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Der Journalismus und die Crowd: Die 8 spannendsten Projekte

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Crowdsourcing – der Begriff tauchte 2006 das erste Mal auf - in dem Wired-Artikel "The Rise of Crowdsourcing" von Jeff Howe. Acht Jahre später wird der Nutzen der Schwarmintelligenz zunehmend von Journalisten erkannt. Die Crowd wird als Ideen- und/oder Geldgeber eingesetzt. Ist das der Beginn einer neuen Gründungsära? MEEDIA stellt die derzeit acht spannendsten Projekte in Deutschland vor.

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Crowdsourcing ist ein Neologismus, der sich aus den beiden Worten „Crowd“ und „Outsourcing“ zusammensetzt. Er bedeutet, dass eine bestimmte Aufgabe von einer kritischen Masse der Internetnutzer übernommen wird. Crowdfunding ist eine Unterkategorie des Crowdsourcing und meint die gemeinsame Finanzierung eines Projekts durch die Community.

Als Finanzierungsmöglichkeit für den Journalismus hat Crowdfunding in Deutschland vor allem durch die Krautreporter Berühmtheit erlangt – mehr als 900.000 Euro wurden mit Hilfe der Crowd für die Entwicklung eines digitalen Magazins gesammelt.

Das international wohl bekannteste Beispiel für Crowdsourcing im Journalismus ist nach wie vor die User-generated-Content-App „GuardianWitness“ von The Guardian. Die Zeitung ruft ihre Leser dazu auf, Fotos, Videos und Stories von verschiedenen Ereignissen einzusenden – die besten werden sowohl online als auch in der gedruckten Zeitung veröffentlicht.

Doch der Blick nach Deutschland lohnt sich ebenfalls. Auch hier sprießen Projekte aus dem Boden, die auf die Kompetenz der Crowd als Ideen- und/oder Geldgeber aufbauen. Das 2004 von Stefan Niggemeier gegründete Medienwatchblog „Bildblog“ war eine der ersten journalistischen Plattformen, die auf User-generated Content setzte. Das Blog fordert die Leser dazu auf, Hinweise zu medialen Fehlleistungen einzusenden – ob anonym oder nicht, kann dabei jeder selbst entscheiden. Auch die Plagiatsaffäre Guttenberg ist ein Beispiel für Crowdsourcing im Journalismus: Der Beweis, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Doktorarbeit abgeschrieben hat, wurde im Jahr 2011 online im „GuttenPlag Wiki“ von mehreren hundert Nutzern gemeinsam erbracht.

Seitdem sind zahlreiche weitere Crowd-basierte journalistische Projekte an den Start gegangen oder wurden via Crowdfunding erfolgreich finanziert. Eine Auswahl der interessantesten Projekte:

Krautreporter

Krautreporter war ursprünglich eine Crowdfunding-Plattform ausschließlich für Journalismus. Im Mai 2014 wurde von Gründer Sebastian Esser verkündet, dass aus der Seite ein gleichnamiges Online-Magazin entstehen soll. Die Möglichkeit, Crowdfunding-Kampagnen durchzuführen, bleibt erhalten und wird Bestandteil des Magazins. Zur festen Redaktion gehören unter anderem Stefan Niggemeier und Richard Gutjahr; Chefredakteur wird Alexander von Streit. Hochwertig recherchierte und digital aufbereitete Reportagen ohne Werbung – dafür hat Krautreporter eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Die Investoren zahten 60 Euro für ein gesamtes Jahr Krautreporter, mehr als 900.000 Euro kamen so von über 15.000 Unterstützern zusammen. In Deutschland wurde bisher noch nie ein journalistisches Crowdfunding in dieser Größenordnung gestartet.

Krautreporter

Substanz

Einen ähnlichen Weg wie Krautreporter ist auch das Wissenschaftsmagazin Substanz gegangen. Die beiden Gründer Denis Dilba und Georg Dahm haben sowohl die Einstellung der Financial Times Deutschland als auch des New Scientists als Mitarbeiter erlebt und daraufhin beschlossen, selber zu gründen und sich unabhängig von Verlagen zu machen. Sie schlossen sich als kleine Redaktion zusammen und gründeten Substanz. Dafür starteten auch sie eine Crowdfunding-Kampagne und sammelten Anfang 2014 30.000 Euro. Im Gegensatz zu Krautreporter wird Substanz jedoch nicht online für jeden aufrufbar sein, sondern ausschließlich als App erscheinen, die die Leser im Abonnement erwerben können. Die 30.00 Euro, die sie durch das Crowdfunding sammeln konnten, fließen in die App- Entwicklung und die ersten Geschichten.

