Datendiebstahl und Preisbremse: Floskelwolke spürt fiese Phrasen auf

Scannen mit Floskelwolke.de Medien nach fiesen Synonymen: Udo Stiehl und Sebastian Pertsch.
Scannen mit Floskelwolke.de Medien nach fiesen Synonymen: Udo Stiehl und Sebastian Pertsch.

Publishing Sebastian Pertsch und Udo Stiehl spüren Journalisten-Floskeln auf. Die beiden Nachrichtenredakteure haben gerade die Seite Floskelwolke.de gestartet. Dort lassen sie zweimal täglich rund 2.300 Medien nach derzeit 50 von ihnen festgelegten Floskeln durchsuchen. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Pertsch, weshalb sie Floskeljournalismus den Kampf ansagen.

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Ihre persönliche Hassfloskel, Herr Pertsch?
Wir untersuchen 1.600 verschiedene Domains, die in etwa 2.300 Medien repräsentieren, auf 50 unterschiedliche Floskeln. Mir fallen oft Polizeimeldungen negativ auf, deren Wortlaut manche Kollegen als Artikel nicht selten exakt auch so übernehmen. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Themen oft dieselben sind – Mord, Körperverletzungen, Unfälle. Die Nachrichten sind dann meist sehr anstrengend und man liest oft von Ermittlern, die „unter Hochdruck“ am Besten noch „fieberhaft“ fahnden. Diese Floskeln nerven mich am meisten.

Was macht eine Formulierung denn zur Floskel?
Floskeln entstehen dann, wenn Zeit knapp ist oder bei der krampfhaften Suche nach Synonymen. Eigentlich sollen Floskeln dazu dienen, komplizierte Sachverhalte vereinfacht darzustellen. In vielen Fällen werden sie aber einfach falsch benutzt. Beispielsweise Datendiebstahl: das ist jetzt keine typische Floskel. Aber der Begriff ist inhaltlich falsch, zumindest irreführend, weil Hacker nicht bei fremden Menschen zuhause eindringen und klauen, sondern Daten kopieren. Wir wollen mit der Floskelwolke auch Wörter hervorheben, die redensartlich nicht schön sind und inflationär gebraucht werden. Außerdem gibt es da noch die wertenden Floskeln und Phrasen wie die Preisbremse, die etwas verschleiern oder verharmlosen.

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Gibt es Fälle, in denen Floskeln erlaubt sind?
Im besten Fall benötigt man sie gar nicht. Floskeln zu benutzen ist kein Verbrechen. Wenn sie unsere schwere Sprache flüssiger und geschmeidiger machen, können sie auch hilfreich sein. Besonders überflüssig sind Floskeln aber im Nachrichtengeschäft. Wir als Radio-Journalisten sind da auch sehr empfindlich. Floskeln sind meist auch Füllwörter. Die können wir nicht gebrauchen. Leider schon häufiger erlebt: Man will vermeintlich nah am Hörer sein, meint damit aber dumme und unmündige, um letztlich eine voll Floskeln und Phrasen strotzende und wertende Nachrichtensendung zu rechtfertigen.

Servicefrage: wie vermeidet man denn den Gebrauch von Floskeln?
In erster Linie heißt es: aufmerksam sein. Wenn man merkt, dass man sehr zur Nutzung von Floskeln oder Phrasen neigt, sollte man sich öfter die Frage nach dem Gegenteil stellen. Was bringt es meinem Leser oder Zuhörer eigentlich, wenn ich von einem „furchtbaren Mord“ berichte? Ich habe noch nie einen schönen erlebt. Wenn es keinen schönen Mord gibt, muss ich nicht erwähnen, dass er furchtbar oder schrecklich ist.
Sebastian Pertsch und Udo Stiehl arbeiten als freie Nachrichtenredakteure im Hörfunk. 

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