Anzeige

Wie viel Zerstörung hätten wir gern? Die Debatte um die Taxi-App Uber

UBER.jpg

Die Fahrdienst-App Uber wurde in den vergangenen Monaten scharf kritisiert. Sie könnte in Deutschland sogar verboten werden. Auch die Medien diskutieren lebhaft über das von Google mitfinanzierte US-Unternehmen, das die Taxibranche angreift. Allenthalben wird die kreative Zerstörung durch Startups gelobt - manchmal ohne die gesellschaftlichen Folgeschäden zu kalkulieren.

Anzeige
Anzeige

Anfang des Jahrtausends kündigte der US-amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin in seinem Buch „The Age of Access“ das Verschwinden des Eigentums an. Seine These: Zugang werde wichtiger als Besitz. Er brachte damit schon damals den Kerngedanken der Shareconomy auf den Punkt. Die App Uber ist eines dieser neuen Geschäftsmodelle der „Wirtschaft des Teilens“. Das kalifornische Unternehmen hinter der App spezialisiert sich auf die Vermittlung von Fahrdiensten.

Uber greift die klassische Taxibranche nicht nur in Deutschland frontal an. Ein typisches Beispiel für Innovation durch sogenannte Disruption – von der die Medienbranche ein Lied singen kann. Eines ist klar: „ein bisschen“ kreative Zerstörung gibt es nicht. Ein Fallbeispiel.

Was ist Uber?

Momentan bietet Uber seine Dienste in Deutschland in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München an. Die Plattform vermittelt mit Hilfe einer Taxi-App Fahrgäste und Fahrer. Die Fahrer sind dabei entweder professionelle Mietwagen-Fahrer (Uber Black) oder private Autobesitzer (Uber Pop). Die Zahlung findet über die App statt; der Nutzer hat im Vorfeld entweder seine Kreditkarten- oder PayPal-Informationen hinterlegt. Uber finanziert sich, indem 20 Prozent des jeweiligen Fahrpreises einbehalten werden.

Aktuell ist das Unternehmen fast 17 Milliarden Euro wert. Die US-Internetfirma hat in diesem Sommer eine kräftige Finanzspritze in Höhe von 1,2 Milliarden Euro von Investoren (unter anderem Google) erhalten. Bei den Nutzern ist Uber vor allem des niedrigen Preises beliebt: Die Fahrtkosten liegen nach eigenen Angaben unter den Taxi-Preisen. Außerdem wird der Preis vor Fahrtantritt durch die App ermittelt.

Nun fürchtet das Taxi-Gewerbe, ohnehin vor allem in Großstädten stark unter Druck, weil tendenziell zu viele Taxen unterwegs sind, um seine Umsätze.

Die Streitpunkte im Überblick

1. Zu günstige Preise

Die Taxifahrer fürchten, dass der Fahrdienst Uber mit seinen niedrigen Preisen den Markt zerstört. Nach Angaben der FAZ  liegen die Preise in Berlin durchschnittlich 20 Prozent unter denen der lizenzierten Fahrer, in Frankfurt sogar 40 Prozent darunter.

2. Uber-Fahrer sind nicht versichert

Fahrzeughalter sind gesetzlich dazu verpflichtet, dem Versicherer anzugeben, ob ein Auto gewerblich oder privat genutzt wird. Das betont auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Den Uber-Fahrern, die ihre Insassen in ihrem als privat gemeldeten Fahrzeug transportieren, droht demnach eine Vertragsstrafe ihrer Versicherung. Laut FAZ könnte der Versicherungsschutz nach Angaben der Axa im Schadensfall sogar ganz erlöschen. Generell beobachte der Versicherer die neuen Angebote mit großer Sorge.

