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Schirrmacher-Nachrufe: „geniales Kind, wunderbarer Anarchist“

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"Dieser kluge Kopf wird uns furchtbar fehlen“, trauert Bild-Chef Kai Diekmann in seinem Nachruf auf Frank Schirrmacher. Für Irisch Radisch (Zeit) war der FAZ-Herausgeber "Ein geniales Kind und ein wunderbarer Anarchist“. Allerdings, warnt Jan Fleischhauer (Spiegel) auch: "Man wird in den kommenden Tagen über Schirrmacher nur Gutes hören, aber in Wahrheit hatte er eine enorme Zahl von Gegnern“.

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Für Iris Radisch war er schlicht „Ein geniales Kind und einen wunderbaren Anarchisten“. Die Feuilleton-Chefin der Zeit schreibt weiter: „Das Genie seines Schreibens wurde noch übertroffen von der Genialität seiner machtstrategischen Instinkte.“

Bei Spiegel Online schreibt Jan Fleischhauer: „Es gibt nur sehr wenige Journalisten, bei denen jeder Artikel ein Ereignis ist, weil der Autor früher als andere etwas erkannt hat, was sich als wichtig erweisen wird, oder weil er das, was alle sehen, zu Dingen in Bezug setzt, auf die viele nie im Leben gekommen wären.“ Zudem merkt der Spiegel-Autor an: „Man wird in den kommenden Tagen über Schirrmacher nur Gutes hören, aber in Wahrheit hatte er eine enorme Zahl von Gegnern, die sich über ihn bei jeder Gelegenheit das Maul zerrissen.“

Knapp und direkt merkt Kai Diekmann an: „Dieser kluge Kopf wird uns furchtbar fehlen“. Bild-Chefredakteur schreibt, dass die Bedeutung von Freundschaft und das Los, missverstanden zu werden, „zwei Leitmotive“ im Leben Frank Schirrmachers gewesen seien. „Er hatte keine Berührungsängste mit uns, dem ‚Boulevard‘. Das nahmen ihm manche übel. Aber diese völlige Abwesenheit von Borniertheit, von geistiger Arroganz, das war vielleicht seine größte Stärke.“ Diekmann weiter: „Der viel zu frühe Tod dieses Mannes ist ein nicht zu ersetzender Verlust für die Debatten-Kultur in Deutschland. Frank Schirrmacher hatte wie kein Zweiter ein Gespür für die großen Themen unserer Zeit. Und eine geradezu kindliche Begeisterung, neue Debatten loszutreten.“

Alexander Kissler, Cicero: „Der Herzinfarkt gilt als Tod der Macher und der Risikobereiten, derer, die an beiden Enden brennen. Für den Journalisten und Publizisten Frank Schirrmacher, den nun auf diese Weise ein früher Tod ereilte, gilt dieser Konnex unbedingt. Er war Machtmensch und Macher und wollte die Wurzeln offenlegen jener Risikogesellschaft, in die sich die westliche Hemisphäre längst verwandelt hat.“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfasste Edo Reents, stellvertretender Leiter des Feuilleton den Nachruf. Er adelt Schirrmacher als den „sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte“. Weiter notiert er: „Die Bedeutung seiner immensen Intellektualität wird man zu diesem Zeitpunkt nicht ermessen können. Zum Schluss noch dies: Er mochte es, wenn man aus Thomas Manns Dostojewski-Essay zitierte: „Denn unter anderem war dieser Gekreuzigte ein ganz großer Humorist.“ Frank Schirrmacher hatte für die Zerrissenen immer besonders viel übrig – vielleicht, weil er es selbst auch war.“

Mit-Herausgeber Berthold Kohler: „Wir sind tief erschüttert und fassungslos. Das ist ein entsetzlicher Verlust für die Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Weiter sagt er: „Im Herausgeberkreis hat er mit seinen Ideen und seiner Energie immer wieder Impulse für die Entwicklung der Zeitung gegeben. Wir werden ihn als Kollegen und Persönlichkeit sehr vermissen.“

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Für die taz war FAZ-Herausgeber „Der Eigensinnige“. In seinem Nachruf schreibt Jan Feddersen: „Frank Schirrmacher war der aufmerksamste Geist. Sprach man mit ihm, per SMS, Tweet oder Mail, wünschte man, ein wenig neidisch: Ach, wären doch klassische Linke ein wenig eher wie er. Ein Unruhiger, ein Freibeuter, ein Intellektueller in einem Sinne, wie er kursorisch-gründlicher nicht zu denken ist. Er schien, als würde er alles, was ihm in den Blick gerät, aufsaugen. Ein Leben im Zustand der Dauerwachheit, der Disziplin, der Neugier. Er sagte, ein Leben ohne intellektuelle Auseinandersetzung sei ihm ein tristes, er stürbe lieber, als dass er keinen Disput im Kopf trage“.

In der Süddeutschen analysieren Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt: „Dass er nicht nur ein schreiberisches, sondern auch ein taktisches Genie war, hat Schirrmacher nie verleugnet – er war sogar stolz darauf. Erst Nachfolger von Reich-Ranicki und danach von Joachim Fest zu werden, in einer sich im kleinen, verschworenen Kreis selbst ergänzenden Führungsgruppe, das war eine Leistung, die nicht nur auf seiner nie bestrittenen literarischen Höchstbegabung beruhte, sondern auch auf einer, man kann es nicht anders nennen, dämonischen Geschicklichkeit.“

Auf seiner Google+-Seite erinnert sich Wolfgang Blau, Digitalexperte des Guardian, an Schirrmacher: „Als ich ihn dann im Januar gemeinsam mit Alan Rusbridger in Frankfurt besuchte, nahm er mich kurz beiseite und sagte recht unvermittelt: ‚Wissen Sie, wir sind gar nicht gegen das Netz‘. Das hatte ich auch nie geglaubt, ich hätte mir nur manchmal gewünscht, dass er auch die vielen positiven Errungenschaften, die wir dem Internet verdanken, ebenso qualifiziert gewürdigt hätte wie die Schäden, die es anrichtet.“

Via Facebook erinnert sich Martin Sonneborn: „Schirrmacher war übrigens PARTEI-Mitglied. Ich hatte mich mal selbst zum FAZ-Buchmessenempfang eingeladen, und als Schirrmacher nach meiner Einladung fragte, erklärte ich ihm, daß ich in der Siesmayerstraße sei, um ihm seine Mitgliedschaft in der PARTEI zu vermelden. Wir seien einem möglichen Aufnahmeantrag zuvorgekommen und hätten ihn von uns aus aufgenommen.“

 

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