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Die Absurditäten des neuen IVW-Online-Kategoriensystems

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Seit Dienstag liegen nun auch für die Online-Medien IVW-Zahlen aus dem neuen Kategoriensystem 2.0 vor. Die neuen Kategorien sollen viele neue Erkenntnisse liefern: Wer punktet mit Videos, wer mit welchen Themen und wie sieht es beim Paid Content aus? Die Erkenntnisse, die sich zum Start des Systems gewinnen lassen, sind jedoch sehr begrenzt - und die Zahlen zum Teil sehr merkwürdig.

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Das neue Kategoriensystem wurde – zunächst für Apps und mobile Websites und nun auch für die herkömmlichen Online-Angebote – eingeführt, um die gemessenen IVW-Daten noch viel besser als zuvor aufzuschlüsseln und modernen Nutzungs- und Veröffentlichungstrends anzupassen. So gibt es z.B. Extra-Zahlen für Video- und Audio-Inhalte, eine Kategorie für Paid Content und genauere, bzw. modernisierte inhaltliche Abgrenzungen. In der Theorie ist das alles gut und schön, in der Praxis aber noch verbesserungswürdig. MEEDIA hat sich einige potenziell spannende Kategorien angeschaut.

Eine der neuen Analysekategorien ist etwa die Aufschlüsselung der Inhalte nach „Bild/Text“, „Audio Stream“, „Video Stream“ und „andere dynamische Formate“. Hier sollte also theoretisch sehr gut aufschlüsselbar sein, welche Anbieter besonders erfolgreich mit Audio- und Video-Inhalten sind. Beim Thema Video sehen die Zahlen auch durchaus spannend aus: Vorn liegt hier das erfolgreiche Smartphone-Fernsehen Dailyme.tv mit 70,7 Mio. Page Impressions, dahinter folgen Video-Plattformen wie MyVideo und twitch.tv. Stark mit Videos sind zudem Bild.de (34,3 Mio. PIs), T-Online und Focus Online, die sogar TV-Sender wie RTL und RTL II schlagen – zumindest, wenn man den Zahlen glaubt.

Dass es mit dem Glauben an die neuen Zahlen so eine Sache ist, zeigen die Daten aus der Kategorie Audio-Streams. Dass dort radio.de mit großem Abstand führt, hätte man noch erwartet. Doch warum hat Radio Energy mit über 8 Mio. PIs rund 20 mal so viele Abrufe wie der Radio-Gigant Antenne Bayern? Noch seltsamer: Wie kommen Websites wie mitfahrgelegenheit.de und der „Lifeline-Gesundheitsberater“ auf die Ränge 3 und 4 des Audio-PI-Rankings? Seiten also, die eigentlich gar nichts mit Audio zu tun haben? Hier liegt die Vermutung nahe, dass bei der Zuordnung der Kategorien durch die Anbieter etwas schief gelaufen ist.

Spannung konnte man auch bei den Zahlen des Paid Contents erwarten. Würde doch hier – theoretisch – sichtbar, wie viel Traffic Websites wie Bild, Welt und Hamburger Abendblatt mit ihren Bezahlangeboten machen. Doch dazu kommt es leider bisher nicht. Bild.de verzeichnet in der IVW-Kategorie „Paid“ gerade einmal 66.990 PIs, Welt und Abendblatt gar keine. Der Grund: Die Zuordnung der Inhalte in die Kategorie Paid ist freiwillig. In den IVW-Richtlinien heißt es dazu: „Dem Merkmal ‚Paid‘ kann ein Inhalt zugeordnet werden, der für den Nutzer kostenpflichtig ist. Kostenpflichtigkeit liegt vor, wenn für die Erzeugung der PI eine bezahlte Zugriffsberechtigung erforderlich ist. Liegt diese Voraussetzung vor, ist die Zuordnung zu diesem Merkmal optional.“ Sprich: Niemand muss seine Paid-Content-Zahlen verraten. Schade, eine vertane Chance.

Ganz vorn im Paid-Ranking steht stattdessen seltsamerweise eBay. Kostenpflichtige Inhalte bei eBay? Das wäre neu. Es sei denn, der Mitgliedsbereich ist gemeint – aber für den zahlt man ja nichts. Koppelt man die Kategorie Paid mit der Kategorie Nachrichten, so führt die Sächsische Zeitung (3,5 Mio. PIs) vor der Braunschweiger Zeitung (2,5 Mio.) und dem Darmstädter Echo (1,3 Mio.). Hier werden also offenbar im Gegensatz zu den Großen der Branche tatsächliche Paid-Content-Zahlen veröffentlicht.

