Anzeige

Das Twitter, die Abrechnung, der Triumph und der Tod

wr-6.jpg

Christian Wulff stellt sein Buch vor, in dem er mit den Medien abrechnet. Frank Schirrmacher stirbt an einem Herzinfarkt. Claus Kleber fängt das Twittern an. Die Krautreporter schaffen es, 15.000 Bezahl-Abos einzusammeln und starten ihr Online-Magazin. Was für eine Medienwoche. In jeder Hinsicht.

Anzeige
Anzeige

Christian Wulff hat am Dienstag sein Buch “Ganz oben Ganz unten” vorgestellt und sich dabei als waschechter Verschwörungstheoretiker präsentiert. Die bösen Medien und die bösen Staatsanwälte waren ganz alleine schuld, dass er zurücktreten musste. So die Lesart Wulffs. Und das alles nur, weil dem medial-juristischen Komplex nicht gepasst hat, dass er, der Wulff, so lockerflockig integrativ über den Islam dahergeschwätzt hat. Naja. Er findet sich selbst halt noch immer ziemlich dufte, der Christian Wulff. Vermutlich ein Selbstschutz-Mechanismus. Die Leute vom NDR-Medienmagazin “Zapp” waren auch bei der Buch-Präsentation und haben eine lustige Umfrage über die gestörte Paar-Beziehung zwischen Wulff und den Medien gemacht. Hier geht es zum Video.

Die Gruner + Jahr Zeitschrift Eltern hat diese Woche in freudiger Erwartung mitgeteilt, ins Zeitpunkt-Marketing einzusteigen. Ja, was ist das denn schon wieder für ein neumodisches Zeugs? Das bedeutet, dass Schwangere und neue Mütter in Krankenhäusern von Ärzten, Gynäkologen und Hebammen künftig mit Werbung behelligt werden. Eltern-Wundertüten sind Kartons mit allerlei Produktproben von freundlichen Firmen, die rattenscharf auf die Adressen der Zielgruppe Mütter sind. Denn die brauchen ja ganz viel Krempel für die neuen Blagen. Die Idee ist nicht ganz neu und auch schon bisher verteilt G+J in Geburtstationen freigiebig kostenlose Eltern-Ratgeber. Die Ärzte und Hebammen, die das Werbezeugs verteilen, bekommen dafür laut G+J nix: “Die Motivation der Gesundheitspartner (Ärzte, Hebammen, Geburtskliniken) ist der Mehrwert des Geschenkes für Ihre Patientinnen. Gegenleistungen irgendwelcher Art gibt es nicht.” Bei Gruner schwärmen sie davon, wie dolle das ist, dass diese Werbegeschenke von Ärzten und Hebammen überreicht werden. In einer Präsentation zu der Werbe-Wundertüte heißt es: “Eltern (also die Zeitschrift; Anm.d.Red.) gestaltet diesen emotionalsten und wertvollsten aller Zeitpunkte so, dass Sie Ihre Zielgruppe glaubwürdig in eine neue Lebensphase und Produktwelt führen können.” Muss man das gut oder innovativ finden, dass Verlage und Firmen einen nun schon bis fast in den Kreissaal mit Werbung behelligen? Wäre hier nicht vielleicht das Wort “aufdringlich” angebracht? Angeblich sind die Mütter aber ganz scharf auf Gratis-Pröbchen. Bis dann irgendwann daheim der Briefkasten überquillt.

Schon einmal habe ich mich hier im Wochenrückblick kurz zu den Krautreportern geäußert und ganz miesepeterisch orakelt, dass die es nicht schaffen werden, 15.000 Unterstützer zusammenzubringen, die jeweils 60 Euro für ein Jahr zahlen. Zwei Gründe fielen mir ein, warum das nicht klappen sollte: Erstens ist der Name “Krautreporter” sensationell bescheuert. Wer will denn ein Magazin haben, das “Krautreporter” heißt? Also wirklich. Zweitens soll jeder die Artikel lesen können – also auch jene, die nicht gezahlt haben. Jetzt habe ich diese Woche doch auch bezahlt, und zwar wegen dieses Artikels von Constantin Seibt, der unbedingt lesenswert ist. Selten bis nie wurde die sich weitende Kluft zwischen Verlagsmanagern und Journalisten so treffend aufgeschrieben. Und es stimmt ja. Scheiß auf den Namen! Wenn es irgendwo ein Projekt gibt, das auch nur einen Funken Hoffnung auf eine bessere Medienwelt verheißt, sollte man das auch unterstützen. Die Kraut-Menschen haben es in einem ziemlich sensationellen Schlussspurt dann sogar schon am Mittag geschafft, ihre 15.000 Abos zusammenzubekommen. Da habe ich mich sehr gerne geirrt.

“heute journal”-Moderator Claus Kleber feierte diese Woche seinen Einstand bei Twitter. Und, wer hätte das gedacht, Kleber twitterte richtig witzig und unverkrampft von seinem Weg zu einem Interview mit der Vielleicht-bald-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Auch wenn einem Klebers verschraubter Moderationsstil im “heute journal” mächtig auf den Zeiger gehen kann – bei Twitter passt der Kleber-Style tiptop. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann würde Kleber die Moderation des “heute journal” abgeben und nur noch als Guerilla-Twitterer unterwegs sein. Doch dies wird wohl ein Wunschtraum bleiben.

Anzeige

Die Nachricht der Woche war eine traurige. Wenn der Tod so plötzlich ins Leben tritt wie bei FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, dann lässt einen das nicht kalt. Plötzlich wird man sich wieder bewusst, dass es im wahrsten Sinne viel Existenzielleres gibt, als das tägliche Kleinklein in der Medienbranche. Schirrmacher war ohne Frage ein großer Geist. Er war auch ein großes Ego. In meinem beruflichen Leben war er immer da. Schirrmacher schrieb, Schirrmacher redete, Schirrmacher twitterte. Man konnte sich über ihn freuen und ärgern. Dass dieser Typ von einem Tag auf den anderen weg sein könnte, das war nicht vorgesehen. Am Tag nach seinem Tod hat Welt Kompakt-Chef Frank Schmiechen den ersten Schirrmacher-Tweet retweetet und für einen Moment erschrickt man.

Es ist für eine Millisekunde so, als wäre er wieder da. In der Timeline. Aber es ist nur ein Retweet. Das digitale Echo einer Stimme, die nun schweigt. Über so etwas hätte Schirrmacher vermutlich auch schreiben können. Genial natürlich.

Trotz allem ein schönes Wochenende – denken Sie an die kleinen und großen Dinge, die wirklich wichtig sind!

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*