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„Jeff Bezos findet Print und Online ein perfektes Paket“

Cory Haik von der Washington Post
Cory Haik von der Washington Post

Jeff Bezos bringt die Washington Post wieder auf den Level, den sie in der Vergangenheit hatte und treibt digitalen Journalismus voran, meint Cory Haik, Innovationschefin für Digital-Storytelling bei der Washington Post. MEEDIA traf sie am Rande des Reporter Forums im Spiegel Verlag und sprach neben den Veränderungen nach dem Verkauf der Post über das deutsche Projekt Krautreporter und innovative Wege, Journalismus zu finanzieren.

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Frau Haik, können Sie mir und unseren Lesern zuerst erklären, was genau Sie bei der Washington Post machen?
Ich bin Executive Producer and Senior Editor of Digital News bei der Washington Post und versuche in der Position mit unterschiedlichen Teams interessante Storytelling-Projekte und Experimente voranzubringen. Außerdem arbeite ich gemeinsam mit einem Team von Führungskräften an übergreifenden Digital-Strategien. In erster Linie versuche ich aber herauszufinden, wie wir bei der Washington Post neue Zielgruppen erschließen können.

Ich möchte unser Gespräch mit einem neuen deutschen Projekt starten, das die Frage nach innovativen Wegen der Finanzierung von Journalismus aufwirft. Haben Sie während Ihres Aufenthaltes hier in Deutschland von „Krautreporter“ gehört?
Nein, das tut mir leid. Was ist es denn?

Ein Team von Journalisten hat sich zusammengetan, um ein Online-Projekt per Crowdfunding zu finanzieren. Ziel ist ein unabhängiges Online-Magazin ohne Werbung und frei von klickgetriebenem Journalismus. Ihrer Meinung nach ist der Online-Journalismus gerade deshalb kaputt. Krautreporter wollen u.a. die Geschichten hinter den Geschichten erzählen.
Das klingt interessant.

Den Jungs ist es gelungen, in nur 30 Tagen fast eine Million Euro zu sammeln, um das Magazin ein Jahr lang zu betreiben. Ist Crowdfunding ein Weg Journalismus zu finanzieren?
Zu allererst ein mal herzlichen Glückwunsch an das Team für diese tolle Summe. Ich denke, es ist ein Weg von vielen. Ich glaube aber eher, dass sich Crowdfunding dazu eignet, einzelne Projekte zu finanzieren. Hinter Crowdfunding steckt die Idee, Geschichten umzusetzen, die ich als Reporter unbedingt machen will. Das erleben wir auch in den USA immer wieder, und es kommen tolle Sachen dabei herum. So ein ganzes Portal braucht natürlich exklusive Leistungen, um zu bestehen. Außerdem ist Journalismus einfach teuer. Aber ich drücke die Daumen.

Eine Million Euro für die Finanzierung eines Jahres. Klingt das nach einem Konzept?
Ich weiß nicht, ob eine Million Euro genug Geld ist. Es hängt davon ab, wie ambitioniert die Verantwortlichen sind. Wie viele Reporter kann man damit beschäftigen? Wie viele Storys finanziert werden? Welche Wirkungen wollen sie erzielen? Das kann ich nicht beantworten. Sicher aber ist mit dem Geld etwas anzufangen.

Ist Crowdfunding in den USA noch ein Thema?
Es wird nicht viel darüber gesprochen – nicht mehr. Aber auch bei uns wurden viele einzelne Projekte von der Crowd finanziert. In Gesprächen wird das aber nicht mehr so viel diskutiert. Es wird mehr über News-Startups gesprochen, die beispielsweise vom eBay-Gründer Pierre Omidyar gegründet werden.

Was halten Sie denn von  unabhängigen Projekten? Ich will die Krautreporter nicht mit The Intercept von Pierre Omidyar vergleichen. Aber Glenn Greenwald hat sich wegen der Unabhängigkeit dort angeschlossen.
Diese Ideen sind wirklich grandios, und es ist toll zu sehen, wie schnell solche Projekte entstehen und sich entwickeln. Bei The Intercept hat man auch gleich die investigative Seite des Journalismus. Projekte wie diese entstehen gerade vielerorts, und das ist großartig. Auch, wenn noch niemand so wirklich herausgefunden hat, wie man unabhängig Geld damit verdienen kann. Viele Projekte hängen von großen Investoren ab. Vielleicht werden wir auch weiterhin beobachten, dass Venture Capitalists oder große Arbeitgeber in Medien investieren. Ich bin nicht der Meinung, dass das schlecht ist. Immerhin hat Jeff Bezos die Washington Post gekauft. Die Idee, die Entwicklung neuer Technologien mit der Gründung journalistischer Projekte zu mixen, ist aber brillant.

Jeff Bezos hat die Washington Post vergangenes Jahr nach Ansicht vieler Experten vor dem Untergang gerettet. Hätte die Zeitung aus Ihrer Sicht auch ohne ihn eine Zukunft gehabt?
Ich denke ja. Die Washington-Post ist eine amerikanische Institution, die wichtige Arbeit leistet. Trotzdem waren die letzten Jahre in meinen Augen eine Herausforderung. Seit ich dort bin, mussten wir jedes Jahr mit weniger Ressourcen auskommen. Es war kein guter Ort zum Arbeiten. Wir sind nun dabei den Level zu erreichen, auf dem wir früher waren. Und das ist dank Bezos möglich. Genauso wie die Idee digital zu wachsen und so viele tolle Dinge um- und neue Technologien einzusetzen.