Substanz-Logo

Crowdspondent

Die Crowd als Auftraggeber – das ist das Modell hinter Crowdspondent. Die beiden Journalistinnen Lisa Altmeier und Steffi Fetz wollen Journalismus unabhängig von Verlagen oder Fernsehanstalten direkt für das Publikum machen. Letztes Jahr waren sie im Auftrag ihrer Leser bereits in den brasilianischen Favelas unterwegs, dieses Jahr starteten sie in die zweite Runde und sind aktuell als persönliche Reporterinnen im Auftrag ihrer Leser kreuz und quer durch Deutschland unterwegs. Und dieses Mal ist ihr Publikum nicht nur nicht nur Auftrag-, sondern auch Geldgeber. Im Vorfeld ihrer Deutschlandreise schlossen sie erfolgreich eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext ab.

Crowdspondent

Jung & Naiv
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Tilo Jung und sein Team haben für das Web-Politformat Jung & Naiv in zwei Jahren bereits zwei Crowdfunding-Kampagnen erfolgreich beendet. Im Jahr 2013 war Tilo Jungs Ziel, Geld für besseres Equipment – vor allem für eine bessere Kamera und ein besseres Tongerät – zu sammeln. Im Frühjahr 2014 war das Ziel der Kampagne, im Rahmen der Europawahlen durch Europa zu reisen und mit den jeweils führenden Kandidaten eines EU-Landes zu reden. Jung & Naiv wird bereits seit 2013 von dem TV-Sender joiz gesponsert sowie von Google – der Konzern hat auch die Crowdfunding-Kampagne 2014 finanziell unterstützt.

Jung & Naiv

Block Magazin

Das Block Magazin wurde von der Journalistin Theresia Enzensberger gegründet und basiert ebenfalls auf dem Crowdfunding-Prinzip. Auf der Webseite werden die Besucher dazu aufgefordert, Ausgaben vorzubestellen. Bei einer Bestellsumme von 1.000 Exemplaren ging die erste Ausgabe in den Druck. Anfang September soll es mit der zweiten weitergehen. Das Magazin will sich nach eigenen Angaben dem Relevanzgehechel der Medienlandschaft entziehen und Autoren, Künstlern und Journalisten Freiräume bieten.

Block

Weeklys

Im März dieses Jahres ist das Online-Magazin Weeklys gestartet, auf dem ein mal in der Woche ein langer Artikel scheint. Die Motivation bei Gründer Jasper Fabian Wenzel ist wie bei Krautreporter und Substanz die fehlende Zeit für lang erzählte und ausführlich recherchierte Geschichten. Weeklys ist werbefrei und setzt deswegen auch weiterhin auf die Unterstützung seines Publikums: Die Leser können sowohl Abos zwischen 5 Euro (für 6 Reportagen), 10 Euro (für 15 Reportagen) und 20 Euro (für 35 Reportagen) abschließen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Magazin mit einer selbstgewählten Summe zu unterstützen.

Weeklys

Sieh die Welt

Ganz neu ist im August das Magazin Sieh die Welt von den beiden Journalisten Markus Huth und Oliver Alegiani gestartet, das sich auf globale Reportagen konzentrieren will. Jeden Montag um 13.00 Uhr wird auf siehdiewelt.com eine neue Reportage aus der Welt veröffentlicht. Auch bei diesem Projekt setzen die Gründer auf die finanzielle Unterstützung der Crowd. Die Leser können hier für die Inhalte Spenden: Den Betrag wählen sie selbst und es gibt keine Bezahlschranke.

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Brafus

Die beiden Journalisten Kai Schächtele und Christian Frey reisten bereits 2010 nach Südafrika, um einen Blick hinter die Kulissen der Fußball-Weltmeisterschaft zu werden. Auch dieses Jahr waren sie unter dem Namen Brafus2014 – dieses Mal zu dritt, mit Birte Fuchs – bei der WM in Brasilien. Ihre Ausgaben haben sie dabei komplett transparent gemacht und genau aufgelistet, wofür wieviel Geld geflossen ist. Auf der Webseite kann ihr Publikum die drei unterstützen – mit Beträgen, die selbst gewählt werden. Auch hier setzen die Journalisten auf absolute Transparenz und notieren detailliert, welche Summe von welchem Unterstützer kommt (Torial als Partner, VG Bildkunst als Förderer und „ihr“).

Brafus

Die Crowdsourcing-Anhängerschaft wächst stetig – und auch im Journalismus geht der Trend zur Unterstützung durch den Schwarm. Die ersten Magazine wurden ausschließlich via Crowdfunding finanziert und markieren damit einen Meilenstein in der Entwicklung des digitalen Journalismus. Die Motivation ist offensichtlich in jedem Fall ähnlich: Unabhängigkeit von Verlagshäusern und Zeit für Geschichten. Es bleibt spannend, ob sich groß angelegte Projekte wie Krautreporter und Substanz tatsächlich über Wasser halten können und der Journalismus – dadurch angespornt – am Beginn einer neuen Gründungsphase steht.

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