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Die große Henri-Schmelze: ein Preis zum Entlieben?

Auch Laura Poitras (l.) denkt darüber nach, ihren Henri einzuschmelzen
Auch Laura Poitras (l.) denkt darüber nach, ihren Henri einzuschmelzen

Mit seiner Ankündigung, den ihm verliehenen Nannen-Preis einschmelzen zu wollen, hat Spiegel-Autor Jacob Appelbaum für Aufsehen gesorgt. Nun will es ihm laut "Zapp" die Pressefreiheits-Preisträgerin Laura Poitras nachtun – ein bei Licht betrachtet unerklärlicher Affront gegen Jury und Preisstifter.

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Merkwürdig ist die Sache schon deshalb, weil die Vergangenheit von stern-Gründer Henri Nannen als NS-Propagandist sowie Sprecher in Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Spiele 1936 seit Jahrzehnten bekannt war – ebenso wie seine Lebensleistung als einer der unerschrockensten Alpha-Journalisten der Nachkriegszeit und kompromissloser Enthüller von Missständen und Korruption in der Republik.

Natürlich muss man eine Galionsfigur des Nachkriegs-Journalismus wie Nannen nicht bewundern und verehren. Aber einen in seinem Namen im Rahmen einer aufwändigen Gala vergebenen Preis lehnt man aufgrund historischer Gegebenheiten nicht im Nachhinein ab. Das ist schlicht stillos und fällt auf den Preisträger zurück. Noch unverständlicher ist die Ankündigung, die von einem Künstler gestaltete Büste einzuschmelzen und damit zu vernichten. Im Fall von Jacob Appelbaum erscheint das auch aus praktischen Gründen sinnlos – immerhin wurde der Berliner Journalist gemeinsam mit neun weiteren Spiegel-Redakteuren in der Kategorie Investigation ausgezeichnet. Ob die Kollegen seiner Maßnahme zustimmen, ist zweifelhaft.

Bei Gruner + Jahr, dem Verlag, der den Preis seit vielen Jahren an die besten Magazin- und Zeitungs-Journalisten verleiht, will sich niemand offiziell zu den aktuellen Entwicklungen äußern. Dennoch ist man dort entsetzt über die Ankündigungen und Meldungen um die Einschmelzungen der teuren Büsten. Sollte die internationale Preisträgerin Laura Poitras tatsächlich dem Beispiel von Jacob Appelbaum folgen, heißt es im Umfeld des Verlags, werde man überlegen müssen, ob eine solche aufwändige Preisverleihung künftig überhaupt noch vertretbar sei.

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Der Schaden für den Qualitätsjournalismus wäre immens. Neben den Lead Awards ist der Henri Nannen Preis der wichtigste Köder für Top-Journalisten, mit dem über viele Jahre die besten Arbeiten der Premium-Titel honoriert wurden. Wenn jemand wie Spiegel-Redakteur Jacob Appelbaum ein so grundsätzliches Problem mit dem Namensgeber des Preises hat, dann ist es seine moralische Verpflichtung, bereits bei der Nominierung des von ihm mit recherchierten Beitrags genau darauf hinzuweisen und seine Ablehnung eines möglichen Preisgewinns klar zu signalisieren.

Dass eine internationale Preisträgerin sich angesichts der Vorwürfe einer Nazi-Nähe des Namensgebers des Journalistenpreises unter Umständen dann schnell entschlossen zeigt, ebenfalls ein Signal zu setzen, ist  aufgrund der hohen Sensibilität des Themas nachvollziehbar, aber deshalb nicht notwendig richtig. Henri Nannen hat seine Vergangenheit und Vereinnahmung durch das Dritte Reich nicht verleugnet, sondern offen benannt und bedauert. Und der Preis seines Namens fußt auf seinen unbestrittenen Qualitäten als Blattmacher eines über Jahrzehnte kritischen und meinungsstarken Magazins, das Millionen Leser fand.

Marcel Reich-Ranicki hätte den Nannen-Preis niemals angenommen, wenn der Namensgeber aus seiner Sicht einer solchen Auszeichnung nicht würdig gewesen wäre. Es ist unklar, warum Nannen ausgerechnet jetzt ein solcher publizistischer Gegenwind entgegen schlägt. Über Henri Nannen mag man richten, wie man will – für eine auch nur angekündigte Büsten-Schmelze sollten sich Nannen-Preisträger schämen.

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