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Medien unter Druck: Warum braucht der Journalismus neue Förderer, Herr Liedtke?

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Ex-Stern-Chef Klaus Liedtke ist Vorstand bei Investigate!

Ex-Stern-Chefredakteur Klaus Liedtke ist seit 2011 Vorstand des gemeinnützigen Vereins investigate!. Das Vereinsziel: aufwändige Recherchen von Journalisten ermöglichen. In diesem Jahr hat der Verein bereits drei größere Projekte finanziell unterstützt. Die "goldenen Jahre" des Journalismus seien vorbei, sagt Liedtke im Gespräch mit MEEDIA. Der ökonomische Druck wirke sich auf die Qualität aus. Darum müsse jede Hilfe willkommen sein.

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„Faktenorientierter, aufklärender Recherche-Journalismus“ – das wünscht sich der Verein investigate, mit kleinem i vorn und Ausrufezeichen hinten. In diesem Jahr wurden bereits drei Rechercheprojekte gefördert. Die Artikelserie „50 Jahre Gastarbeiter in Österreich“ von Köksal Baltaci (erschienen in der Presse am Sonntag), die Reportage „USA – Soldaten ohne Vaterland“ von Amrai Coen und Nicola Meier (erschienen als Dossier in der Zeit und bei Zeit.de) und das Stück „Keine Grenze kann diese Männer aufhalten“ von Raphael Thelen (erschienen bei Welt.de). Die Recherchen sollen „internationale Relevanz“ haben.

Geht es dem Journalismus so schlecht, dass er Unterstützung von gemeinnützigen Organisationen braucht, Herr Liedtke?
Das klingt ja nach Notfall-Ambulanz und Arbeiter-Samariterbund. Noch lebt der Journalismus. Aber die digitale Revolution, die veränderten Mediennutzungsgewohnheiten und der ökonomische Druck auf Redaktionen bedrängen nun mal den klassischen Journalismus. Da muss doch jede Hilfe, die keine inhaltlichen Vorgaben macht, keine Bedingungen stellt und den Journalisten unabhängig agieren lässt, willkommen sein. Warum also nicht auch von gemeinnützigen Organisationen, von Stiftungen? Gehen Sie davon aus, dass diese Art von Unterstützung künftig immer mehr nachgefragt werden wird. Und zu welchen Hochleistungen gemeinnützig finanzierter Journalismus fähig ist, sehen wir ja zum Beispiel in den USA mit der Non-Profit-Organisation ProPublica und ihren Pulitzerpreisen.

Wie sehen Sie die Lage des Journalismus und der Journalisten? Vom gut bezahlten Traumberuf zum Nebenjob für Idealisten?
Was Gehälter und Honorare angeht: Die goldenen Jahre sind schon lange vorbei. Und wenn insbesondere freie Journalisten mittlerweile so schlecht bezahlt werden, dass ihr Beruf steuertechnisch als Liebhaberei eingestuft werden müsste, dann braucht man keine große Phantasie um sich vorzustellen, was das langfristig für die Qualität des Journalismus bedeutet. Dennoch bietet der Journalismus, allen, die ihn mit Leidenschaft betreiben, auch unter den veränderten Bedingungen ein hohes Maß von kreativer Selbstverwirklichung. In den Journalismus geht man doch in der Regel nicht, um das große Geld zu verdienen.

Nicht mehr, vermutlich. Sie waren Chefredakteur des Stern und der deutschen Ausgabe von National Geographic. Können aufwändige Reportagen wie die, die Investigate möglich machen will, nicht mehr von solchen Titeln allein finanziert werden?
Natürlich können sie es. Aber auch in den Redaktionen der Weltblätter werden die Gelder knapper und Wagnisfinanzierungen schwieriger. Selbst die New York Times kooperiert inzwischen mit einer „gemeinnützigen Organisation“, mit ProPublica und teilt sich die Recherchekosten. Das funktioniert hervorragend.

