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Akademiker und das „Assi-Viertel“: Wirbel um gelöschten „Tagesthemen“-Beitrag

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Es sollte ein Beitrag über die Mietpreiserhöhungen in Leipzig sein, wurde aber im Web schnell zum "Assi"-Aufreger: In einem "Tagesthemen"-Bericht beschwert sich das Kind einer scheinbar betuchten Stadtbewohnerin über seinen zukünftigen Schulweg, weil dieser durch ein "Assi-Viertel" führe. Die Aussage rief im Netz heftige Kritik hervor, ein Blogger bat die Tagesthemen in einem offenen Brief um eine Stellungnahme. Geäußert hat sich die ARD bisher nicht. Der Beitrag ist mittlerweile aus dem Netzangebot der Tagesthemen verschwunden ...

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Der Beitrag „Landflucht nach Leipzig“ vom 10. Juli erzählt von der erheblichen Wohnungsnot der Stadt Leipzig und daraus folgenden Infrastrukturproblemen in einigen Vierteln der Stadt. Um die Misere zu veranschaulichen, besuchte die Reporterin Sybille Licht eine Familie „im beliebten Leipziger Süden – bei Akademikern sehr angesagt.“ Passend zum Akademiker-Klischee sitzt Mutter am Klavier und Sohnemann bläst die Trompete.

Im Bericht heißt es, die Familie sei „Opfer der Stadtplanung“, weil das Gymnasium im angesagten Akademikerviertel überfüllt sei. Stattdessen soll der Sohn auf ein weiter entferntes Gymnasium in einem alten Arbeiterviertel ausweichen. Eine „Zumutung“ für Mutter und Sohn – nicht aber wegen der größeren Entfernung, wie der Zehnjährige erklärt: „Also es muss jetzt nicht so doll in der Nähe sein, nicht gleich um die Ecke. Aber ich wünschte, es wär ein schönes Gymnasium und ich will halt auch nicht durch so ein Assi-Viertel fahren.“

Die Mutter bekräftigt die Vorurteile des Sohnes und fügt hinzu: „Ich möchte, dass mein Sohn die beste und eine allumfassende Ausbildung erhält.“

Was genau das mit Landflucht zu tun hat? Warum die „Tagesthemen“ solchen Akademiker-Dünkeln eine Plattform bieten? Das haben sich nach Ausstrahlung des Beitrags offenbar viele Zuschauer gefragt und ihrer Empörung unter anderem auf Twitter Luft gemacht. Der Blogger Tino Seeber veröffentlichte kurz darauf einen offenen Brief an die „Tagesthemen„, in dem er um Stellungnahme zu dem Beitrag bittet: „Liebe Tagesthemenredaktion, wie kann ein solcher Beitrag ausgestrahlt werden? Warum gebt Ihr solchen Leuten ein Forum? Und was hatte das Ganze mit der Mietpreiserhöhung zu tun? Viele Menschen haben sich über diesen Beitrag in den sozialen Netzwerken beschwert und ich bitte daher um eine Stellungnahme.“  

Das war am 11. Juli. Eine Antwort hat der Blogger bisher nicht erhalten, dafür wurde der Beitrag am 18. Juli aus der Mediathek und dem Youtube-Kanal der „Tagesthemen“ entfernt.

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In dem Blogbeitrag von Tino Seeber ist der gelöschte Beitrag nach wie vor zu sehen. Auf Nachfrage von MEEDIA erklärte ein Tagesthemen-Mitarbeiter, der Beitrag stehe aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht mehr für die Online-Nutzung bereit. Grund hierfür sei wiederum, dass eine oder mehrere Personen, die darin vorkommen, das Video nur zur einmaligen TV-Ausstrahlung freigegeben oder nachträglich die Rechte für die Online-Nutzung entzogen hätten.

Update: Ein NDR-Sprecher konkretisierte die Begründung heute gegenüber MEEDIA wie folgt: „Die Redaktion hat den Beitrag aus dem Netz genommen, weil die Interviewpartnerin ein Dokument in die Kamera hält, auf dem ihre Adresse vermerkt ist. Um sie vor persönlichen Angriffen zu schützen und auf ihre Bitte hin, wurde der Beitrag gesperrt.“

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