Anzeige

Medien über „Ganz oben Ganz unten“: „Wulff dreht den Spieß um“

Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches
Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches

Ex-Bundespräsident Christian Wulff stellte am Dienstag sein Buch "Ganz oben Ganz unten" vor. Darin kritisiert er massiv die Bild-Zeitung und die Medien, sagt er aber auch, dass er eigentlich keine Abrechnung schreiben wollte. Das sehen die meisten Kritisierten jedoch anders. Die Pressestimmen:

Anzeige
Anzeige

Holger Schmale schreibt bei FR Online und in der Berliner Zeitung: „Wulff dreht den Spieß um“ und erklärt: „Es ist der zweite Teil einer großen Genugtuung für Christian Wulff. Der erste hat im Februar stattgefunden, als das Landgericht Hannover ihn vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen hat. Und nun, an diesem Dienstagnachmittag, tritt Christian Wulff jenen gegenüber, die ihn aus seiner Sicht um sein Amt gebracht haben: den Hauptstadtjournalisten.“ Und weiter: „Manche sprechen von Rache und erklären so auch die Uhrzeit, zu der er sein Buch „Ganz oben. Ganz unten“ vorstellt. Um 16 Uhr beginnt er seine Pressekonferenz, das ist für viele Zeitungsjournalisten schon arg spät. Er dreht für einen Nachmittag die Verhältnisse um, er bestimmt jetzt den Gang der Ereignisse und nicht die Medien, die ihn in seinen Augen in einer beispiellosen Kampagne im Winter 2011/2012 aus dem Amt getrieben haben.“

Peter Tiede beobachtete die Pressekonferenz für Bild: „Wulffs Buch ist eine Abrechnung, in der er deutlich machen will, wer dafür verantwortlich ist, dass er nach ganz unten stürzte, dass seine Familie zerbrach. ‚Ich möchte als Mensch meine Sicht‘ der Dinge darstellen.“ (…) „Die Botschaft ist klar: Nach seinem Freispruch sieht er sich als Sieger.“ 

01-bild

Eckart Lohse von FAZ.net sieht eine „Abrechnung, die keine sein soll“. „Einmal ist es noch wie früher, einmal hat er die Berliner Medien noch um sich, ohne dass sie auf seinen Rücktritt warten. Die erste Gruppe der Fotografen steht am oberen Ende der Auffahrt, die zur Bundespressekonferenz führt, manche knien für das bessere Foto sogar nieder.“ Und weiter: „Der Mann vom Beck-Verlag feuert die ersten Breitseiten auf die Medien ab, beschwert sich über den Ton der Vorberichterstattung zum Buch. Die war allerdings kaum möglich, da der Verlag das Werk – wie angekündigt – erst nach der Pressekonferenz am Dienstag rausrückte.“ (…) „Und dann ein Satz wie in die Mauern des Schloss Bellevue gemeißelt: Die Medien setzen sich an die Stelle der Justiz. Gut zu wissen, dass es sich nicht um eine Abrechnung handelt.“

Severin Weiland für Spiegel Online titelt seine Beobachtungen mit „Herr Wulff beginnt sein neues Leben“ und schreibt zur Verlags-Wahl des Ex-Bundespräsidenten: „Erscheinen wird es im C. H. Beck-Verlag, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, zu Schnellschüssen zu neigen. Auch das soll wohl ein Statement sein: Wulff hat sich einen der seriösen Verlage dieser Republik ausgesucht. Es gab keinen Vorababdruck, die Journalisten können erst vor der Präsentation einige Passagen lesen. Den großen Vorab-Wirbel in ausgesuchten Medien, den üblicherweise solche Politikerpublikationen begleiten, wird es also nicht geben.“

Katja Strippel aus dem ARD-Hauptstadtstudio: „Nachtreten will Christian Wulff mit ‚Ganz oben ganz unten‘ also nicht. Er möchte den vielen Versionen, die über seinen Rücktritt kursieren, seine eigene Version hinzufügen.“ (…) „Nach dem Freispruch durch die Justiz hofft der ehemalige Bundespräsident nun also auf einen Freispruch durch den Leser“ Und:  „Etwas absurd wirkt es, als er bei der Präsentation sagt, dass ‚Ganz oben ganz unten‘ Lust auf Politik machen soll. Denn eigentlich wird man als Leser eher abgeschreckt.“

Antje Sirleschtov ordnet im Tagesspiegel die bisherige PR-Kampagne für das Wulff-Buch wie folgt ein: „Ganz anders, als das sonst der Fall ist, wenn ehemalige Politiker Bücher schreiben, haben Wulff und sein Verlag H.C. Beck dennoch keine exklusiven Verträge mit Medien zum Vorabdruck des Buches geschlossen und keine Vorabinterviews des Autors zugelassen. So etwas tut man normalerweise nur, wenn man die Deutungshoheit über ein Buch so lange wie möglich bei sich behalten möchte.“ Und meint: „An seine politische Karriere wird er allerdings nicht anknüpfen können, dazu fehlt ihm das Vertrauen. Und das kommt auch mit späten Büchern nicht zurück, wie das Beispiel des Ex-Politikers Karl Theodor zu Guttenberg lehrt.“

Anzeige

26-blkHannah Beitzer fasst für Süddeutsche.de zusammen: „Ex-Bundespräsident Christian Wulff macht in seinem neuen Buch ‚Ganz oben Ganz unten‘ den Jagdtrieb von Journalisten für seinen Rücktritt verantwortlich. (…) „Wulff sieht sich als Opfer einer Medienkampagne – und sagt vorden Journalisten in Berlin den Satz: ‚Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre auch heute der Richtige im Amt‘. Später korrigiert er sich, auf Nachfrage: ‚Hätte die Staatsanwaltschaft korrekt gehandelt in Hannover und die Aufhebung der Immunität nicht beantragt, wäre ich noch im Amt. Der Rücktritt war richtig‘.“

Ludwig Greven für Zeit Online: „Dieses Mal sind die Rollen anders verteilt. Anders als während seiner Affäre, die Wulff Anfang 2012 zum Rücktritt zwang, und anders als im Prozess im Hannover, der zwei Jahre später mit seinem Freispruch endete, sitzt diesmal nicht Wulff auf der Anklagebank. An diesem Tag und mit diesem Buch, das ahnen die Journalisten, die vorher keine Zeile daraus lesen durften, wird der CDU-Politiker sie anklagen, gemeinsam mit der Justiz.“Greven meint über Wulff: „Aber Wulff will mehr, viel mehr, daran lässt er keinen Zweifel. Er will seine Ehre wiederhergestellt sehen, die er durch einzelne Medien immer noch verletzt sieht. Und er möchte seinen Fall zu einem politischen Lehrstück machen, wie sich die Machtbalance zwischen Politik, Medien und Justiz verschoben habe und wie die Unschuldsvermutung ausgehebelt werde. Er fordert Konsequenzen, damit sich so etwas nicht wiederholen könne.“

 

 

 (ms)

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*