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„Ich bin enttäuscht“: ein Offener Brief an die Funke-Mediengruppe

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HVG-Redakteurin Andrea Lukácz

Der ungarische Medienmarkt gilt als schwierig, um die Pressefreiheit und -vielfalt in dem Land ist es nicht gut bestellt. Am Freitag hat sich die Funke-Gruppe entschieden, aus ihrer Beteiligung an der ungarischen Zeitschrift HVG auszusteigen. Andrea Lukács ist seit 2010 Journalistin und Redakteurin bei HVG.hu. In einem Offenen Brief an die Essener Funke-Gruppe macht Sie Ihrer Enttäuschung Luft.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin enttäuscht und traurig. Enttäuscht, und zwar von Ihnen. Sie haben entschieden, auszusteigen. Schon seit langer Zeit hing die Drohung über uns, es gab viele Gerüchte, dass sie es tun werden. Gestern kam dann die offizielle Mitteilung von unserem Geschäftsleiter. Noch davor wurde aber eine schockierende, aber verdrehte Nachricht auf einem Nachrichtenportal veröffentlicht: Ein schlecht informierter Journalist des regierungsnahen Online-Portals valasz.hu schrieb eine Meldung mit dem Titel: „Werden heute alle bei HVG gefeuert?“ Als Illustration dazu ein Bild mit einem zerknitterten HVG-Magazin – dem Blatt, das im Jahr 1979, also zehn Jahre vor dem Fall des Kommunismus’, dem Paneuropäischen Picknick, und elf Jahre vor dem Fall Ihres Mauers von einigen mutigen Journalisten gegründet wurde, um unzensierte Informationen über die Wirtschaft Ungarns zu veröffentlichen.

Die erste Ausgabe erschien am 9. Juni 1979, nur vier Tage nach meiner Geburt. Mein Vater hatte das Magazin immer gekauft, später als Geschäftsführer einer Exportgesellschaft hat er es auch für das Büro abonniert. An jedem Donnerstag legte er das Blatt mit dem orangefarbenen HVG-Logo im Esszimmer auf den Esstisch – mit seinem Schlüsselbund – als er um halb 5 von der Arbeit kam. HVG (klein geschrieben) war also von klein auf der Höhepunkt des Donnerstagnachmittags zwischen halb fünf und fünf, als ich die Zeitschrift in die Hände nahm und versucht habe die Titelseite zu entziffern.

Wahrzeichen des investigativen Journalismus

Als Kleinkind habe ich oft nicht verstanden, was das Titelblatt mit seinen symbolischen Bildern auf sich hatte. Ich war zu scheu, nachzufragen. Schon damals wusste ich aber, dass diese Montagen eine wichtige Aussage verbergen, eine ironisch-sarkastische Bedeutung, die darüber informiert, was in unserem Land vorgeht. HVG beschrieb immer schon das, was im Hintergrund passiert, war ein Wahrzeichen des investigativen Journalismus, ohne sich darum zu scheren, ob es den Machthabern gefällt.

Ich dachte immer, meine Geschichte mit HVG sei romantisch und einzigartig. An der Hochschule erfuhr ich aber, dass es meiner ganzen Generation ähnlich erging. Es gab nur einen Unterschied: Nicht viele sind mit vier Tagen Unterschied geboren. HVG und ich wurden dieses Jahr 35 Jahre alt.

Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal meinen Geburtstag gemeinsam mit HVG feiern würde. Am 9. Juni spazierte ich aber mit meinen Kollegen aus unserem Bürogebäude auf die kleine Wiese, um mit allen Mitarbeitern und alten Kollegen der Gründerzeit unser Glas auf die 35 Jahre der Zeitung zu erheben. Wir stießen auf ein Magazin an, das aber heutzutage jeden Donnerstag auf immer weniger Esstischen erscheint. Denn auch HVG fällt der Digitalisierung zum Opfer. Obwohl sein altes Renommee weiterhin besteht, kann es – wie die meisten Printmedien – mit dem World Wide Web kaum Stand halten.

„Ohne Sie wird es bestimmt nicht einfach“

Dafür etablierten sich andere Geschäftszweige in der HVG AG, die trotzdem wachsen. So HVG-Online mit seinem jungen enthusiastischen Team – mit ähnlichen Kindheitserinnerungen. Wir stehen zwischen zwei Fronten: Wir müssen den hohen Erwartungen eines Printmagazins entsprechen, das durch die wöchentliche Erscheinung ein völlig anderes Maßstab setzt, aber auch den Konsumgewohnheiten der Online-Leser entgegenkommen.

