großen Krieg“ liegt auf der Aufbereitung der alten Dokumente aus der Zeit, die Bild-Reporter Ralf Georg Reuth entdeckte.

bild-mutlimedia-reportage-630x353

HAZ: „Das Ende eines Traums“

Die Hannoversche Allgemeine (HAZ) der Mediengruppe Madsack hat in diesem Jahr gezeigt, dass sich digitaler Longform-Journalismus durchaus auch für Lokalredaktionen eignet und eine Multimedia-Reportage über das sogenannte Ihme-Zentrum veröffentlicht. Der Baukomplex ist in Hannover umstritten: Für die einen stellt er ein Wahrzeichen der Stadt dar, für die anderen einen Schandfleck. Die HAZ erzählt die Geschichte des Zentrums jetzt digital – und nimmt ihr Publikum mit auf einen interaktiven Besuch in dem 500 Meter langen Gebäudekomplex. Auch die Printausgabe der Lokalzeitung griff das Thema auf und berichtete auf einer Doppelseite über die Probleme des Zentrums.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 10.51.46

WDR: „Pop auf’m Dorf“

Dieses Web-Special des Westdeutschen Rundfunks entstand in Zusammenarbeit mit dem Rockpalast und dreht sich um das jährlich stattfindende Haldern-Pop-Festival. Das Feature wurde beim diesjährigen Grimme Online Award in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet. In diesem Sommer knüpften WDR und Rockpalast an den Erfolg an und starteten eine zweite Multimedia-Reportage zum Haldern Pop 2014. Bei der Erstellung des Projekts hat der Sender sein hauseigenes Scrollytelling-Tool Pageflow.io genutzt, das seit diesem Jahr für jeden frei zugänglich ist. Mit Pageflow produzierte der WDR außerdem unter anderem die Reportage „Gutjahr und… die Suche nach dem perfekten Job„.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 14.53.45

Zeit Online: „100 Jahre Tour de France“

Im Sommer 2013 hat Zeit Online anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Tour de France ein multimediales Feature veröffentlicht, das in drei Kapiteln die Geschichten dreier Protagonisten am Rand des Radrennens erzählt: „Das Tourhotel“, „Der Dopingsünder“ und „Der Fahrer ohne Lizenz“. Diese Reportage zeichnet sich besonders durch datenjournalistische „Spielereien“ aus, wie „Die Evolution der Rennräder“ oder eine interaktive Infografik zum Blutdoping.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 11.31.28

NDR und Süddeutsche: „Geheimer Krieg“

In einer Zusammenarbeit zwischen dem Norddeutschen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung entstand das Longform-Projekt „Geheimer Krieg“, das sich dem Drohnenkrieg der USA und seinem Einfluss auf Deutschland widmet. Die Journalisten präsentieren ihre Ergebnisse zu dem Thema in aufwendig produzierten interaktiven Karten. Inhaltlich ist auch diese Reportage sehr hochwertig, fällt in puncto Design und Optik jedoch im Vergleich zu den anderen sechs Beispielen ab.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 15.26.10

Auch wenn Multimedia-Reportagen im Scrollytelling-Stil im Jahr 2014 nicht mehr unbedingt neu sind und die New York Times mit „Snow Fall“ oder The Guardian mit „Firestorm“ erst vorlegen mussten, zeigen diese sieben Beispiele, dass auch deutsche Verlage durchaus experimentierfreudig sind – von großen Häusern bis zur Lokalredaktion. Und obwohl sie sich alle mehr oder weniger aneinander orientieren, ist jede dieser Multimedia-Reportagen ein kleines Gesamtkunstwerk für sich.

Ein Hinweis in eigener Sache: Auch die Autorin dieses Beitrages hat eine Multimedia-Reportage entwickelt. Unter dem Titel „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“ konfrontiert sie das medial verzerrte Bild der Magersucht mit wissenschaftlichen Fakten und beleuchtet unbeantwortete Fragen.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 15.49.14
***

Interesse an Innovation? Das neue berufsbegleitende Kompaktprogramm “Innovation & Entrepreneurship in Journalism” der Hamburg Media School (HMS) richtet sich an Redakteure und freie Journalisten. Im Fokus der sechs Lerneinheiten stehen Innovationsmanagement und die Schulung unternehmerischer Fähigkeiten. Die Kernfrage lautet: Wie können Innovationen im Journalismus von der Phase der Ideenfindung über die Planung bis zur praktischen Umsetzung sinnvoll gefördert, akzentuiert, gesteuert und erfolgreich umgesetzt werden? U.a. auf dem Themenplan stehen digitales Storytelling, Datenvisualisierung und der gezielte Umgang mit Social Media. MEEDIA ist Kooperationspartner des Studiengangs.  

Mehr Informationen zur HMS und zum Kompaktprogramm gibt es unter Angabe des Stichwortes “Innovation@MEEDIA” bei Julia Ruge (j.ruge@hamburgmediaschool.com).

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige