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Der Zombie-Roman vom B.Z.-Chef: „Mit Selbstzerfleischung kennen wir uns aus“

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B.Z.-Chefredakteur Peter Huth hat einen Zombie-Roman geschrieben

Peter Huth, der Chefredakteur von Springers Boulevardzeitung B.Z., hat ein Buch geschrieben. Nix Besonderes, heutzutage verfassen Journalisten Bücher am laufenden Meter. Huth allerdings schreibt nicht über die Finanzkrise, nicht übers Internet und auch nicht übers Heimwerken, sondern über - Zombies in Berlin. Mit MEEDIA sprach er über seinen Roman "Berlin Requiem".

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Herr Huth, wie viele Zombies sind Ihnen heute morgen schon in der Redaktion begegnet?
Oh, eine Menge – aber auch schon auf dem Weg zur Arbeit ein einziges Geschlurfe und Gestöhne Berlin am Morgen nach der Europa-Wahl und vor allem der Tempelhof-Abstimmung. Der Tag, an dem der nächste Anfang von Wowereits nächstem Ende beginnt – alles vor der Apokalypsen-Kulisse des Zentralflughafenfriedhofs Tempelhof. Und die Berliner haben die Gewissheit, von einem politisch lebenden Toten regiert zu werden. Herrlich – so etwas kann man sich gar nicht ausdenken!

Naja, ein bisschen Phantasie haben Sie ja schon…Sie haben sich für Ihren Roman „Berlin Requiem“ ein Szenario ausgedacht, in dem die Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln abgeriegelt werden, weil dort ein Virus Menschen zu Untoten macht. Als Chefredakteur einer Boulevardzeitung lieben Sie offenbar apokalyptische Endzeit-Stories.
Mich interessieren Menschen und die Mechanismen, die sie auslösen, ganz grundsätzlich. Deshalb bin ich Journalist geworden. Interessant ist doch, wie fast uhrwerksgleich gesellschaftliche Prozesse ablaufen. In meinem Buch: Sich möglichst schnell auf einen konsensfähigen Schuldigen einigen, diesen ausgrenzen, einsperren, ummauern. Hass schüren, Realitäten ausblenden, die Wahrheit einem angeblichen noch höheren Gut, nämlich der allgemeinen Ordnung, opfern. Und so weiter. Kommt uns das bekannt vor? Ich fürchte schon. Das ganz bewusst groteske Virus-Szenario ist praktisch der Bunsenbrenner unter der Petrischale Berlin, die sich rasend schnell erhitzt und diese Prozesse beschleunigt.

Sie sprechen über den kleinen Kniff mit Aufmerksamkeitsbeschleuniger, den Sie in den Plot eingebaut haben. Der Leser erfährt am Anfang des Buches, dass offenbar nur Menschen mit Migrationshintergrund von dem Virus angesteckt werden können. Ein Verweis auf Thilo Sarrazin und sein Buch „Deutschland schafft sich ab“. Sarrazins zweifelhafte Thesen sind auch und vor allem in der Bild-Zeitung – Sie sind seit dem vergangenen Jahr auch Stellvertreter von Kai Diekmann – immer gern verbreitet worden. Ist das nun Ihre fiktionale Aufarbeitung?
Das Großartigste an unserem Land ist, dass jeder sagen darf, was er denkt – auch wenn es noch so ein hanebüchner Blödsinn ist. Das ist so, auch wenn Sarrazin in seinem letzten Buch das Gegenteil behauptet. Ich finde es aber mindestens genau so großartig, wenn Sarrazin – den ich in seiner sturen Konsequenz übrigens durchaus respektiere – viele Bücher verkauft und Bild Kernthesen daraus druckt. Nur so kommt eine Diskussion zustande, an deren Ende sich ja wohl alle einig sind, dass Deutschland sich wohl eher nicht abschafft. Solche Debatten sehe ich wie ein gesellschaftliches Klärwerk. Oben wird Dreck reingekippt, unten kommt deutlich klareres Wasser heraus. Was mich aber wirklich entsetzt hat, war das Interview in der Berliner Morgenpost, in dem Sarrazin  von einem „Juden-Gen“ sprach. Das ist eine biologistische These, die letztlich behauptet, jeder Einzelne sei in seiner Entwicklung und in seinen Möglichkeiten vorbestimmt – genau das Gegenteil von meinem Menschenbild.