Jeff Bezos treibt die Digitalisierung der Post also voran?
Natürlich tut er das. Wir werden sehr unterstützt.

Haben Sie ihn schon mal getroffen?
Er ist schon einige Male im Newsroom gewesen, ja.

Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Dass er daran glaubt, was wir dort machen und er bereit ist, mit uns die Zukunft zu gestalten.

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Was sind seine Erwartungen an Sie?
Er erwartet von uns Kreativität, Experimentierfreudigkeit und Unermüdlichkeit etwas für die Leser zu tun. Auf die Nutzer legt er selbstverständlich sehr großen Wert. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass er all das auf diese Weise aufgebaut hat, was er bereits besitzt. Ihn interessiert, welche Erlebnisse und Erfahrungen die Nutzer machen und mit diesem Wissen zu arbeiten.

Welche Auswirkungen hat Jeff Bezos auf die Atmosphäre zwischen Print und Online bei Ihnen gemacht?
Wir sind alle Reporter. Ich glaube, dass sich jeder mit dem neuen Eigentümer wohl fühlt. Es ist offensichtlich, dass er leidenschaftlich gerne digitale Produkte entwickelt, und der Digitalausbau wird auch weiter fokussiert. Das funktioniert aber nicht ohne Journalisten. Und er liebt die Zeitung. Er ist überzeugt, dass sie ein Erlebnis für die Leser ist.

Er glaubt also auch an die Zukunft des Blattes?
Sicher. Er glaubt, Print und Online sind ein perfektes Paket.

Hat sich etwas an der Ausrichtung des Journalismus seit Jeff Bezos geändert? Hat er bestimmte Visionen, wie digitaler Journalismus auszusehen hat?
Bezos ist in den täglichen Betrieb des Newsrooms nicht involviert. Er ist mit uns zufrieden. Mich haben zumindest noch keine Beschwerden über unsere Arbeit erreicht.

Sie experimentieren bei der Washington Post tatsächlich eine Menge herum, nutzen beispielsweise Snapchat, um neue Nutzer zu erreichen. Aber wie wollen sie mit Inhalten auf fremden Plattformen Geld verdienen?
Menschen, die auf diesen Plattformen unterwegs sind, haben vielleicht keinen täglichen Kontakt zur Washington Post – oder vielleicht sogar noch nie gehabt. Wir hoffen aber, dass sie zu uns kommen, wenn sie uns auf Plattformen wie Snapchat finden und so vielleicht auch auf für sie wichtige Nachrichten aufmerksam werden. Wir profitieren sicher auch von der etablierten Marke Washington Post. Wir müssen Journalismus dort machen, wo die User sind und können nicht warten, dass sie von alleine zu uns kommen. Wenn sie sehen, dass wir dazu bereit sind und Inhalte für sie präparieren, werden sie das irgendwann tun. Ich glaube aber auch, dass es ungenutzte Möglichkeiten gibt.

Zum Beispiel?
Etwa über Drittanbieter: Twitter bietet Sponsored  Tweets an. Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, unseren Twitter-Feed zu monetarisieren.

Was ist ihr Lieblingsprojekt aus den vergangenen Monaten?
Das ist für mich natürlich eine schwierige Frage. Wir haben vor einiger Zeit den Truth Teller umgesetzt. Wir untersuchen Filmtrailer oder auch politische Reden auf ihren Wahrheitsgehalt und blenden in von uns überarbeiteten Versionen Fact-Checkings ein. Auch das ist Journalismus.

Aber auch eine Form der Unterhaltung. Vielleicht Infotainment. Wie können neue, digitale Formen und kritischer Journalismus vereint werden?
Unser Snapchat-Projekt zur Farm Bill Reform ist ein Beispiel für ernsten Journalismus und die Suche danach, wie man digital erzählen kann. Wir haben für solche Projekte mehr Reporter eingestellt, auch um neue Story-Formate zu entwickeln. Wir versuchen uns auch an bunten Sachen, wie die Idee Snapchat für die New York Fashion Week zu nutzen. Das hätten wir auch ernsten und kritischen Themen wie dem Boston Marathon machen können, wäre jemand vor Ort gewesen.

Was macht Online-Journalismus denn zu etwas eigenem? In ihren Vorträgen stellen sie digitale Projekte der Washington Post vor. Mir ist aufgefallen, dass keines davon textlastig war. Text und Internet, funktioniert das überhaupt?
Beim Shutdown in den USA brauche ich die gesamte Geschichte erzählt, bevor ich dazu eine interaktive Karte mit betroffenen Gebieten umsetze. Ich glaube schon, dass Online-Journalismus eine eigene Gattung ist – meine gesamte Karriere basiert immerhin auch darauf. Ich bin aber auch Anhänger von McLuhans ‚medium is the message’. Ich brenne dafür über neue Wege des Storytellings nachzudenken.

Wird der Online-Journalismus deshalb irgendwann teurer werden als Print?
Das glaube ich nicht. Die Reporter und Recherche sind das teuerste am Journalismus. Entwickler, die bei der Umsetzung helfen nicht so sehr. Die Frage ist, ob Online-Journalismus mehr Umsatz bringt. Der ist online nur 10 Prozent dessen, was eine Zeitung einbringt. Deshalb sprach ich eben vom perfekten Paket.

Und, wird sich das ändern?
Es wird sich ändern. Online-Journalismus bekommt immer weitere Verbreitungswege, die mobile Nutzung steigt. Ich bin optimistisch.

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