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Crowdfunding-Projekt Deepr: Journalismus ohne den Tunnelblick der Journalisten

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Deepr Journalism-Mitgründer Armin Eichhorn

Liegt die Zukunft des Journalismus in seiner Entschleunigung? Der Erfolg der Krautreporter-Kampagne zeigt, dass es ein vitales Interesse von Lesern wie Journalisten an Alternativen zum schnelldrehenden Online-Journalismus gibt. Ein ähnliches Projekt entsteht gerade, ebenfalls in Berlin: Die Startup-Gründer Armin Eichhorn und Sascha Steinbock glauben, dass sie mit ihrem Magazin deepr einen entscheidenden Vorteil haben: den, keine Journalisten zu sein.

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Von Mark Heywinkel

Das deepr-Prinzip in Kürze: Journalisten stellen auf der Webseite Vorschläge für Themen ein, gleichzeitig legen sie ein Finanzierungsziel fest. Leser können diesen Vorschlag dann mit 1 Euro via PayPal unterstützen. Wird das Finanzierungsziel erreicht, geht der Auftrag an den Journalisten raus. Sobald der Beitrag fertig ist – neben Text und Fotos sollen Videos, Infografiken, etc. eingesetzt werden – wird er für die „Investoren“ freigeschaltet. Artikel können nachträglich für 1 Euro gekauft werden. Die Gründer verstehen ihr Finanzierungsmodell auch als ein Signal gegen Gratis-Mentalität im Web.

Berlin ist Armin Eichhorn, 27, und Sascha Steinbock, 34, bisher ebenso fremd wie die Branche, die sie mit ihrer Neugründung deepr aufmischen wollen. Während Eichhorn als Sales-Manager bei einem Online-Shop arbeitet, designt Steinbock User-Interfaces für Websites und Apps. Auch die zwei Mitgruender Stephan Max und Philip Mertes stammen nicht aus dem Medienkosmos. Dieser Tage verbringt das Team darum auch viel Zeit damit, Menschen aus der Medienbranche kennenzulernen und Journalisten- wie Leserbedürfnisse zu verstehen. Es gehe ihnen auch darum, sagen Eichhorn und Steinbock, „die Beziehung zwischen Lesern und Journalisten neu zu erfinden“. Das heißt auch, genauso wie bei den Krautreportern: eine Beziehung ohne zwischengeschaltete Werbung. Parallelen gibt es ebenso zu dem Projekt Crowdspondent.

Der Clou der Seite soll die Verbindung aus Crowdfunding-Plattform sowie Magazin sein. Freien Journalisten soll deepr als Marketing-Plattform dienen. Die Idee, das Journalisten zwingend zu einer Marke werden müssen oder sollen, teilen Eichhorn und Steinbock nicht: „Journalisten, die sich nicht unternehmerisch ausrichten wollen, sollten das auch nicht tun müssen“, sagen sie. Ein Großteil der Einnahmen gehe an die Autoren, die deepr-Macher erhalten eine Provision. „Wir werden nicht nach einer Stiftung suchen, und wir wollen auch keine Gutmenschen sein. Wir werden per Provision an den Einnahmen beteiligt sein und das Projekt so in ein paar Jahren hoffentlich auf gesunde finanzielle Beine stellen können“, sagt Eichhorn im Gespräch mit MEEDIA.

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Leser sollen komfortabel auf jedem Endgerät multimedial aufbereitete Texte lesen und darin tiefergehende Informationen nach einem Akkordeon-Prinzip abrufen können: „Wenn ein Leser über eine Person oder ein bestimmtes Thema mehr erfahren will, kann er zusätzliche Infos dazu ausklappen“, erklärt Stephan Steinbock. „Deshalb nennen wir unsere Artikel auch deeps.“ Alle Beiträge sollen auf Englisch übersetzt werden.

Als großen Vorteil erachten die deepr-Macher ihre Außenseiterposition. „Wir sind selbst fleißige Leser“, sagt Armin Eichhorn. „Wir wissen sehr gut, was stört und was gut ankommt. Und wir haben nicht den Tunnelblick vieler Journalisten.“ Das müssen die Gründer allerdings noch beweisen. Ende Mai ist ihre Seite gestartet. Viel zu sehen gibt es auf ihr bislang jedoch nicht. In zwei Artikel mit Fundingzielen von 100 und 300 Euro können Leser bisher investieren. Im Gegensatz zu Krautreporter hat das deepr-Team allerdings schon einen Artikel-Dummy online – er erzählt die Geschichte hinter der deepr-Gründung.

„Wir haben schon in verschiedene Richtungen experimentiert“, sagt Eichhorn. „Aber wir wollen uns nicht einschließen und ein halbes Jahr lang etwas bauen, das unsere Nutzer nicht interessiert. ‚Friss oder stirb‘ halten wir für eine völlig unsinnige Strategie.“ Das Team wolle alle kommenden Features im engen Austausch mit Journalisten und Lesern entwickeln und optimieren. „Wir verfolgen dabei das Kill-your-Darlings-Prinzip“, sagt Sascha Steinbock. „Wenn ein Feature nicht funktioniert, dann muss es dran glauben. Darüber werden wir nicht entscheiden, sondern unsere Leser.“

Das deepr-Team hat noch einen langen Weg bis zum vorzeigbaren Produkt vor sich. Sie selber wissen, dass ihre Chancen auf einen Durchbruch mit der Plattform bei „weit unter 50 Prozent“ liegen. „Man macht das beste aus seinen 0,1 Prozent“, sagen sie. Doch ebenso wie der Krautreporter-Vorstoß Mut macht, dass ein entschleunigtes Magazin mit einer reinen Leserförderung machbar ist, so könnte auch deepr Vorbildcharakter bekommen. Nicht zuletzt zeigt der Ansatz, dass es nicht zwingend Journalisten sein müssen, die die Zukunft des Journalismus mitgestalten.

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