3. Keine Arbeitsverträge mit den Fahrern

Anzeige

Die Uber-Fahrer sind bei dem Unternehmen nicht angestellt. Das heißt, sie sind nicht abgesichert. Selbstständig sind sie jedoch auch nicht. Dadurch gehen die Fahrer massive Risiken ein, berichtet der Hessische Rundfunk. Zwar unterzeichneten die Fahrer einen Vertrag, dieser sei – so die Experten – jedoch derart löchrig, dass kein Anspruch auf Bezahlung bestünde. Bei Streitigkeiten oder Unfällen bekämen sie außerdem keinerlei Unterstützung des Unternehmens. In den USA ist genau dieser Fall bereits eingetreten: Ein Fahrer hat eine Mutter und zwei Kinder angefahren, das sechs Jahre alte Mädchen verstarb an den Folgen des Unfalls. US-Medienberichten zufolge verklagte die Familie Uber, doch der Fahrdienst übernahm keine Verantwortung. Dem Fahrer droht nun der finanzielle Ruin.

4. Das Personenbeförderungsgesetz wird unterwandert

Die Uber-Fahrer haben keinen Personenbeförderungsschein. Dieser ist jedoch zumindest in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Die Stadt Hamburg hatte Uber Pop aus diesem Grund sogar verboten und Strafen in Höhe von 1.000 Euro angekündigt. Noch wird das Verbot jedoch nicht vollstreckt. München, Frankfurt und Berlin prüfen aktuell ihr Vorgehen.

Meinung der Medien

Die deutschen Medien diskutieren ausführlich darüber, ob Uber verboten werden sollte oder nicht. Die Meinungen gehen auseinander. So titelte zum Beispiel die Süddeutsche: „Warum Uber gestoppt werden muss“ . Der Kommentar argumentierte, dass ein nachfragegesteuertes Beförderungssystem das Letzte sei, was vor allem sozial schwachen Menschen zu wünschen wäre. Außerdem benehme sich das Unternehmen wie ein Start-up, sei aber schon fünf Jahre alt und  längst Teil des Establishments. Auch der Fakt, dass Google einer der Investoren von Uber ist, wird von der Süddeutschen kritisiert: „Wer Uber toll findet, der fährt automatisch bei Google mit. Jedenfalls indirekt ist das so. Für Google ist Uber wohl mehr als ein Investment.“

Im Handelsblatt riet der Digitalexperte Nico Lumma gerade der Politik, doch einmal zu prüfen, ob die bestehenden Regularien für das Taxi-Gewerbe noch zeitgemäß seien. Vor allem solle sie aber darauf achten, dass „bei einer Deregulierung die Standards des Verbraucherschutzes ebenso wenig aufgehoben werden wie eine angemessene Bezahlung und eine rechtliche Absicherung der Fahrer.“

Die FAZ hat die Taxi-App von Uber in Frankfurt auf ihre Funktionalität getestet und war am Ende überzeugt: In Sachen Qualität und Professionalität stünde Uber traditionellen Taxi-Diensten in kaum etwas nach, ein großer Vorteil sei natürlich der Preis. Taxis seien nur dann billiger, wenn die Uber-Preise aufgrund hoher Nachfrage in Stoßzeiten (zum Beispiel bei Messen) steigen.

Die Meinung der Bürger

Eine repräsentative Studie im Auftrag von BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) zeigte, dass sich viele Deutsche vorstellen können, Fahrten mit Uber oder der Alternative Wundercar zu nutzen – und zwar etwa 10 Millionen Menschen, was 14 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. 4 Prozent der Großstädter könnten sich außerdem vorstellen, selber Fahrer für eines der Angebote zu werden.

In Anlehnung an diese Studie und die Interessen der Deutschen fordert der BITKOM-Vizepräsident Ulrich Dietz neue Konzepte. Er sagte: „Viele deutsche Städte werden in den kommenden Jahren wachsen. Mobilität wird dabei zu einem immer wichtigeren Thema.“ Die Politik dürfe „neue Geschäftsmodelle nicht durch den Schutz traditioneller Angebote von vornherein zunichtemachen“.

Ob die Politik Uber tatsächlich verbieten wird, lässt sich aus dieser Debatte noch nicht ableiten. Offensichtlich ist jedoch, dass – sollte Uber überleben – dringend neue Regularien geschaffen werden müssen. Noch ist das Angebot zwar cool, aber gleichzeitig mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken verbunden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*