Wir bringen die Tradition des Magazins weiter, sind anspruchsvoll, unabhängig und haben Erfolg. Auch wenn wir stilistisch anders sind: wir nennen es „lebendiger“ und „leichter“, die Alten schimpfen uns „zu leicht“ und „boulevard“, aber wir verfolgen noch immer die gleichen Werte: unpolitisch und auch wir scheren uns nicht darum, ob es den Machthabern gefällt. HVG-Online hat den Plagiatsskandal von Pál Schmitt, dem ersten Staatspräsidenten der Fidesz-Regierung, enthüllt. Er zahlte dafür mit seinem Doktortitel und seinem Amt.

Wir enthüllten und decken Tag für Tag Geschichten über freundschaftlich vergebene staatliche Konzessionen der Regierung auf und informieren die Gesellschaft über die Wahrheit. Dasselbe taten wir, als die sozialistische Partei MSZP an der Macht war: Wir fragten nach.

Liberal ist unerwünscht
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Wir hatten bis jetzt die fast unbegrenzte Möglichkeit das zu tun, weil Sie, meine Damen und Herren, das ermöglicht haben. Ohne Sie wird es bestimmt nicht einfach. Premier Viktor Orbán hat es klipp und klar gesagt: Er glaubt nicht an Liberalismus. ‚Liberal‘ ist bereits seit einiger Zeit ein Schimpfwort – jetzt wurde es deklariert: liberal ist unerwünscht.

Orbán denkt dass sein Staat eher illiberal werden muss. Die Bürger, die ihn wiedergewählt haben, wissen kaum, was das langfristig bedeutet – die gesenkten Strom-, Gas- und Wasserkosten verwischen ihr Bild. Ein Bild von einer Autokratie, wo Viktor Orban nicht mehr der junge Held ist, der die Russen aus dem Land warf, sondern ein machtbesessener Möchtegern-König, der mal eben in den königlichen Hof in Buda ziehen kann.

Der in seinem 3.000-Seelen-Heimatsdorf ein Stadion bauen lässt – auf Staatskosten, gleich neben sein Ferienhaus, weil er Fußball so gerne mag. Er denkt auch nicht darüber nach, ob es in Ordnung ist, seinen Sohn in die VIP-Tribüne der Fußball-WM mitzunehmen, wo nur Staatsfrauen und Staatsmänner präsent waren, wo sogar Ihre Kanzlerin ohne Mann und Kind den Sieg der deutschen Mannschaft feierte.

„Sie waren unsere Bastei“

Tag für Tag geschehen Dinge, die unseren Glauben an einem Rechtsstaat erschüttern. Menschen, für die freies Denken, korruptionsfreie Politik und Demokratie wichtiger ist, als Propaganda bangen Tag für Tag um das Land. Um ein Ungarn wovon wir 1989 noch gemeinsam geträumt hatten, auch ich mit 10 Jahren. 25 Jahre danach wird das Medienlandschaft hauptsächlich von parteinahen Machtleuten beherrscht, und immer mehrere Akteure der so genannten vierten Macht fallen müssen sich anordnen.

Wir hatten bisher Glück: Sie ließen uns als Eigentümer unseren Job machen. Dieser Hintergrund gab uns die Kraft zu kämpfen. Sie waren unsere Bastei, damit wir Angriffe und politischen Machtkämpfe abwehren können.

Aber Sie, meine Damen und Herren verlassen uns jetzt, und ich befürchte, wir verlieren langsam die Munition, das Tor ist weit offen.

Uns bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als weiterzukämpfen. Es wird schwierig. Es ist jetzt alles unsicher. Vielleicht müssen wir bald unsere Werte gegen politische und wirtschaftliche Interessen eintauschen?

Meine 11jährige Tochter erlebte mit mir diese letzten vier Jahre. Sie ist es gewohnt dass sie meinen Kopf hinter dem Laptop sieht und mein Klimpern an der Klaviatur zuhören muss. Sie versteht, dass es wichtig ist. Sie scheut sich nicht nachzufragen. Wenn ich unser Magazin auf den Esstisch lege, fragt sie mich, was die Graphik auf dem Titelblatt bedeutet. Ich versuche es ihr zu erklären. Nach der erschreckenden Meldung von valasz.hu fragte sie mich: „Wirst du jetzt wirklich gefeuert, Mutti?“. Nein, noch nicht – antwortete ich. Noch nicht.

Andrea Lukácz

Der offene Brief von Andrea Lukácz erschien zuerst bei Handelsblatt.com. Als Austausch-Redakteurin arbeitete sie im Rahmen eines Programms des Goethe-Instituts auch für das Handelsblatt. 

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