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Darum ist „Anne Will“ die beste politische Talksendung im deutschen TV. Mit Abstand.

Anne Will, Rudolf Dreßler, Jürgen Todenhöfer
Anne Will, Rudolf Dreßler, Jürgen Todenhöfer

Thema bei "Anne Will" gestern Abend war der eskalierte Gaza-Konflikt. Ein Thema dick und schwer wie Schwarzbrot. Anders als die Backware aber auch noch schwer verdaulich, zumal am späten Abend. Es ist keine kleine Kunst von Anne Will, dass sie und ihre Redaktion es immer wieder verstehen, solche Hardcore-Themen mit kluger Gäste-Auswahl und intelligenter Gesprächsführung mit Erkenntnisgewinn unlangweilig zu präsentieren. "Anne Will" ist schon seit einiger Zeit die mit Abstand beste politische Talkshow im TV. Die letzte Sendung vor der Sommerpause Sendung gestern, u.a. mit Vollzeit-Pazifist Jürgen Todenhöfer und Israel-Auskenner Rudolf Dreßler, war dafür wieder einmal Beleg.

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Um zu erkennen, welche Entwicklung Anne Will und ihre Talksendung gemacht haben, muss man auch mal zurückschauen wie das war, als sie noch den Parade-Sendeplatz am Sonntagabend nach dem „Tatort“ bespielen durfte, bzw. musste. Damals – im September 2010 – schrieb ich u.a. „Die Diskussion um das Reizthema der Fünf-Euro-Erhöhung der Hartz-IV-Sätze zerfaserte an allen Ecken und Enden. Und das lag nicht zuletzt an der Moderatorin.“ Und weiter: „Anne Will schaffte es zu keiner Minute, die Diskussion in geordnete Bahnen zu lenken. Über weite Teile geriet die Sendung zu einem hitzigen Streitgespräch zwischen dem dauererregten Brüll-Politiker Klaus Ernst von der Linken und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.“ Und das war damals richtig – die Sendung war mies.

Und heute? Anne Will hat die geordnete Gesprächsführung mittlerweile drauf wie niemand sonst im deutschen TV. Zu Beginn der gestrigen Sendung zum Thema Israel-Gaza-Konflikt stellte sie mehreren Gesprächsteilnehmern die exakt gleiche Frage: Ist der Krieg, den Israel gegen Gaza führt, verhältnismäßig?“ Sowohl der Historiker Michael Wolffsohn als auch die palästinensische Diplomatin Khouloud Daibes antworteten – wie man das so kennt – nicht auf die Frage, sondern erzählten irgendwas, was sie gerade erzählen wollen. Anne Will kennt das. Sie wiederholt dann hartnäckig immer wieder die Frage, bleibt bis zu einem bestimmten Punkt dran. Und zwar genau so lange, bis sie den Eindruck gewinnt, dass da keine Antwort kommt und auch der Zuschauer gemerkt haben muss, da sich da jemand um eine Antwort drückt. Dieses Reduzieren auf eine Kernfrage, um die dann alles kreist, gleich zu Beginn der Sendung ist eines der Markenzeichen von Anne Will geworden.

Dieses Dranbleiben am Gast und an der Kernfrage, ist eine der ganz großen Stärken von Anne Will. Als sie Khouloud Daibes fragte, wie skrupellos es sei, dass die Hamas auf menschliche Schilder im Gazastreifen setzt, eierte die Diplomatin herum, drückte sich um eine direkte Antwort. Der rhetorisch beschlagenere Jürgen Todenhöfer wollte schon einspringen, aber Anne Will drehte ihn mit eine Handbewegung ab. Sie wolle die Antwort von Frau Daibes hören. So ging das eine ganze Weile. Eine klare Antwort bekam sie am Ende trotzdem nicht, sie hatte aber glasklar herausgearbeitet, dass ihr Gegenüber sich um eine klare Aussage ein dem Punkt drückt. Das ist hohe Gesprächsführungskunst.

Genauso geistesgegenwärtig reagierte Will, als Wolffsohn ein bisschen PR für sein Buch einstreute. „Geschickt platziert das Buch“, warf Anne Will mit hörbarem Sarkasmus ein. Auch Wolffsohn fiel das auf und er ließ seine Bücher fortan unerwähnt. Neben dem Dranbleiben und dem Wiederholen der Kernfrage an verschiedene Parteien ist die andere ganz große Fähigkeit, die Anne Will mit der Zeit perfektioniert hat, das Fokussieren. Immer wieder sagt sie in ihren Sendungen, dass sie zurück zum Thema will, dass der Faden nicht verloren gehen darf. Sie fasst dann nochmal kurz zusammen, worum es eigentlich geht, worauf sie hinaus will und bringt das Gespräch wieder in die Spur zurück.

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Natürlich konnten auch Anne Will und ihre Gesprächspartner am späten Mittwochabend den komplizierten Nahostkonflikt nicht lösen. Diese Sendung schafft es aber immer wieder, dass man als Zuschauer einen Überblick über verschiedene Seiten bekommt, dass man Gedanken sortieren kann. Dass man Erkenntnis gewinnt. Das ist das Höchste, was eine politische Talksendung erreichen kann und darin ist „Anne Will“ die derzeit mit Abstand Beste. Genauso strukturiert und sortiert lief auch die Diskussion vergangene Woche zu dem über der Ukraine abgeschossenen Flug MH17 ab. Will konfrontierte beide Seiten, stellte immer wieder dieselbe Frage nach Schuld und Verantwortung „noch einmal“. Die Frau, die Diskussionen zerfasern lässt und deren Gesprächsrunden in Brüll-Arenen ausarten, die gibt es nicht mehr bei „Anne Will“.

Diese Wandlung hat nicht erst gestern oder vorige Woche eingesetzt. Bereits zum Ende ihrer Sonntags-Zeit hatte sich Anne Will spürbar verbessert, fast war es so , als sei der unselige Quotendruck von ihr abgefallen. Ob es an dem weggefallenen Sonntagsdruck ist oder einfach die gewonnene Erfahrung über Jahre durchschlägt oder beides – mittlerweile hat sie ihren klugen und auch humorvollen Moderationsstil perfektioniert. Bei Anne Will sieht es immer so leicht aus, ein geordnetes Gespräch zu schwierigen, sperrigen Themen zu moderieren. Dabei ist es in Wahrheit unendlich schwer.

 

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Alle Kommentare

  1. Darum ist „Anne Will“ die beste politische Talksendung im deutschen TV. Mit Abstand. Teil Zitat Ende.
    So so !
    Wenn man das Politbüro gefragt hätte wäre der „Schwarze Kanal“ ebenfalls nicht nur die beste, sondern die objektivste, die unbeeinflussteste und ehrlichste politische Sendung im anderen Deutschland gewesen.
    Ede hätte das sicher unterschrieben.

    Teilzitat:
    Natürlich konnten auch Anne Will und ihre Gesprächspartner am späten Mittwochabend den komplizierten Nahostkonflikt nicht lösen.
    Teilzitat Ende.

    Das ist ja nun der Brüller.

    Jetzt lösen Talkshows möglicherweise politische oder andere Konflikte.
    Lag es an der falschen Tageszeit?
    Super!

    F M

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