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Schlaue Spiegel und Hightech-Herde: die New York Times schaut in die Zukunft

Das Hauptquartier der New York Times in Manhattan
Das Hauptquartier der New York Times in Manhattan

Tag 4 des Innovation Field Trips New York: Auf der 8th Avenue, direkt am Times Square, wird auf 51 Stockwerken die Zeitung gemacht, die den Spagat zwischen altem und neuen Journalismus zurzeit besonders gut zu meistern scheint und als eine der besten und gleichzeitig innovativsten Tageszeitungen weltweit gilt: die New York Times. Dass sich die über 160 Jahre alte Institution ein Research & Development Lab leistet, ist unter Publishern nahezu einmalig – aber was passiert hier?

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Von Karolin Freiberger

„Hier im R&D-Lab versuchen wir herauszufinden, was der wahrscheinlichste Weg ist, wie in Zukunft Kommunikation funktionieren wird. Wir fragen uns also: wie wird ein Signal die Menschen zukünftig erreichen“, eröffnet Noah Feehan, dessen Arbeitsbezeichnung „Maker“ heißt, die Tour.

Wer in der 28. Etage des New York Times Towers erwartet, in die Geheimnisse von Userbindung oder Multimediatools eingeweiht zu werden, wird allerdings enttäuscht. In dem 8-Mann-Büro wird man kein neues Snowfall oder interaktiven Storys finden. Stattdessen stellt sich Noah Feemann vor einen Badezimmerspiegel und ruft „Mirror. Show Calender.“ Sekunden später erscheinen auf der Spiegeloberfläche sein Fotoicon, ein Kalender und seine Gesundheitsdaten.

„Forschung hier folgt eher einem akademischen Ansatz. Wir lesen Codetabellen, Aufsätze und Forschungsberichte, um Zukunftstrends zu erkennen. Die Herangehensweise ist also nicht die Sicht eines Verlags oder eines Journalisten. Hier fragen wir uns: Wie wird unsere Gesellschaft in Zukunft kommunizieren? Auf dieser Grundlage entwickeln wir dann Prototypen, die diese neue Kommunikation erlebbar machen.“

Angesichts der Probleme, die der brisante interne Innovationsreport diagnostizierte – von mangelnden journalistischen Tools über eine fehlende Positionierung zu Buzzfeed oder Flipboard – könnte man das R&D Lab vielleicht als Luxus-Abteilung bezeichnen, das sich mit Fragen beschäftigt, die mit dem redaktionellen Alltag nichts zu tun haben und deshalb auch die dortigen Probleme nicht lösen können. Oder man betrachtet es als konsequente Investition in die Zukunft.

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Der Spiegel bindet per Gestensteuerung personalisierte News ein und stimmt sie mit Wetter, Gesundheitsdaten oder Tageszeit ab. „Es wird in Zukunft darum gehen, dass die richtige Information von selbst zu mir kommt, ohne dass man sich erst durch ein Angebot klicken muss. Wir binden deshalb Entwicklungen wie Smart Watches oder Datenströme über Ort und Verhalten ein, um antizipieren zu können, welche Informationen der Nutzer wahrscheinlich suchen würde.“

Die Anwendungen und Prototypen im R&D Lab sind für Selbstverständlichkeiten gebaut, die wir erst in drei bis fünf Jahren haben werden. Für Journalisten und Redakteuren sind sie deshalb ziemlich weit vom Tagesgeschäft und Newsroom weg. Allerdings täuscht man sich damit vielleicht leicht. Die Herangehensweise der Maker im R&D Lab ist insofern der von Vox Media oder HuffPost ähnlich, dass sie von der Perspektive des Users ausgeht und fragt: Was will der User und wie kann ich ihm dafür den bestmöglichen Service leisten? So erklärt sich auch der Hightech-Herd „Julia“ im R&D Lab. Die Sensorische Kochplatte erkennt, was wann gekocht wird, schneidet per Webcam das Kocherlebnis mit und zeigt auf einem Screen über der Herdplatte an, welche Zutat als nächstes dran ist.

Was das alles mit der New York Times und Journalismus zu tun hat? Noch nicht so viel. Aber perspektivisch vielleicht doch eine ganze Menge. „Julia“ lässt den Koch die Rezepte per Social Media teilen, persönliche Kochvideos hochladen und kann themennahe Artikel der New York Times – zu Rezepten, Fitness oder Gesundheit – während des Kochens einblenden. Die News werden situativ generiert – eine mitdenkende Zeitung der Zukunft also. Und nochwas: die Nähe zum User in allen Lebenssituationen verschafft eine große Menge an User-Insights, Daten und User Generated Content. Im R&D Lab nennt man das „Contextual Computing“ – Programmieren für den Kontext, anstatt nur Content zu liefern.

„Am Ende geht es doch darum“, so Noah, „Was ist die kleinste Einheit von News? Wir fragen uns an dieser Stelle – gibt es Interfaces, Streams und Apps, die unsere Artikel deswegen zum Durchbruch verhelfen können, weil sie den besten Nutzen bringen?“ Um für den Nutzer von Morgen nützliche Dinge zu entwickeln, müsse man aber auch zukunftsgerichtet denken und entwickeln. „Dass die New York Times das verstanden hat, dafür bin ich sehr dankbar.“, so Noah. In jedem Fall ist es eine mutige Investition. Ob sie am Ende vielleicht die entscheidende war – in drei Jahren wissen wir mehr.

to be continued…Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5

Der Innovation Field Trip New York City wird von der Hamburg Media School organisiert. Die Idee: 5 Tage in einer Stadt, in der Journalisten, Medienunternehmen, Startups und Medienwissenschaftler über Innovationen im Journalismus nicht nur nachdenken, sondern sie auch machen. MEEDIA ist Kooperationspartner des Studiengangs Digital Journalism an der HMS.

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