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Apropos Nachrichten: Auch diese Kategorie ist in ihrer jetzigen Form kaum für spannende Analysen verwendbar. So führt dort zwar erwartungsgemäß Bild.de, doch dahinter folgt wetter.com. Dass auf der Wetter-Website Nachrichten veröffentlicht werden, wäre eine neue Information. Der Grund: Dem Thema Wetter hat die IVW keine eigene Kategorie gegönnt, sondern sie zum schwammigen Begriff Nachrichten zugeordnet. So findet sich dann eben wetter.com auf Platz 2, WetterOnline auf 6 und auch große Teile von RTL.des achtem Rang dürften auf wetter.de zurück zu führen sein.

Geradezu absurd ist auch der 28. Platz der Welt und der 30. von Zeit Online in der Kategorie Nachrichten. Den IVW-Daten zufolge haben Welt und Zeit also weniger Erfolg mit Nachrichten als der Westfälische Anzeiger oder die Badische Zeitung. Realistischer ist: Offenbar haben sich Welt und Zeit viel mehr Mühe gegeben, ihre vielfältigen Inhalte in die zahlreichen Kategorien von Kunst/Kultur/Literatur über Vermischtes bis Wissenschaft/Bildung/Natur/Umwelt einzuordnen, während eine kleinere Seite wie der Westfälische Anzeiger ganz einfach fast alles der Kategorie „Nachrichten“ zugeordnet hat. So lang hier nicht klarere Regelungen geschaffen werden, was genau „Nachrichten“ sind, macht ein Blick auf diese IVW-Kategorie keinen Sinn. Die IVW-Richtlinien lassen hier zumindest viel zu viel Spielraum, denn unter einer Formulierung wie „Dem Merkmal ‚Nachrichten‘ sind Inhalte zuzuordnen, die auf Nachrichten aus Politik, Tagesgeschehen, Wetter und Panorama sowie Themen aus aller Welt basieren“ ist so ziemlich alles zu verstehen, was auf einer journalistischen Website veröffentlicht wird. Anders wäre es wohl auch nicht möglich, dass Bunte.de in der Nachrichten-Liste vor Focus Online liegt, obwohl es doch auch eine Kategorie „Entertainment/Boulevard/Stars/Film/Musik“ gibt, in die gefühlt alle Bunte.de-Inhalte eingeordnet werden müssten.

Dass die inhaltlichen Kategorien durchaus auch spannende Erkenntnisse bringen können, wird bei Begriffen deutlich, die nicht schwammig sind und bei denen die eigenen Inhalte daher klar zugeordnet werden können. Beispiel: Sport. Hier führt im IVW-Ranking Sport 1 mit 534,4 Mio. Page Impressions vor dem kicker mit 521,2 Mio., Bild.de mit 382,7 Mio., T-Online mit 209,4 Mio. und Transfermarkt.de mit 209.3 Mio. Ein Ranking, das man so ungefähr erwartet hätte. Von den allgemeinen Nachrichten-Websites zudem in der Sport-Top-Ten vertreten: Spiegel Online, Focus Online und dank des mitgezählten sport.de auch n-tv.de.

Damit das neue Kategoriensystem wirklich verwertbare Erkenntnisse liefern kann, hat die IVW noch einiges zu tun. Die Zuordnung der Inhalte durch die Anbieter insbesondere in die inhaltlichen Kategorien muss besser überprüft werden – ebenso die Seltsamkeiten beim Thema Audio. Gleichzeitig sollte an einem Kategoriensystem 2.1 gearbeitet werden, in dem insbesondere der schwammige Begriff „Nachrichten“ genauer aufgeteilt wird: in Politik, Gesellschaft, Wetter, usw.

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Alle Kommentare

  1. Hallo, hab das mal in unseren (Lifeline-Gesundheitsberater) Einstellungen gecheckt: wir haben zu keinem Zeitpunkt Audio-Inhalte ausgewiesen. Woher aber die Zahlen kommen, weiß wohl nur die IVW…

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