Nun, das Wasser mag klarer werden, aber es bekommt doch oft eine Einfärbung. Wirklich unabhängiger Journalismus scheint zur Mangelware zu werden. Ohne zu sehr literaturwissenschaftliches Seminar zu spielen: Ist der Virus in Ihrem Roman auch eine Metapher auf die sich ausbreitenden neuen Abhängigkeiten der Presse?
Diesen Virus gibt es und es ist unsere Aufgabe, uns gegen diese Abhängigkeit zu stemmen. Das funktioniert übrigens ganz gut, jedenfalls dort, wo ich arbeite. Und mit Selbstzerfleischung kennen wir uns auch bestens aus, und, ja die Verteilungskämpfe werden in schrumpfenden Print-Märkten ebenfalls härter geführt werden. Ich sage: Sie haben Recht. Und stelle fest, dass ein Autor beim Beantworten von Interview-Fragen neue Aspekte in seinem Werk entdecken kann.

Um mal eine andere Horrorfigur, den Vampir, ins Spiel zu bringen. Einige Medienbeobachteter fürchteten ja im vergangenen Jahr, dass die B.Z., die mit der Redaktion von Bild Berlin zusammengelegt wurde, sozusagen ausgesaugt würde. Ist Diekmann Dracula?
Nein, das sieht man doch auf den ersten Blick: Vampire sind immer glatt rasiert. Kai wohl eher nicht. Was wir getan haben, ist eine gegenseitige Blutspende, mit der sowohl die BZ als auch Bild Berlin mehr als glücklich sind, weil wir einen intensiveren Journalismus betreiben können – bei klar unterscheidbaren Markenprofilen. 

Das Zombie-Genre ist ja im fiktionalen Horrorgewerbe ein Klassiker, doch scheint es gleichzeitig so angesagt wie nie zu sein. Lässt sich mit Zombies Auflage machen?
Ach, die guten, alten Zombies! Vampire tauschen ewiges Leben gegen Durst nach Blut, der Werwolf war eine Metapher auf den Menschen zwischen archaischem Leben und Industrialisierung, die Mumie ist mystisch und geheimnisvoll. Und Zombies? Wanken unappetitlich durch die Gänge, modern, faulen, fressen. Warum also Zombies? Weil die Grundthematik die gleiche wie die der Integrationsdebatte ist: Die Angst vor einer rasant wachsenden Masse, die Furcht, dass Quantität eine vermeintliche Qualität schlägt, dass wir überrollt werden von etwas, was uns fremd ist. So kamen die Zombies nach Berlin. Und am Ende, wie in jedem guten Horrorfilm, müssen wir uns am meisten vor denen gruseln, die uns am nächsten sind: unseren Mitmenschen.

In Ihrem Buch spielt ein Journalist mit dem hintersinnigen Namen „Robert Truhs“ die Hauptrolle. Sie glauben an die ungebrochene Strahlkraft der Aufklärung durch mutige Journalisten?
Selbstverständlich! Wir Journalisten haben in erster Linie einen gesellschaftspolitischen Auftrag, das ist der Wesenskern unserer Arbeit, die DNA unserer Zunft. Die Romanfigur Robert Truhs aber ist müde und desillusioniert, ein Zustand, der vielen Kollegen in diesen Zeiten nicht unbekannt sein dürfte. Er muss sich entscheiden, ob er sich der Bürde, der Wahrheit zu dienen, stellt oder eben nicht. Am Ende, das darf man bei einem Roman aus diesem Genre ruhig verraten, kann er die Katastrophe zwar nicht stoppen, aber die ganze brutale Wahrheit liegt auf dem Tisch. Was die Menschen damit anfangen, kann er nicht beeinflussen, das kann und das muss auch kein Journalist können.