Investigate soll vor allem dem recherchierenden Journalismus helfen – gibt es vor allem in diesem Metier zu viele weiße Flecken?
Allgemein gilt: in fast allen Redaktionen steht immer weniger Zeit für Tiefenrecherche zur Verfügung, und bei der sehr bescheidenden Honorierung freier Journalisten können diese sich häufig keine ausreichend gründliche, langwierige Recherche erlauben. Da setzt investigate! an. Wir wollen Journalisten helfen, ihre Projekte so zu realisieren, wie es geboten ist, also ohne unverhältnismäßige zeitliche oder finanzielle Restriktionen. Die Redaktionen, die davon profitieren, reagieren jedenfalls alle sehr positiv. Außerdem organisieren wir Podiumsdiskussionen und Roundtables, auf denen wir die prekäre Lage des Qualitätsjournalismus thematisieren und die Frage nach seiner alternativen Finanzierung aufwerfen.

Investigate hat in diesem Jahr bereits drei größere Projekte gefördert. Nach welchen Kriterien suchen Sie und Ihre Kollegen die Themen aus?
Wir sind kein Redaktionsbüro, das mit eigenem Team Geschichten produziert oder in Auftrag gibt. Wir rufen einmal im Jahr zu einer Bewerbungsrunde für Recherchestipendien auf, bei der talentierte Journalisten ihre Projekte einreichen können. Eine unabhängige Jury aus prominenten Medienpersönlichkeiten entscheidet dann über die Vergabe. Die Themen müssen eine gesellschaftliche Relevanz haben und, wie es unsere Satzung fordert, „grenzüberschreitend“ sein, also mit internationalem Charakter.

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Darum ist es auch kein Zufall, dass sich die Investigate-Reportagen mit Soldaten in den USA, mit Flüchtlingen und Migranten beschäftigen. Ist Migration ein journalistisches Mega-Thema?
Migration ist eines der großen Themen unserer Zeit. Kriege, Unterdrückung, Armut und bald auch der Klimawandel werden zu immer größeren Flüchtlingswanderungen führen, mit gewaltigen Folgen für die Aufnahmeländer. Die bei uns eingereichten Journalismus-Projekte reflektieren diesen Trend.

Wie viele Anträge auf finanzielle Recherche-Unterstützung bekommt Investigate pro Bewerbungsrunde?
Beim letzten Mal waren es schon über dreißig. Wir gehen davon aus, das die Zahl rasant zunehmen wird. Wir haben ja gerade erst angefangen.

Arbeitet Investigate mit anderen Initiativen wie etwa dem neu gründeten Recherchebüro Correctiv zusammen? Oder besteht die Gefahr, dass sich verschiedene gemeinnützige Initiativen gegenseitig Konkurrenz machen?
Wir freuen uns über jede neue Initiative, die hilft, Qualität im Journalismus zu sichern, von Correctiv bis zu den Krautreportern. Hier geht es schließlich um eine Säule unserer Demokratie. Je mehr Menschen sich dafür engagieren – Mäzene, Wirtschaftsführer aber auch die Crowdspender mit ihren Einzelbeiträgen – umso größer die nachhaltige Wirkung. Welche Möglichkeiten es zur Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Initiativen gibt, wird man sehen. Wir sind da offen.

Investigate wird u.a. von Audi und der Unternehmensberatung Roland Berger finanziell unterstützt. Gibt oder gab es Interessenskonflikte?
Danach werden wir immer wieder gefragt, weil Unterstützung aus der Wirtschaft für investigativen Journalismus wohl als äußerst ungewöhnlich gilt. Wir würden aber niemals Gelder aus der Wirtschaft annehmen, wenn daran Bedingungen geknüpft wären. Für eine solche Konstruktion hätte sich niemand bei investigate! hergegeben. Totale Unabhängigkeit ist doch bei einem solchen Verein wie investigate! absolute Voraussetzung. Audi und Roland Berger verstehen das bestens und geben mit ihrem gesellschaftlichen Engagement bei investigate! ein prima Beispiel für das was man „good corporate citizenship“ nennt. Interessenskonflikte hat es nicht in einem einzigen Fall gegeben.

Recherchen über die Arbeitsbedingungen in der Autoindustrie oder Mauscheleien in der Berater-Branche wären ohne Weiteres möglich?
Selbstverständlich!

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