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Umstrittene Programmreform beim D-Radio: verzweifelter Kampf um „2254“

Hat am 31. August seinen letzten Arbeitstag: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul geht in Rente
Hat am 31. August seinen letzten Arbeitstag: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul geht in Rente

Die Programmreform des Deutschlandradio Kultur steht vor der Tür: Ab dem 21. Juni will es sich stärker vom Muttersender Deutschlandfunk abgrenzen und als "nationales Kulturprogramm" profilieren. Für viele Sendeformate bedeutet die Reform ein Ende. So auch für den nächtlichen Hörer-Talk "2254". Die Hörerschaft ist empört. Gemeinsam mit den Moderatoren kämpften sie bis zur letzten Sendeminute gegen die Absetzung - vergeblich.

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„2254“, dessen Name ganz simpel der Telefonnummer für die Zuhörer entspringt (0800 2254 2254), ist etwas besonderes im Programm des Deutschlandradios Kultur – beziehungsweise war. Fast täglich bieten die Moderatoren seit mehr als 16 Jahren Schlaflosen und Nachtschwärmern einen Ort, an dem sie sich versammeln und gegenseitig austauschen können. Nicht einfach so, sondern immer um über ein von der Redaktion vorgegebenes Thema politischer oder gesellschaftlicher Natur zu diskutieren. Nachts ab 1.00 Uhr fördert „2254“ Gesprächskultur, in der Worte und Stimmen der Anrufer, also der eigenen Hörerschaft, im Mittelpunkt stehen. Viele von ihnen kennen sich beim Namen und diskutieren seit Jahren miteinander, ohne sich ein einziges Mal im Leben gesehen zu haben. Auch das soll einer der Gründe zu sein, weshalb das Talk-Format mit der anstehenden Programmreform am 21. Juni nach fast zwei Jahrzehnten seinen unpopulären Sendeplatz verlieren wird: die angeblich immer wieder gleichen Stimmen, die zu kleine Community, die immer wieder das Radio einschaltet, wenn andere schlafen.

Für diese Community, von der gar nicht genau gesagt werden kann, wie groß oder klein sie letztlich ist, ist „2254“ so etwas wie ein Zuhause. Ein Kreis, dessen Mitgliedern die Welt nicht egal ist. Das zumindest sagen die Anhänger. Viele von ihnen rufen bereits seit Jahren an – die einen regelmäßig, die anderen etwas seltener. Sie nennen die Call-In-Sendung auch „die demokratischste Sendung im deutschen Radio“. Die Programmverantwortlichen des Deutschlandradios Kultur sehen „2254“ mit anderen Augen: sie sehen ein altbackenes, ein unmodernes Format, das in Zeiten von Social Media keinen Bestand mehr hat.

Vordergründig geht es für die Programmverantwortlichen, und hierfür stellt sich Kultur-Chef Hans Dieter Heimendahl seinen Hörern, um die Schärfung des Senderprofils. „Wir wollen Deutschlandradio Kultur eindeutiger als nationales Kulturprogramm profilieren“, erklärte er vergangene Mittwochnacht in „2254“ im Dialog mit seinen enttäuschten Hörern. Der Kultursender will nachts auf Musik umschalten, Deutschlandradio Kultur soll „mit Musik wuchern“, erklärt Heimendahl. Immerhin sei es die Kulturform Nummer 1 im Radio. „2254“ passt einfach nicht mehr ins Profil.

Viele, vor allem aber auch die eigenen Moderatoren wollen das nicht wahr haben. Birgit Kolkmann, selbst seit mehr als fünf Jahren vor dem „2254“-Mikrofon, fragte ihren Chef vor den eigenen Hörern, weshalb Deutschlandradio Kultur selbst davon spreche, einen Dialog und Diskurs fördern zu wollen, nun aber „die einzige Diskurs-Sendung“ gestrichen werde. Eine eindeutige Antwort darauf bekam sie nicht. Social Media habe Vorteile, ein Großteil der Senderkommunikation laufe bereits über Facebook und Co., so Heimendahl. Die Hörer seien durch das Internet letztlich flexibler.

