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Nannen-Debatte: „Nicht Appelbaum hat den Stern beleidigt, sondern umgekehrt“

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© dpa

Die Henri-Preisträger Jacob Appelbaum und Laura Poitras wollen die Büsten mit dem Antlitz des Namensgebers des Preises, Henri Nannen, einschmelzen lassen. Sie reagieren damit auf die NS-Vergangenheit Nannens. Die Ankündigung der beiden US-Journalisten hat kontroverse Reaktionen hervorgerufen. "Stillos" sei der Plan, kommentierte Georg Altrogge auf MEEDIA. Den Appelbaum-Kritikern antwortet nun Thomas Huber, der zwischen 2003 und 2005 Chef der G+J-Unternehmenskommunikation war. Die Vorwürfe seien "infam".

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„Ich finde die Vorwürfe, die jetzt von verschiedener Seite gegen Jacob Appelbaum erhoben werden, infam und ungeheuerlich. Wie kann man einem Journalisten, der ja kein Spiegel-Autor im herkömmlichen Sinne ist, sondern sein ganzes Berufsleben außerhalb Deutschlands verbracht hat, abverlangen, dass er sich gefälligst selbst über die Biografie von Henri Nannen vorab zu informieren hat? Appelbaum hat im guten Glauben die Nominierung zu diesem Preis angenommen. Wieso sollte er davon ausgehen, dass Deutschlands wichtigster Journalistenpreis einem nationalsozialistisch vorbelasteten Journalisten gewidmet ist? Das kann ja auch nur in Deutschland passieren, das man so tut, als ob das gar kein Problem darstellt. Offenbar hat er diesen Zusammenhang dann erst aus seinem Umfeld erfahren und dann sich zur Ablehnung entschieden. Damit hat er natürlich auch seine enge Kollegin Poitras in Zugzwang gebracht. Dieser Verlauf ist doch durchaus nachvollziehbar. Hat man ihn jetzt eigentlich nochmal dazu befragt? Setzt sich jemand mit seiner ausführlichen Stellungnahme auseinander? Nein.

Es ist doch kein Wunder, dass es jetzt zu diesem PR-Desaster gekommen ist, da die Chefredaktion des Stern mitnichten damit Recht hat, dass die Vergangenheit von Nannen ordentlich aufgearbeitet sei. Im Gegenteil. Die Stern-Chefredaktion hat es anlässlich des Mega-Events „50 Jahre STERN“ von Gruner + Jahr im August 1998 versäumt, diese Geschichte aufzubereiten. Es gab damals im Stern und bei G+J durchaus Stimmen, die darauf gedrängt haben und die nicht gehört wurden. Thomas Osterkorn war damals als geschäftsführender Redakteur mit dieser Sache sicherlich befasst.

Vollständig zur Farce gerät die Angelegenheit, wenn der Stern die Fakten, die in den letzten Monaten aufgetaucht sind, einfach ignoriert. Wie der Medienjournalist Jens J. Meyer und der langjährige G+J Sprecher und hoch geschätzte Kollege Kurt Otto in einem lesenswerten Artikel darlegen, wurde die Stern-Chefredaktion auch 1998 über die braunen Wurzeln informiert.

Meyer/Otto schreiben: „Es geht uns heute allein um die Tatsache, dass die Stern-Redaktion vor 15 Jahren taube Ohren hatte, als sie 1998 – zwei Jahre nach dem Tod von Henri Nannen – vom damaligen Direktor des Dithmarscher Landesmuseums mehrfach fundierte Hinweise und Belege auf den Vorkriegs-Stern von Kurt Zentner erhielt, dann aber doch nichts konkret unternahm, um nach Nannens Tod den Gründungsmythos des Stern historisch zurechtzurücken, was damals auf eine verständnisvolle Medienresonanz gestoßen wäre.

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Dieses Versäumnis rächt sich heute angesichts der Tim Tolsdorff-Veröffentlichung über die vermeintlichen „braunen Wurzeln“ des Stern. Tim Tolsdorff schrieb dazu im Dezember 2013 einen ausführlichen Artikel in der FAZ. Das Buch ist mittlerweile erschienen und weist anhand bislang unerschlossener Quellen nach, dass Henri Nannen zu großen Teilen das Konzept einer gleichnamigen Film- und Kulturillustrierten kopierte, die bis Ende 1939 vom Deutschen Verlag in Berlin herausgegeben worden war und sich als erfolgreiches Produkt der NS-Propaganda erwiesen hatte. DAS hätte die stern Chefredaktion auch selbst herausfinden können und im Magazin aufarbeiten und auf einer Preisverleihung von sich aus thematisieren müssen.

Die Legende Nannen wankte also schon längst auf ihrem morschen Sockel. Dass Jacob Appelbaum, laut wikipedia-Eintrag „an atheist of Jewish background“, nach der Preisverleihung des Henri-Nannen-Preises sich so fühlt, als ob er plötzlich braunen Dreck am Hemdkragen hat und diesen nun entsetzt abzuwischen versucht, ist mehr als verständlich. Nicht Appelbaum hat den Stern beleidigt, sondern umgekehrt. Eine Entschuldigung des Stern wäre fällig – und überfällig ist nun auch eine Debatte zur Umbennung des wichtigsten deutschen Journalistenpreises.“

Thomas Huber

Der Autor ist Inhaber der Unternehmensberatung Semanticom und war von 2003 bis 2005 Leiter Unternehmenskommunikation Gruner + Jahr

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