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Politiker, Porno-Tweets und das Private: Wirbel um Tagesspiegel-Artikel

Tagesspiegel-Online-Chef Markus Hesselmann rechtfertigt sich für einen Bericht über Johannes Kahrs Twitter-Aktivitäten.
Tagesspiegel-Online-Chef Markus Hesselmann rechtfertigt sich für einen Bericht über Johannes Kahrs Twitter-Aktivitäten.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs folgte bei Twitter Accounts, die auch pornografische Bilder verbreiten. Der Berliner Tagesspiegel entdeckte das, witterte ein Thema - und sorgte für eine Debatte im Netz. Viel diskutiert: 1. Dürfen Politiker mit ihrem verifizierten Account Porno-Tweets abonnieren? 2. Was ist bei Twitter privat, was öffentlich? Und 3. Aufreger im Sommerloch - oder relevante Netz-Debatte?

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„Porno im Kurznachrichtendienst“ ist am Dienstag der meistdiskutierte Artikel auf der Seite des Tagesspiegel Online. In dem Stück „deckt“ der Journalist Martin Meisner auf, dass sich der SPD-Politiker Johannes Kahrs via Twitter mit pornografischen Inhalten „bespielen“ ließ. „Bespielen“ ist die Formulierung im Tagesspiegel. Auf den betreffenden Accounts, die von jedem Nutzer über Twitter einsehbar sind (es sei denn, ein Account ist nur für Follower freigeschaltet) würden „Fotos von nackten Männern, von hinten und von vorn, beim Sex, teils in Gruppenaufstellung“ verbreitet.

Kahrs sei mindestens 30 solcher Accounts auf dem Kurznachrichtendienst gefolgt, habe diese nach einer Anfrage des Journalisten allerdings wieder gelöscht. Der Tagesspiegel fand die Twitter-Aktivitäten des Politikers nach eigener Aussage berichtenswert, weil Kahrs Nutzerprofil kein rein privat genutzter Account sei, erklärte Online-Chef Markus Hesselmann später auf Nachfrage. 

Nachdem bereits nach Veröffentlichung kritische Stimmen über Inhalt und Tonalität des Artikels laut wurden, wählte Hesselmann die Offensive. Zum einen schob eine Kollegin einen Kommentar zu dem Artikel von Meisner nach: „Warum der Account von Johannes Kahrs keine Privatsache ist„. Und dann stellte der Online-Chef vom Tagesspiegel noch eine Frage via Facebook: „Große Debatte gerade, ob wir so etwas veröffentlichen sollten oder nicht. Ich denke schon, weil es um eine Vermengung von sehr Privaten und Offiziellem bei einem Abgeordneten geht. Was meint Ihr?

Damit verschärfte sich die Debatte allerdings nur noch. Kein Nachrichtenwert, verklemmte Debatte, Privatsache von Kahrs – so der Tenor der Mehrheit der mittlerweile über 300 Kommentare. Vor allem wird das zentrale Argument der Tagesspiegel-Journalisten angegriffen: wem Kahrs auf Twitter folge, sei seine Privatangelegenheit. Er habe die Inhalte auch gar nicht aktiv gepostet – sie wurden ihm wie jedem Twitter-Nutzer, der bestimmten Profilen folge, nur in die Timeline eingespeist. Ob er die vom Tagesspiegel als pornografisch klassifizierten Bilder (Twitter verbietet diese eigentlich) wirklich gesehen hat – unklar und letztlich unbedeutend. Kahrs selber sagte dem Tagesspiegel sinngemäß, er habe sich nicht so genau angeschaut, wem er eigentlich auf Twitter folge.

Neben der Frage, was im Netz und speziell bei Twitter denn nun öffentlich und was privat sei, gab das Stück einen weiteren Anlass zur Kritik. Denn Meisner legte mit einer Bemerkung nahe, dass sich der Politiker via Twitter pornografisches Material von Minderjährigen besorgte. Wörtlich schrieb Meisner:

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Die abgebildeten Personen sind fast alle Jahrzehnte jünger als Kahrs. Ob sie bereits volljährig sind, lässt sich nicht immer mit Sicherheit sagen. – Matthias Meisner, Redakteur Tagesspiegel

Freilich ist dies eine Unterstellung der perfiden Art. Hesselmann kommentierte auf Nachfrage von Kritikern:

Der Tagesspiegel will nichts „andeuten“ und keine „Gelegenheit“ nutzen. Aber wir hielten es für wichtig, auf den Aspekt des Alters einzugehen, weil wir uns als Leser diese Frage stellen würden und weil auch der Konsument von Pornographie sich eben genau da niemals sicher sein kann. Wir beschreiben, was wir gesehen haben, der Rest ist Ihre Interpretation. – Markus Hesselmann, Online-Redaktionsleiter Tagesspiegel

Beschreiben, was man sieht – ganz so einfach ist es in diesem Fall wohl doch nicht.

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