Proteste und Widerstände zwecklos
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Man kann sagen: Zuhörer und Moderatoren haben es bis zur letzten Minute versucht, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, die Sendung im Programm zu halten. Während sich jene, die sich getraut haben, in der Sendung mit Heimendahl selbst zu sprechen, noch verhalten gezeigt haben, kocht die Wut im Internet hoch. In der Facebook-Gruppe „D-Kultur 2254 darf nicht sterben!“ wird nach „wahren Gründen“ für die Absetzung verlangt und die Frage gestellt: „Warum also soll der Bürger nicht mehr öffentlich seine Meinung zu politischen Themen kund tun?“. Die Generalkritik: Die Meinung des Einzelnen soll unterdrückt werden, stattdessen überlasse der öffentlich-rechtliche Funk dies den Politikern und Experten. Hörer Franz-Josef Hanke findet in einem Blogeintrag noch schärfere Worte. „2254 ist Hörerbindung pur. 2254 ist gewachsene Kultur im Radio. 2254 ist gelebte Demokratie. Aber das Deutschlandradio schafft die Hörerdemokratie ab. Offenheit ist hier nicht angesagt. Die Hörerdiskussion wurde ohne Einbeziehung der Hörer aus dem Programm gestrichen“, heißt es dort. „Demokratie ist für die Verantwortlichen beim Deutschlandradio offenbar nur ein schönes Wort. In der Berichterstattung über Russland oder China fordert man Demokratie ein; im eigenen Sender hingegen würgt man echte Demokratie ab.“

D-Radio Kultur: „Entscheidung folgt der Flottenstrategie“

Auf Nachfrage von MEEDIA äußert sich Deutschlandradio Kultur wie folgt zur Senderentscheidung: „Die Medienlandschaft ist in Bewegung –  und auch die Programme von Deutschlandradio. Dabei folgen wir nicht den Moden des oft viel zu aufgeregten Medienbetriebs. Doch wir beobachten aufmerksam sich verändernde Nutzungsgewohnheiten und wollen die Erwartungen unserer Hörerinnen und Hörern immer besser erfüllen. In diesem Zusammenhang sind auch die Veränderungen im Nachtprogramm von Deutschlandradio Kultur ab dem 21. Juni zu sehen.“ Das Angebot als „nationaler Kultursender“ werde weiter ausgebaut. „Deswegen stellen wir die Talksendung 2254 ein und bieten in den Nächten von Montag bis Freitag ein spannendes und breit gefächertes Musikprogramm aus den Bereichen Klassik, Americana, Weltmusik, Jazz und Rock.“ Diese Entscheidung folge der „vom Intendanten seit Jahren vorgestellten Flottenstrategie, wonach sich die drei Hörfunkangebote Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen inhaltlich stärker unterscheidbar machen sollen.“

Mit dem Angebot der „Radionacht“ werde beim Muttersender Deutschlandfunk „eine Trennschärfe im Nachtprogramm“ geboten. Im Programm des Deutschlandradio Kultur solle das Format „Im Gespräch“ am Samstagvormittag Ersatz bieten. „2254“-Anhänger sehen das anders. „Auch dort dürfen Anhänger mitreden. Allerdings werden sie dort nur mit kurzen Fragen in eine Expertenrunde einbezogen“, kritisiert Hanke.

Mit der neuen Programmausrichtung seines Kultursenders, steht Deutschlandradio-Intendant Willi Steul vor einer schwierigen Herausforderung. Zum einen scheint die Profilierung der drei Sender ein richtiger und wichtiger Schritt zu sein. Zum anderen müssen Steul und seine Programmverantwortlichen Unmögliches schaffen: allen Ansprüchen gerecht werden. Zumindest aber muss Steul neue Hörer an seinen Sender binden, ohne alte zu verprellen. Nur dann ist eine Programmreform erfolgreich. Die Entscheidung, eine der wirklich letzten Call-In-Sendungen aus dem Programm zu nehmen, bei der noch die Hörer über den Inhalt entscheiden, ist unpopulär und nicht 100-prozentig nachvollziehbar. Ob sich der Intendant mit seiner Reform beweisen kann, wird der Hörfunkrat in Form des Programmausschusses im kommenden September hinterfragen. Den Streit um „2254“ und weitere Konflikte hat das Gremium bereits auf dem Schirm. Bei der Entscheidung über die Absetzungen einzelner Programme musste der Rat nicht mit einbezogen werden.

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Alle Kommentare

  1. Leben wir wirklich in Deutschland in einer Demokratie, wenn die Mehrheit die Sendung 2254 Nachtgespräch behalten möchte und eine Person Einfach nein sagt?

    1. Ich habe den Nacht-Talk geliebt,hatte das Gefühl,die Stamm Anrufer
      persönlich zu kennen!Seit dem habe ich das Gefühl,das ganze Programm ist mir sowieso zu Kopflastig,halt für die Intelligenz im
      Lande.Jetzt bin ich beim Deutschland Funk!Aber schön war es doch!

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