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Schirrmacher-Nachfolge: warum Florian Illies die Idealbesetzung wäre

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Zwei aktuelle und ein ehemaliger FAZ-Denker: Nils Minkmar, Felicitas von Lovenberg, Florian Illies (v.l.)

Wer wird Nachfolger des überraschend im Juni verstorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher? Der Spiegel bringt als Favoriten den Autoren und ehemaligen FAZ-Mann Florian Illies ins Spiel. Die Frage ist allerdings, ob der überhaupt in den Journalismus zurück will.

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Die Suche nach einem Nachfolger für den FAZ-Überjournalisten Schirrmacher sei „die vornehmste Aufgabe“ der Frankfurter, heißt es im aktuellen Spiegel. Als „Headhunter“ betätigt sich FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher. „Wir wollen keinen Redaktionsmanager“, sagte der dem Nachrichtenmagazin. Um gleich zu ergänzen: „Aber auch keinen Großintellektuellen, der das Amt des Herausgebers als Nebenerwerb begreift und hauptsächlich seine Bücher verkaufen will.“

Ein Hinweis auf Illies, der mit „Generation Golf“ seinen ersten Bestseller landete und der mit „1913“ nicht nur in den Buchrankings, sondern auch bei den Kritikern sehr gut ankam? Doch freilich war auch Schirrmacher ein fleißiger Buchautor. Der machte mit Verkaufserfolgen wie „Minimum“ oder „Payback“ auch immer Werbung für die FAZ. Mann und Medium ließen sich in seinem Falle eigentlich gar nicht voneinander trennen. Was er in der FAZ aufgriff, thematisierte er auch in seinen Büchern. Oder umgekehrt.

Der Spiegel nennt mit FAS-Feuilletonchef Nils Minkmar und FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg zwei weitere mögliche Kandidaten für den Herausgeberposten. Es wirkt derweil ein wenig so, als wenn das Nachrichtenmagazin seiner eigenen Liste nicht ganz traut – und die weiteren möglichen Kandidaten nur ins Spiel bringt, um nicht Illies alleine in die Favoritenrolle zu bugsieren. Minkmar beispielsweise wolle sich nicht „in den Vordergrund spielen“, sei auch noch gar in der Sache kontaktiert worden. Wie MEEDIA erfuhr, sollen derzeit erste „Sondierungs-Gespräche“ laufen.

Die Indizien weisen darauf hin, dass man bei der FAZ gerne einen Externen für den Posten gewinnen würde, der aber die Zeitung gut kennt. So einer wäre beispielsweise Thomas Steinfeld, der früher FAZ-Literaturchef war und 2007 zur Süddeutschen Zeitung wechselte. Dumm nur (für ihn), dass er 2012 unter Pseudonym einen Schwedenkrimi mit dem Titel „Der Sturm“ veröffentlichte, in dem eine Figur ermordet wird, die zumindest Ähnlichkeiten mit Frank Schirrmacher aufweist. Steinfeld dementierte solche Absichten zwar, doch das Buch beschädigte seinen bis dahin untadeligen Ruf in der Literaturbranche.

Weitere Namen, die zumindest auf einer Shortlist für die Schirrmacher-Nachfolge stehen könnten: Iris Radisch (Zeit), Roger Willemsen (Autor), Andrian Kreye (Süddeutsche Zeitung), Gustav Seibt (SZ, früher auch mal FAZ) und Richard David Precht (Populär-Philosoph). Wobei letzterer wohl wieder durch das Nonnenmacher’sche Bücherverkäufer-Raster fiele. Wenn Precht denn überhaupt wollte.

Nein, alle Wege führen im Grunde zu Florian Illies als Idealbesetzung für den Posten. Äußern will sich Illies auf Nachfrage von MEEDIA nicht. Was nachvollziehbar ist – und auch nicht als Indiz dafür gewertet werden sollte, dass er den Job tatsächlich übernähme, würde er ihm angeboten. Zumindest für ein Angebot sprechen einige Gründe. Sein Lebenslauf in Kürze: Illies wurde mit 26 Jahren FAZ-Feuilletonist, er war Chef der legendären Berliner Seiten und Ressortleiter des Feuilletons der Sonntagszeitung FAS. Er gründete 2004 das unabhängige Kunstmagazin Monopol, verkaufte es an Ringier und ging als Co-Feuilletonchef zur Zeit. Dann der Ausstieg aus dem aktiven Tagesjournalismus – Illies wurde Geschäftsführender Gesellschafter des Kunst-Auktionshauses Villa Grisebach. Dort entwickelte er zwar auch ein Kundenmagazin für Kunstfreunde, beließ es aber dann doch vor allem beim Bücherschreiben.

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Frank Schirrmacher hatte Illies‘ Abschied von der FAZ laut Tagesspiegel als „eine der größten persönlichen Niederlagen“ seines Lebens bezeichnet. Das war Ende 2002. Er sei optimistisch, dass Illies eines Tages zu der Zeitung zurückkehre. Dieser biografische Hintergrund zeigt, wie viel für Illies, der heute erst 43 Jahre alt ist, spricht.

Doch es gäbe auch Gründe gegen die Rückkehr: Illies hat den Medienbetrieb bewusst verlassen. Er hat sich mit jedem neuen Schritt mehr Unabhängigkeit erarbeitet. Warum sollte er sich jetzt nach Frankfurt begeben? In einen Zeitungsverlag, der mit roten Zahlen zu kämpfen hat und in dem dieser Tage die Unternehmensberatung von Roland Berger ihre Kreise zieht? Allein das Herausgeber-Gehalt von einer geschätzten halben Million Euro im Jahr wird nicht den Ausschlag geben.

Ein Ende des Herausgebersystems ist, das sei nur nebenbei bemerkt, nicht in Sicht. Mit dem angekündigten Abschied von Nonnenmacher und dem tragischen Tod Schirrmachers hätte es vielleicht eine Debatte um die Zukunftsfähigkeit der Herausgeber-Konstruktion geben können. Nach außen ist sie nicht gedrungen, wenn es sie gegeben haben sollte. Die FAZ-Herausgeber bekommen nicht nur ein sehr hohes Gehalt, sie halten auch Anteile am Verlag und genießen entsprechende Privilegien.

Gegen den Willen der Herausgeber kann beispielsweise der FAZ-Geschäftsführer wenig ausrichten, schon gar nicht in der Redaktion. Die Herausgeber haben die FAZ-Redaktion bereits vor vielen Sparrunden bewahrt – sie sind Bollwerk des Journalismus einerseits, können andererseits aber auch potenziell sinnvolle Reformen verhindern.

Bleibt also die Frage: wie wertvoll, wie begehrt, wie unwiderstehlich ist heute noch der Posten eines FAZ-Herausgebers? Die Besetzung der Nachfolge von Frank Schirrmacher wird diese Frage beantworten.

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