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Am Fall Robin Williams: Wie Buzzfeed klassischen Newssites einheizte

Sein Portal entwickelte sich von der Spaß-Seite zur Journalismus-Konkurrenz: Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti
Sein Portal entwickelte sich von der Spaß-Seite zur Journalismus-Konkurrenz: Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti

Buzzfeed ist eine der am schnellsten wachsenden Newssites der Welt. Vom Portal mit Katzen-Videos und absurden Rankings entwickelte sich die Redaktion zur ernstzunehmenden Konkurrenz mit einer eigenen Art des Storytellings. Zum Tod des Schauspielers Robin Williams hat Buzzfeed bewiesen, dass es auch bei tiefgehenden Themen schnell, kreativ, angemessen und mit großem Erfolg reagieren kann.

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Insgesamt 37 Stücke hat Buzzfeed seit dem Bekanntwerden des Todes von Robin Williams am Montag zu diesem Thema publiziert. Dabei zeigte die Redaktion, dass sie innerhalb kürzester Zeit Ressourcen freisetzen kann, um auch aufwändige Arbeiten und Recherchen in kurzer Zeit zu erledigen und klickträchtige Stories auf eine eigene Art und Weise umzusetzen. Während deutsche Medien zwar mit teils exzellenten Nachrufen punkteten (wie bei Spiegel Online, FAZ.net, Zeit Online), teils aber auch langatmige und schwerfällige Stücke publizierten, ließ Buzzfeed vor allem (Bewegt-)Bilder sprechen, die die redaktionellen Aussagen komplettierten. Damit schaffte es das Portal zum einen, Emotionen zu vermitteln, und zum anderen Robin Williams‘ schauspielerische Glanzleistungen zum Ausdruck zu bringen.

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In der Mittwochnacht New Yorker Zeit machte Buzzfeed seine Seite mit Statements von Familienangehörigen Williams‘ auf. Unter dem Zitat „The World Will Never Be The Same Without Him“ (Die Welt wird ohne ihn nicht mehr dieselbe sein) als Überschrift gab Buzzfeed die Mitteilungen der Kinder Zack, Zelda und Cody wieder. Statt – wie die Autoren vieler klassischer Newsportale – im Nachrichtenstil und im Wechsel von direkter und indirekter Rede zu schreiben, zitierte Buzzfeed direkt. Unterbrochen wurden die Kinder nur durch Fotos von ihnen und Robin Williams, die die Redaktion von Agenturen oder aus Social-Media-Kanälen gezogen hat.

Wie sich innerhalb weniger Stunden auch die eigenen User einbinden lassen, zeigte Buzzfeed anhand der Geschichte „17 Of The Most Memorable Robin Williams Movie Quotes„. Autorin Kayla Yandoli erklärte lediglich, dass Buzzfeed seine Leser nach den besten Momenten in Williams‘ Filmen gefragt hat und handelt mithilfe von Gif’s (eine bewegte Bildsequenz) das (vermutlich nicht manipulierte) Ranking ab. Nach etwa 12 Stunden zählte der Artikel bereits mehr als 200.000 Views und zählt damit zu den Trending Posts.

Bildschirmfoto 2014-08-13 um 11.47.44Mithilfe dieser Gifs transportierte Buzzfeed auch Geschichten auf Meta-Ebene. In „25 Life Lessons We Learned From Robin Williams Characters“ listete die Autorin Schlüsselszenen aus Williams-Filmen auf und arbeitet in kurzen Leitsätzen deren Quintessenzen heraus.  Anhand der Auflistung lernt der Leser schneller über Williams Rollenverständnisse als in langen Porträts. Buzzfeed erreichte mit diesem Listicle bisher knapp 730.000 Views.

 

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Freilich sind nicht alle von Buzzfeed veröffentlichten Artikel zu Robin Williams beispielhaft für digitales Storytelling und für qualitativ wertvolle Inhalte. Besagte Leuchtturm-Projekte belegen aber einmal mehr, dass Buzzfeed längst keine Katzen-Video-Plattform mehr ist und auch gesellschaftlich relevante Themen auf eigene Art und Weise umsetzen kann.

Während Buzzfeed die Geschichten hinter den Geschichten sucht, dominieren in deutschen Portalen hauptsächlich Nachrufe, Bildergalerien und Netzthemen (die auch MEEDIA aufgriff). Im Fall Williams wird an einigen Stellen aber auch eine Buzzfeedisierung deutlich. So schaltete Spiegel Online am Dienstag „Die zehn besten Filmszenen mit Robin Williams„. Für den Artikel stellte die Redaktion allerdings drei Autoren ab, die zu jeder Szene eine kurze Inhaltsangabe verfassten. Ganz ohne Zusatzmaterial, aber auch mit einer Auflistung, arbeitete auch Zeit Online, die Robin Williams‘ markanteste Rollen auflistete. Ähnliches publizierte auch Welt Online.

Buzzfeed wurde vor acht Jahren gegründet und wuchs seitdem rasant. Im Februar erklärte Gründer Jonah Peretti gegenüber Gruenderszene.de, dass die Anzahl der unterschiedlichen Nutzer innerhalb eines Jahres von 40 Millionen auf 140 Millionen stieg. Mittlerweile produziere Buzzfeed bis zu 400 Stücke am Tag. Nach der jüngsten Finanzspritze durch den US-Venture Capitalist Andreessen Horowitz werde Buzzfeed derzeit mit 850 Millionen US-Dollar bewertet. Zum Vergleich: für die altehrwürdige Post zahlte Amazon-Gründer Jeff Bezos vergangenes Jahr 250 Millionen US-Dollar.

Journalismus ist längst Teil des Konzeptes von Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti. In den USA stockte das Unternehmen in der vergangenen Zeit zunehmend Redakteursposten auf, entwickelte eine Video-Abteilung, stellte Investigativ-Reporter ein und plant derzeit offenbar auch eine eigene App mit personalisiertem Nachrichtenfluss. Dabei soll es nicht bleiben. „Wir fragen uns ständig: Was können wir machen, jetzt, wo wir ein neues Level erreicht haben? Wir können ganz andere Talente anlocken“, so Peretti gegenüber Gruenderszene.de. Das wird auch durch die Deutschlandpläne deutlich: Mit Juliane Leopold gewann das Portal keine Boulevard-Journalistin, sondern eine web-affine und gut vernetzte Social-Media-Expertin aus dem Qualitätshaus des Zeit Verlages.

Fazit des Vergleichs am Beispiel der Berichterstattung zur Trauer um Hollywoodstar Robin Williams: An die schreiberische Brillianz der Feuilletonisten der Verlage kommt die Klickfabrik Buzzfeed nicht einmal ansatzweise heran. Dafür hat Buzzfeed mit einer ungeheuren Power und Schnelligkeit den Takt angegeben und die Highlights des Lebenswerks des Schauspielers schneller (und oft auch besser) als herkömmliche Newsportale herausgefiltert sowie eindrücklich mit Bewegtbildern und sicherem Gespür für die Emotionen der Fans inszeniert. Zudem hat das oft als trashig bespöttelte Newcomerportal gezeigt, dass es auch bei ernsten Themen konkurrenzfähig sein kann. Es ist damit zu rechnen, dass die Buzzfeed-Macher lernfähig sind und ihr Angebot ausbauen und perfektionieren werden, vor allem, wenn sie neben den bekannten Web-Hypes zunehmend auf eigene Berichterstattung setzen. Bei den Newsportalen der Medienhäuser wird man das nicht mehr ignorieren können und sich auf einen neuen Rivalen einstellen müssen.

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