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Anatomie eines Missverständnisses: Wulffs Buch “Ganz oben Ganz unten”

„Ganz oben ganz unten“ oder ganz daneben? Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches
"Ganz oben ganz unten" oder ganz daneben? Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches

Christian Wulff hatte für sein Buch “Ganz oben Ganz unten”, das manche eine “Abrechnung” nennen, mit ziemlicher Sicherheit keinen Ghostwriter. Die pingelige Protokoll-Sprache und das ausufernde Selbstmitleid hätte kein Schreib-Profi durchgehen lassen. So aber erlaubt das Buch des an sich selbst gescheiterten Präsidenten einen Einblick in dessen Innenleben zum Zeitpunkt der Affäre und danach. Es ist die Anatomie eines Missverständnisses. 

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Christian Wulff hat alles ganz genau protokolliert. Sein Buch “Ganz oben Ganz unten” strotzt vor exakten Angaben zu Zeiten, zu Orten, zu Paragrafen. Die Sätze sind gestelzt, getragen, nicht selten kompliziert. Es ist die technische Sprache eines Anwalts oder eines Beamten und das macht “Ganz oben Ganz unten” nicht eben leicht zu lesen. Hält man die Buchveröffentlichung seiner Ex-Frau Bettina dagegen wird auch klar, wie unterschiedlich diese beiden Menschen sein müssen.

Bettina Wulffs Buch “Jenseits des Protokolls” war über weite Strecken diesseits des Groschenromans. Die unbeholfen erzählte Geschichte vom einfachen, patenten Mädel in der großen, bösen Welt von Politik und Medien. Wulffs eigene Einlassungen sind die eines biederen, überkorrekten Staatsmannes. Einer, der noch nicht verstanden hat, worum es ging. In quälender Detailtiefe arbeitet sich Wulff durch Quittungen und Uhrzeiten. Stellt minutiös nach, wann wer in diesem Hotel auf Sylt was gewusst hat und wann der böse Bild-Reporter dort angerufen hat.

Er will damit vermutlich beweisen, wie sehr ihm Unrecht getan wurde. Dabei ging und geht es doch gar nicht darum, was juristisch war und ist. Das große Missverständnis des Christian Wulff kommt unter anderem in diesem Absatz zum Ausdruck:

“Ein Bundespräsident kann weder bei einem Anfangsverdacht noch nach einem Freispruch so argumentieren wie Abgeordnete und  Beamte, er ist in dieser Hinsicht schlechter gestellt. Es war für mich politisch undenkbar, nach Aufhebung der Immunität meine Amtsgeschäfte weiterhin wahrzunehmen. Rechtlich wäre das möglich gewesen. Die Verfassung nennt als einzigen möglichen Grund für eine Amtsenthebung des Bundespräsidenten die vorsätzliche Verletzung des Grundgesetzes oder eines anderen Bundesgesetzes. Die Kommentare der Staatsrechtler zu Artikel 61 GG sind eindeutig: “Die  Verletzung kann nur durch eine Amtshandlung erfolgen, private Tätigkeiten und Handlungen fallen nicht in den Anwendungsbereich von Art 61 GG.” Die Verletzung der Amtshandlung muss in die Amtszeit als Bundespräsident fallen. (…) Einen kurzen Moment habe ich mir die Frage gestellt, ob die Mitglieder des Immunitätsausschusses des Deutschen Bundestages eine  Beratung des Schreibens der Staatsanwaltschaft Hannover in Betracht ziehen und erwägen könnten, wegen der Dürftigkeit der Verdachtsmomente dem Verlangen der Staatsanwaltschaft Hannover nicht nachzugeben. Es handelte sich um Vorwürfe aus meiner Zeit als Ministerpräsident, die in Frage stehende Summe belief sich auf insgesamt 2500 Euro. Vergehen solcher Geringfügigkeit werden in vielen Staaten nach Ende der Amtszeit (unter Aufhebung der Verjährung) geklärt. Warum nicht auch in Deutschland? Die Antwort war einfach: Weil keiner in den Reihen der Regierungsparteien das Lärmen der Opposition – nicht zu reden von der Empörung der Medien –  auch nur einen Tag durchgestanden hätte.”

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Da hat einer Kommentare von Staatsrechtlern gewälzt, um sich selbst von allen juristischen Vorwürfen freizusprechen. Wulffs Argumentation: Rechtlich hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen, die übrigen Vorwürfe sind Bagatellen (2.500 Euro!) und fallen nicht nicht einmal in seine Amtszeit als Präsident. Ergo: Er wurde von einem Kartell aus Medien und Justiz, allen voran die Bild-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann, hingerichtet und zu Fall gebracht.

Die Frage nach dem Warum beantwortet Wulff ebenfalls im Stil eines Verschwörungstheoretikers: Weil er, der Wulff, zu unbequem war. Sein Sätzlein, dass der Islam auch zu Deutschland gehöre, habe den Mächtigen in Justiz und Medien nicht gepasst. Darum, so die verquere Ex-Präsidenten-Logik, habe man ihn aus dem Amt gejagt. Wulff beschreibt ein Frühstück mit Diekmann in seinem Haus, bei dem er dem Bild-Chef von seinem Islam-Satz vorab berichtet.  „Das ginge auf keinen Fall, sagte Diekmann“, so Wulff in seinem Buch. Ja, ja, irgendwie seien es schon Fehler gewesen, dass er die Umstände seines Hauskredits in seiner Zeit als Ministerpräsident verschwiegen habe und dass er den vermaledeiten Rubikon-Anruf auf der Mailbox Diekmanns hinterlassen habe.

Der wahre Grund für die Jagd der Medien und der Justiz auf ihn, sei aber sein Wirken als Präsident gewesen, seine moderne Haltung zum Islam. An diese sehr persönlichen Sicht klammert sich Wulff. Die andere, die banale Sicht auf die Dinge wäre für ihn vermutlich nicht zu ertragen. Das wäre dann die Sicht, dass da einer aus kleinen Verhältnissen ganz gerne mit den vermeintlich Großen der Gesellschaft an einem Tisch saß. Dass da einer blind vor Liebe zu seiner neuen Frau sich auch ein Stück weit zum Esel machte. Dass einer glaubte, wenn andere ihm einredeten, wie wichtig er sei. Dass einer irgendwann dachte, dass für ihn eigene Maßstäbe gelten, dass er etwas Besonderes ist.

Wenn man einmal diesen Ego-Gipfel erklommen hat, kommt man nur schwer wieder runter. Manchmal gar nicht. Wulffs verschobene Ich-Perspektive gipfelte bei der Präsentation seines Buches in der Aussage, er sei auch heute noch der Richtige im Amt. Sein Buch und sein Auftreten bei der Buch-Präsentation haben einmal mehr belegt, dass seine Präsidentschaft ein Irrtum war. Ein Irrtum, den er selbst vermutlich niemals einsehen wird. Niemals einsehen kann.

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