Anzeige

Hörertäuschung: Die Fußball-WM im Radio, live aus dem Ruhrgebiet

Geografie für Privatradios: Brasilien liegt im Ruhrgebiet – oder?
Geografie für Privatradios: Brasilien liegt im Ruhrgebiet - oder?

Die Moderatoren mehrerer Lokalradios in NRW und Berlin schalten "live" ins WM-Studio und zu ihren Reportern ins Stadion. In Wahrheit sitzen diese vor der TV-Übertragung der Spiele im nordrhein-westfälischen Oberhausen, wie das Radio-Watchblog fairradio herausfand.

Anzeige
Anzeige

Radio Köln: Die Moderatorin schaltet rüber ins WM-Studio. Man hört Fangejubel, die Stadion-Atmo gibt einem das Gefühl, direkt vor Ort zu sein. Ein Reporter ruft mit erhobener Stimme ins Mikrofon, als müsse er den Geräuschpegel im Stadion übertönen. In Wirklichkeit sitzt er aber nicht in Brasilien, sondern in einem Radio-Studio in Oberhausen, Nordrhein-Westfalen, und kommentiert die Fernsehübertragung des WM-Spiels. Das berichtet das Radiowatchblog fairradio. Und liefert ein paar aussagekräftige Ausschnitte gleich mit.

Bei den Berlinern Radiosendern 104.6 RTL und 105’5 Spreeradio ging man sogar noch einen Schritt weiter: Die Schalte zum Reporter in Oberhausen wird angekündigt mit „für uns im Stadion von Brasilia“ oder „für uns live vor Ort“. 

Absichtliche Hörertäuschung 

Für die Live-Übertragung der Spiele hatten mehrere Lokalsender unter dem Dach von Radio NRW sowie die beiden Berliner Sender gemeinsam eine FIFA-Lizenz erworben. In einer Pressemeldung von Radio NRW im Vorfeld der WM hieß es dazu: „Radio NRW und die NRW-Lokalradios haben sich mit sechs führenden Privatradios in Deutschland zusammengeschlossen und gemeinsam eine Radiolizenz für die Live-Übertragung aller 64 Spiele bei der FIFA erworben. Zu allen Begegnungen gibt es bei den NRW-Lokalradios Live-Reportagen und regelmäßige Live-Schaltungen – die Spiele mit deutscher Beteiligung werden sogar 90 Minuten live kommentiert.“

Anzeige

Doch „live“ heißt in diesem Fall nicht unbedingt „live vor Ort“. Denn aus Brasilien wird nur teilweise berichtet. Auf Anfrage von fairradio hieß es beim RTL Radio Center Berlin, man habe in solchen Fällen absichtlich auf Formulierungen wie „live aus dem Stadion“ oder „live aus Rio“ verzichtet – „obwohl diese Formulierungen nach den Lizenzauflagen der FIFA gestattet sind.“ Die Mitschnitte, die fairradio auf seinem Blog bereitstellt, suggerieren allerdings, ein Reporter berichte direkt aus dem Stadion. Begründet wird dies von RTL Radio mit der „Emotionalität“ der Veranstaltung: „Somit kann es sich bei Ihren Mitschnitten, die uns leider nicht vorliegen, nur um Moderationen handeln, die aufgrund der hohen Emotionalität und Begeisterung eventuell ungenau waren. Dies gilt es, für uns zu prüfen.“

Der Grad der Hörertäuschung variiert dabei von Sender zu Sender. In den Anmoderationen von Radio Köln wurden zwar direkte Formulierungen, die auf einen Reporter vor Ort schließen lassen könnten, vermieden. Gleichzeitig wurde aber auch verschwiegen, wo sich das WM-Studio tatsächlich befindet. Der Tonfall des Reporters, gemeinsam mit der Stadionatmo im Hintergrund, vermitteln den Eindruck, der Bericht käme direkt aus Brasilien. Die Sprecherin von Radio NRW, Ina Pfuhler, räumt dazu ein: „Unser WM-Studio ist in Oberhausen. Wir sagen aber auch nicht, dass wir nach Brasilien schalten, wenn dem nicht so ist.“ Stattdessen werde die Live-Atmo des Spiels, lizensiert durch die FIFA, direkt aus dem Stadion unter die Studio-Kommentare gelegt, schlicht aus der Notwendigkeit des Mediums heraus: „Sie können kein Fußballspiel im Radio kommentieren ohne Atmo. So funktioniert Radio nicht.“ Echte Live-Berichte bekomme der Sender zudem von Korrespondenten der dpa und des Privatsenders FFH, die dann auch entsprechend anmoderiert werden. Wie bei anderen Sendern außerhalb der NRW Lokalradios mit den Kommentaren umgegangen werde, könne man nicht beeinflussen, so Pfuhler: „Wir können nur von den NRW Lokalradios sprechen.“

Leidtragende dieser Geschichte sind am Ende nicht unbedingt die Hörer – an dem Verlauf des Spiels ändert es nichts, ob der Reporter dieses aus dem Stadion oder aus einem Studio im Ruhrgebiet kommentiert. Der Vorfall kratze aber an der Glaubwürdigkeit der Sender und dem Medium Radio, schlussfolgert fairradio. Er „beschädigt auch den Ruf seiner zwölf Fußballreporter, die mit ihrem Namen dafür einstehen, wofür ihre Sender offiziell keine Verantwortung übernehmen wollen: Dafür, dass Oberhausen eben Oberhausen ist und nicht Brasilia.“

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*