Anzeige

Die unangebrachte Nörgelei von Spiegel-Redakteuren am Wulff-Interview

Chefredaktewur Wolfgang Büchner, aktueller Spiegel-Titel
Chefredaktewur Wolfgang Büchner, aktueller Spiegel-Titel

Der Spiegel ist ein besonderes Medienhaus. Ein seltsames auch. Da macht das Nachrichtenmagazin am Montag mit dem ersten ausführlichen Christian-Wulff-Interview seit Erscheinen seines Buchs “Ganz oben Ganz unten” auf und setzt damit ein exklusives eigenes Thema - und es ist der Redaktion auch wieder nicht Recht. Die Nörgelei am eigenen Chef hat beim Spiegel eine neue Dimension erreicht.

Anzeige
Anzeige

In der Berliner Zeitung erschien am heutigen Mittwoch ein Artikel von Autorin Ulrike Simon, der wieder einmal voll ist mit den atmosphärischen Empfindlichkeiten einiger Spiegel-Redakteure. Man kann unserem kleinen Mediendienst MEEDIA nun wirklich nicht vorwerfen, jede Aktion von Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner in der Vergangenheit stets eifrig beklatscht zu haben – aber in diesem Fall ist die Kritik an ihm unverständlich.

Laut Berliner Zeitung passte es der Redaktion des Spiegel nicht, dass Büchner nicht jene Redakteure zum Wulff-Interview schickte, die die kritischen Artikel zur Causa Wulff verfasst hatten, also etwa Jürgen Dahlkamp, Michael Fröhlingsdorf oder Dirk Kurbjuweit. Büchner sei der Auffassung gewesen, dies wurde die Atmosphäre des Interviews “vergiften”. Ist das wirklich so ein abwegiger Gedanke, wenn man es nicht von vornherein darauf anlegt, mit voller Konfrontationshaltung in ein Interview zu gehen? Man könnte das sogar ganz klug finden.

Außerdem wurde wohl gemeckert, dass das Wulff-Interview erst sechs Wochen später erschien. In der Berliner Zeitung liest sich das so: “Es ist schon kurios, wenn ein derart abgehangenes Interview wie das des Magazins Der Spiegel mit Christian Wulff behandelt wird, als sei es taufrisch.” Wo wird das Interview denn “behandelt, als sei es taufrisch”? Autorin Simon weist selbst darauf hin, dass in der Hausmitteilung steht, das beim Interview Spargel verzehrt wurden – ein Hinweis, dass der Termin schon eine Weile her ist. Und Peter Müller, einer der Interviewer sagt im dazugehörigen Video sogar selbst, warum es vom Gespräch bis zum Druck so lange gedauert hat: Wulff hat bei der Autorisierung rumgezickt. Kein ungewöhnliches Phänomen bei solchen Geschichten. Auch Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat bereits vor zwei Tagen via Twitter hinausposaunt, dass das Wulff-Interview schon vor mehreren Wochen geführt wurde:

Nun schreibt die Berliner Zeitung in der Überschrift, das Wulff-Interview des Spiegel stamme “aus der Konserve” – gerade so, als ob dies etwas ganz Schlimmes sei. Im Vorspann heißt es im aufdeckerischen Tonfall: “Nun stellt sich heraus, dass es bereits sechs Wochen vor der Veröffentlichung geführt wurde.” Es “stellt sich heraus” … Die Spiegel Leute haben es selbst thematisiert, Kai Diekmann hat darüber getwittert. Was für eine Schein-Sensation.

Anzeige

Wichtiger ist doch, was in dem Interview steht, ob es die Debatte voranbringt. Und das hat es getan. Viele Medien haben über das Interview berichtet, Diekmann hat via Twitter eine ganze Ladung an Archiv-Material rausgeballert, um Wulff-Aussagen aus dem Gespräch zu widersprechen, der DJV und die Bundespressekonferenz haben sich über die Wulff-Aussagen aufgeregt und sie zurechtgerückt. Das nennt man Impact. War doch eine prima Geschichte für den Spiegel.

Die Redakteure, die die Berliner Zeitung mit Anti-Büchner-Geschichtchen bedienen, sehen das anders. Der Spiegel hätte unwahren Wulff-Behauptungen widersprechen müssen. Es habe die Angst gegeben, dass vor Wulff der “Kotau” gemacht werde. Was für ein Unfug. Wer das Interview liest sieht, dass es durchaus hart und konfrontativ geführt wurde. Dass in einer Interview-Situation nicht jede Behauptung des Gesprächspartners bis ins Detail zurechtgerückt werden kann, weil dies das Gespräch zerstören würde, wissen vermutlich auch die Heckenschützen aus der Spiegel-Redaktion, die so gerne gegen ihren Chef stänkern.

Am Donnerstag tritt Wulff übrigens im ZDF bei Maybrit Illner auf. Das Thema scheint also durchaus noch eine gewisse Aktualität zu besitzen. In der Spiegel-Konferenz am Montag sei zudem die Frage aufgeworfen worden, warum der über der Ukraine abgeschossene Flug MH17 nicht auf dem Titel thematisiert wurde.  Die Antwort (“Die Lage sei am Tag des Absturzes noch unklar gewesen.”) hat die Kritiker offenbar nicht zufrieden gestellt. MH17 ist am 17. Juli abgestürzt. Der Spiegel hatte am Freitag, 18. Juli Redaktionsschluss. Immer wieder wurde gefordert, der Spiegel müsse sich als Wochenmagazin von der Kurzatmigkeit des Tagesgeschäfts lösen, eigene Themen setzen. Es gab in der Vergangenheit manche Spiegel-Story, die sich ohne Erkenntnisse an die Tagesaktualität dranhängte und am Ende erschreckend dünne blieb. Erinnert sei etwa an den Titel zum Unfall von Michael Schumacher. Und wenn Büchner genau diesen Teufelskreis der Tagesaktualität  mit dem Wulff-Interview durchbricht, passt es den Herren Redakteuren auch wieder nicht.

Der Spiegel hat viele Ausnahme-Journalisten. Viele sind ausnehmend gut, manche haben ausnehmend aufgeblasene Egos. Die Nörgelei am jeweiligen Chefredakteur, oder in der Ära Mascolo/Blumencron: den Chefredakteuren, hat seit Stefan Austs Demission neue Dimensionen erreicht. Früher galt die Redaktion des stern als Haifischbecken. Das war einmal. Heute ist die Redaktion des Print-Spiegel ein Bassin voll mit tollwütigen Piranhas.

Update: Auch das NDR-Medienmagazin „Zapp“ hat die verzögerte Veröffentlichung des Wulff-Interviews schon vor einigen Tagen thematisiert.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*