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Wie Spiegel-Autor Jakob Augstein für den Schirrmacher-Nachruf bei sich selbst abschrieb

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (l.), Vor- und Nachrufer Jakob Augstein
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (l.), Vor- und Nachrufer Jakob Augstein

Im Spiegel vom 16. Juni erschien der von Jakob Augstein verfasste Nachruf auf den verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Aufmerksamen Lesern vom Feuilleton-Blog "Der Umblätterer" sind einige Passagen daraus seltsam bekannt vorgekommen. Augstein hat sich bei dem Nachruf offenbar bei einigen Stellen bei einem eigenen, alten Text über Schirrmacher bedient. Das ist nicht verboten. Bei dem sensiblen Thema Nachruf und dem Qualitätsanspruch des Spiegel, ist der Rückgriff auf alte Textbausteine aber zumindest fragwürdig.

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Das Feuilleton-Blog „Der Umblätterer“ hat die sehr ähnlichen bis gleichen Textstellen aus dem Schirrmacher-Nachruf Jakob Augsteins im Spiegel und dem alten Augstein-Artikel „Wir töten, was wir lieben“ aus dessen Wochenzeitung Der Freitag unter dem Titel „Vor- und Nachruf auf Frank Schirrmacher“ aufgezeigt.

Kostprobe:

»Über Schirrmachers Schlüssel-Ego Christian Meier heißt es in dem Buch: ›Er führte seine Zeitung wie ein Bankier einen Hedgefonds, als spekulatives Geschäft. Dauernd passierte etwas, das zu keinem vorhersehbaren Verlauf, zu keinem Skript passte.‹ Das ist eine schöne und böse Beschreibung. Der Wille zur Denunziation ist unübersehbar. Aber, warum nicht – Schirrmacher als Themen-Kapitalist, einer, der auf die Akkumulation von Fantasie setzt, ein Spekulant der Ideen und Entwürfe, der in seiner Anlagestrategie auch mal über die Leichen der braven Kultur-Leute in den Redaktionen geht, die sich ihre Ideen mühsam vom Munde absparen müssen, dessen Rendite aber das beste Feuilleton des Landes ist.«

(Jakob Augstein im »Freitag« vom 16. August 2012)

»Über Schirrmachers Buch-Ego Christian Meier heißt es in dem Roman: ›Er führte seine Zeitung wie ein Bankier einen Hedgefonds, als spekulatives Geschäft.‹ Das war eine schöne und böse Beschreibung: Schirrmacher, der Themen-Kapitalist, der auf die Akkumulation von Fantasie setzt, ein Spekulant der Ideen, der in seiner Anlagestrategie auch über die Leichen der braven Kultur-Leute geht, die sich ihre Ideen mühsam vom Munde absparen müssen, dessen Rendite aber das beste Feuilleton des Landes ist.«

(Jakob Augstein im »Spiegel« vom 16. Juni 2014, S. 115)

Die komplette Gegenüberstellung finden Sie hier, beim „Umblätterer“. Augsteins alter Schirrmacher-Text von 2012 drehte sich um das Buch „Der Sturm“, in dem Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, unter Pseudonym einen erkennbar an Schirrmacher angelehnten Journalisten ermorden ließ. Die Schirrmacher-Figur in Steinfelds Schweden-Krimi hieß Christian Meier und die Sache sorgte für eine kleine Welle in der Branche und den Feuilletons. Offenbar fand Augstein den einen oder anderen Gedanken aus seinem alten Text auch für den Nachruf ganz passend.

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Ein solches Vorgehen, dass ein Journalist Passagen aus einem eigenen alten Text übernimmt – wörtlich oder leicht verändert – ist per se nicht verwerflich und nichts Ungewöhnliches. Allerdings kennt man diese Methode eher von schnell drehenden Medien. Dass Augstein bei einem so wichtigen und sensiblen Thema wie dem Nachruf auf Frank Schirrmacher offenkundig alte Textbausteine verwendet und dies auch noch im Top-Qualitätsmedium Der Spiegel, das darf man dann schon ein bisschen fragwürdig finden. Zumindest hätte man sich als Leser gewünscht, dass Augstein mit einem kurzen Hinweis zu erkennen gibt, dass er hier einen älteren Text von sich nutzt. Das ist eine Transparenz, die zu recht gerade von Onlinemedien immer wieder gefordert wird und die auch dem Spiegel gut zu Gesicht stände.

Interessante Gedanken zum Thema finden sich auch hier.

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