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Sie sagen „müde und desillusioniert“. In der Tat – neben einigen wenigen Journalisten im Buch, die für die Aufklärung der Verschwörung hinter der Zombifizierung den Tod riskieren, gibt es nur sehr wenig anerkennende Worte über den Berufsstand. Klingt so, als seien Sie selbst ein wenig desillusioniert.
Interessant – Jörg Thadeusz, der mir anlässlich der Buchpräsentation einige Fragen stellte, war der Meinung, dass die Politiker in „Berlin Requiem“ durchgängig schlecht und die Journalisten als Helden dargestellt werden. Fest steht doch: Je tiefere Einblicke man in die Strukturen von Macht und die Motive, nach denen gehandelt wird, erhält, umso desillusionierter wird man ganz automatisch. Ich kenne keinen Journalisten, dem es anders geht. Das steht praktisch ungeschrieben im Arbeitsvertrag unter „Risiken und Nebenwirkungen“. Und natürlich ist auch unsere Branche alles andere als ohne Fehl und Tadel. Das wird man ja wohl erwähnen dürfen – wenn wir uns nicht ständig selbst kontrollieren, wie sollen wir dann die anderen überprüfen? Die Figur Robert Truhs ist eine Quintessenz aus Kollegen, die mir in den vergangenen 25 Jahren begegnet sind, also die denkbar multipelste Persönlichkeit, die man sich vorstellen kann. Er durchlebt eine Reise durch Depression, Flucht und letztlich Wiederaufstehung als das, was er eigentlich immer sein wollte: Ein guter Mensch und ein guter Journalist.

Und darum stehen wir jeden Morgen auf und werden nicht Pressesprecher vom Berliner Regierenden?
Man müsste Richard Meng fragen, der ja von der Frankfurter Rundschau an die Seite von Klaus Wowereit gewechselt ist. Für mich käme so etwas kaum in Frage. Ich löffele lieber die Suppen aus, die ich mir selbst einbrockt habe als die, die andere sich eingebrockt haben. Im Ernst: Ich gestalte gerne, probiere Dinge aus und am allerliebsten mache ich Titelseiten. Springer ist für mich der ideale Arbeitgeber.

Sie mögen Ihren Arbeitgeber nicht nur, Sie haben sogar gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre das Script zum Musical zum 100. Geburtstag von Axel Springer geschrieben. Ein unterhaltsames Stück über die übermächtige Verlegerfigur schreiben und den Job behalten – Ihre größte Leistung bisher?  
Meine größte Leistung ist meine kleine Tochter –  auf die Revue sind wir alle nach wie vor sehr stolz, weil es eine grandiose Teamarbeit war. Offensichtlich denken immer alle, bei Springer gäbe es eine Auto-Zensur. wenn das so wäre, hätten sich weder Ben noch ich, aber ganz bestimmt nicht Ulli Waller und sein Team vom St. Pauli-Theater darauf eingelassen. Diese Zusammenarbeit war übrigens  für mich das Interessanteste am ganzen Springer-Stück.

Haben Sie eigentlich eher vor oder nach der Arbeit geschrieben? Anders gefragt: Haben Sie sich beim Schreiben auf die Arbeit eingestimmt oder von ihr abreagiert?
Ich habe mich mit Kopfhörern an meinen Schreibtisch gesetzt, vor allem Brian Eno gehört, und auf eine weiße Wand gestarrt. Manchmal kam dann was, manchmal auch nicht. Einen direkten Zusammenhang mit meiner täglichen Arbeit hat das nie gehabt. Ich wollte  einen Roman schreiben und keinen 336 Seiten langen Kommentar.

Ein Satz zur vielbeschworenen und ziemlich unbekannten Zukunft der Medien. Ihr Hauptcharakter ist ja TV-Reporter. Springer hat neulich N24 gekauft. Also: Ob nun während einer Zombie-Invasion oder im ganz normalen Wahnsinn des Alltags – brauchen Zeitungen mehr Bewegtbild?
Das kommt drauf an, welches Ziel man verfolgt, wie man den Begriff „Verlag“ definiert. Wer sich, wie Axel Springer, als digitaler Verlag, als digitales Medienhaus, versteht, braucht  natürlich Bewegtbild. Das muss aber nicht unbedingt und automatisch von klassischen TV-Teams, also Reporter, Kameramann, Tonmann, hergestellt werden –  manchmal ist es auch sinnvoller, weil flexibler, wenn Reporter vor Ort ihre Eindrücke per Smartphone filmen. In unserer Berlin-Redaktion werden wir in den kommenden Monaten eine Menge spannender Sachen ausprobieren.

Letzte Frage, erwartbare Frage: Hat Mathias Döpfner das Buch schon gelesen?
Das weiß ich nicht.

Berlin Requiem“ ist bei Heyne erschienen, hat 336 Seiten und kostet 12,99 Euro. Von Huth erschien bereits „Infarkt“ und „Das Büro“. Huth ist seit 2008 Chefredakteur der B.Z.

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