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Paywall-Debatte: die Legende von der Qualität, die etwas kosten muss

Christian Lindner ist Chefredakteur der Rhein-zeitung
Christian Lindner ist Chefredakteur der Rhein-zeitung

Die Rhein-Zeitung aus Koblenz verschärft also ihre Paywall. Künftig sollen Gelegenheits-Leser nur noch zwei Artikel pro Monat gratis lesen können. Wer mehr will, muss ein Abo abschließen. Chefredakteur Christian Lindner begründet dies in einem Leitartikel mit der Binsenweisheit von der Qualität, die es “nirgends gratis geben” kann. Stimmt das wirklich? Ein Kommentar.

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Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung schreibt u.a.: “Mit Nachrichten und Neuigkeiten – in Form einer Zeitung professionell generiert, hilfreich strukturiert, nutzerfreundlich präsentiert, hochwertig gedruckt und verlässlich zugestellt – ist es wie überall im Leben: Qualität und Kompetenz, Service und Berechenbarkeit kann es nicht gratis geben.” Da spricht er ein paar wichtige Punkte an. Zum Beispiel, dass der beträchtliche Preis, den man für eine gedruckte Zeitung zahlt, nicht ausschließlich für die Inhalte derselben gezahlt wird. Der Abonnent bezahlt auch Services. Bezahlt wird der Service, dass Journalisten den Nahrichtenstrom filtern, Themen kanalisieren, ordnen, sie auf den Zeitungsseiten verteilen. Der Abonnent zahlt den Druck der Zeitung und vor allem den Service, die Zeitung morgens in den Briefkasten geliefert zu bekommen. Da werden teure Druckmaschinen bedient, da sind Lastwagen unterwegs und (mies bezahlte) Austräger. Das alles kostet nicht eben wenig.

Nun ist es aber in der digitalen Welt so, dass einiges wegfällt. Der teure Druck ist nicht notwendig, um einen Artikel der Rhein-Zeitung online zu lesen. Ebensowenig müssen Lkws und Austräger den Artikel an meine Haustür liefern. Auswählen und sortiert werden können Nachrichten und Inhalte auch von den berühmt berüchtigten Algorithmen und das gar nicht mal schlecht. Am Ende bleibt die Produktion des Inhalts, das Schreiben eines Textes, das Fotografieren eines Bildes, das Erstellen einer Grafik, der schöpferische Akt. Für den soll man nun bei der Rhein-Zeitung also bezahlen. Okay.

Ein Klassik-Abo der Rhein-Zeitung in Koblenz kostet monatlich 30,70 Euro. Das Rundum-Digital-Abo schlägt mit 23 Euro monatlich zu Buche, wer nur am PC liest (eher unbequem), latzt schmale 5,90 Euro. Die Digital-Abonnenten zahlen also weniger als die Print-Abonnenten. Angesichts des gewaltigen Apparates, der am Medium Print hängt (Druckmaschinen, Lkws), fragt man sich jedoch, ob das relativ kleine Preisgefälle zum Rundum-Digitalabo mit E-Paper, Tablet und Web-Zugang gerechtfertig ist. Klar, ein paar Entwicklungskosten für Website und App kann man einpreisen, aber muss der Endpreis fast so hoch sein wie bei der gedruckten Zeitung?

Und warum ist das Web-Angebot dann so viel billiger? Die Antwort: Weil vermutlich die meisten Leute die Zeitung auch auf Tablets oder Smartphones lesen möchten und dafür sollen sie eben mehr zahlen. Das rührt daher, weil die Rhein-Zeitung – wie andere Zeitungen auch – offenbar keine Lust hat, sich ein wirklich digitales Geschäftsmodell zu überlegen. Das Kalkül geht ungefähr so: Die Print-Auflage sinkt, dann sollen die Leute halt ein Tablet-Abo abschließen. Das ist irgendwie modern, kostet fast genauso viel und man kann die bisherigen Strukturen nutzen. Dann kann die Zeitung dann in Ruhe so weitermachen wie bisher. Begründet wird dies mit dem üblichen, eher diffusen Qualitätsversprechen, das angeblich nur eine Zeitung einlösen kann. Allerdings hat man als Leser von – sagen wir mal – Spiegel Online nicht unbedingt den Eindruck dort weniger Qualität geboten zu bekommen, als bei einer deutschen Regional-Zeitung. Und zwar tatsächlich gratis – also bei Spiegel Online.

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Lindner schreibt, das Netz “prahlt geradezu mit seiner Fülle scheinbar kostenloser Angebote”. Er nennt als Beispiele Wikipedia, Bewertungsplattformen, WhatsApp oder Taschenlampen-Apps. Allerdings warnt er: “Auch bei Gratis-Offerten im Netz bezahlen wir bei den Anbietern indirekt – etwa mit der von ihren Programmen erzwungenen Weitergabe der Kontaktdaten unserer Bekannten, mit unseren Bewegungsprofilen, mit unseren Bestellvorlieben, mit Daten, die uns gläsern und berechenbar machen.” Wobei nicht ganz klar ist, wo beispielsweise die gemeinnützige Wikipedia mit Nutzerdaten Schindluder treibt, oder womit man genau in der Lindner’schen Logik “bezahlt”, wenn man eine Gratis-Taschenlampen-App nutzt.

Und sind die Verlage wirklich die Hüter der Qualität im Interesse der Leser, wie gerne suggeriert wird? Ein kleines persönliches Erlebnis hierzu: Die größte Flut an unerwünschter Werbepost wurde mir mal ins Haus gespült,m nachdem ein Probe-Abo einer namhaften Autozeitschrift bei einem angesehenen Print-Verlag abgeschlossen wurde. Komischerweise drehte sich die unverlangte Werbepost immer um Autos oder Autozubehör. Ob es da einen Zusammenhang gab?

Zurück zur Paywall: Es ist das gute Recht der Rhein-Zeitung und jeder anderen Zeitung, ihre Inhalte hinter eine Paywall zu stecken und dafür zu verlangen, was sie wollen. Es beschleicht einen aber der Verdacht, dass die wahre Motivation dahinter nicht die Sorge um eine wie auch immer geartete Qualität sein könnte, sondern der vielleicht sogar verständliche Wunsch, mehr oder weniger so weiterwirtschaften zu können wie bisher. Ob sich dieser Wunsch erfüllt, scheint aber doch sehr sehr fraglich.

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