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Heftig-Gründer Glöß und Schilling: „Jeder Artikel ein gutes Gefühl“

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Die maximal teilbaren Inhalte von Heftig feiern Reichweitenrekorde

Auf die Heftig.co-Gründer Michael Glöß und Peter Schilling werden in den kommenden Tagen viele Fragen der Branche prasseln. Ihnen gehört die Aufmerksamkeit. Die müssen sie nutzen, denn die Gründer werden ihre Seite monetarisieren wollen. Es gilt, Vermarkter und Werbekunden zu überzeugen, dass Heftig.co kein Angebot ist, das Inhalte "dreist kopiert".

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Denn dieser Vorwurf steht im Raum. Lars Wienand von der Rhein-Zeitung berichtete, ein Großteil der Texte und Fotos seien „1:1-Übersetzungen“ von Artikeln auf der US-Seite Viralnova. Die Website ging eine Weile vor Heftig.co online. Und bedient sich freilich ebenso im unendlichen Web-Fundus von skurillen Fotos und Videos.

Solche Inhalte sind nicht mit Journalismus im klassischen Sinn zu verwechseln. Vielmehr erschaffen Angebote wie Heftig, Upworthy, Viralnova und Storyfilter eine Art Kuriositätenkabinett im Netz. Das Neue an diesen Plattformen ist die Art der Aggregation und der Präsentation. Viral gehen diese Inhalte über die massenhafte Verbreitung auf Social Networks. Anfang Mai hatte Heftig.co eine gute halbe Million Fans auf Facebook – heute sind es etwa 750.000. Das Tempo des Reichweitenwachstums ist fast schon atemberaubend.

In einem ersten Statement sagt Heftig-Mitgründer Peter Schilling: „Im Gegensatz zu anderen Medien erreichen wir unsere Leser mit sehr emotionalen Themen und sensibilisieren sie für die kleinen erstaunlichen Begebenheiten des Alltags.“ Und sein Kollege Michael Glöß gibt zu Protokoll: „Unser Ziel ist es, dass jeder Artikel seine Leser mit einem guten Gefühl entlässt.“ Die deutschen Nachrichtenmedien berichteten „sehr bedrückend über die Welt“. Ist allein dieser Ansatz, gewürzt mit viel Wissen über die Funktion sozialer Netzwerke und optimaler Reichweitenausschöpfung, der Schlüssel zum Erfolg?

Mit ihrer Stoßrichtung lehnen sich die Macher an das Erfolgsmodell von Upworthy in den USA an, das da heißt: „Things that matter. Pass ‚em on!“ Oder, wie es bei Heftig heißt: „Dinge die wichtig sind. Erzähl‘ sie weiter!“ Die Vorbilder aus den USA haben sogar den Anspruch, die Welt zu verbessern, indem sie vor allem positive, mutmachende Geschichten veröffentlichen.

Glöß und Schilling konnten sich nicht sicher sein, dass eine deutsche Variante der US-Vorbilder funktionieren würde. Die Bestätigung folgte vermutlich schneller, als gedacht. Mit weniger als 100 Beiträgen erreichte die Seite im April mehr Bewegung in sozialen Netzwerken als journalistisch ausgerichtete Angebote wie Bild.de und Spiegel Online. In den Social-Media-News-Charts von 10000 Flies (vom MEEDIA-Kollegen Jens Schröder) landete Heftig.co auf Platz 1. Schröder folgerte: „Ein solcher Erfolg wird die deutsche Medienbranche nicht kalt lassen.“

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Um so dringender war es vermutlich geboten, die Seite von einem anonymen Angebot, das sich hinter einer Adresse in Belize verschanzt, zu einem Portal mit Gesichtern zu verändern. Im Internet kann das Erfolgsmodell der Gegenwart schnell überholt sein. Der zunächst prägnante Stil der Überschriften kann, wenn er inflationär zum Einsatz kommt, auch rasch zum alten Hut werden, der nur noch nervt. Aus einem Experiment, das zunächst zu Testzwecken und vermutlich auch aus rechtlichen Gründen nur anonym durchgeführt wurde, soll ein professionelles und damit vermarktbares Portal werden. Die Vermarkter werden sich um den Reichweitenkönig, der fast ohne die Hilfe von Suchmaschinen und vor allem mit Hilfe von Facebook und Co. aufstieg, ohne Frage reißen.

Die Viten der beiden Gründer zeigen, dass sie zwar bisher keinen großen Web-Hit landen konnten, sich aber eingehend mit den Mechanismen beschäftigt haben dürften, die aus einfachen Bildern, Texten und Videos Viraltorpedos machen. Man mag das „Klickbait“ nennen. Würden die dann hinterlegten kleinen Stories aber durch die Bank enttäuschen, wäre ein solch raketenhafter Aufstieg nicht möglich gewesen.

Zu den bisherigen Gründungen der Heftig-Macher zählen der „Szene-Lifenight-Guide“ Cojito.de (Glöß), ein Instant-Messenger für soziale Netzwerke namens Toksta, der 2009 in Stickapps umbenannt wurde (ebenfalls Glöß), das Rezepte-Portal Kochmeister sowie PriorMart (beide Schilling). Mit Hilfe von PriorMart können Nutzer ihre Werke online notariell hinterlegen und damit urheberrechtlich schützen. Im Hinblick auf die Debatte um die Ursprungsquellen von Heftig.co ein interessanter Randaspekt.

Der Erfolg von Heftig und Co. wird eine Debatte befeuern, die dringend nötig ist: Wie weit können und sollen vor allem journalistisch arbeitende Portale bei der Reichweitenhatz gehen? Wäre es jetzt nicht an der Zeit, stärker zu differenzieren zwischen rein auf Reichweite ausgelegten Angeboten – und Angeboten, die für andere, für Werbekunden nicht minder attraktiven Werte wie Verlässlichkeit, Recherchetiefe, Informationsdichte, etc. stehen? Die Diskussion um die Krautreporter ist eine andere Facette derselben Debatte.

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