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Henri-Schmelze: Kritik an Jacob Appelbaums „brutaler Ego-Show“

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US-Journalist und Henri-Kritiker Jacob Appelbaum

Als mutiger und sachkundiger Journalist hat sich der Amerikaner Jacob Appelbaum einen Namen gemacht. Er gehört zum Zirkel der NSA-Enthüller Glenn Greenwald und Laura Poitras. Für seine Ankündigung, den Nannen-Preis, den er gemeinsam mit neun Spiegel-Kollegen in der vorvergangenen Woche gewann, einschmelzen zu lassen, erntet Appelbaum nun aber heftige Kritik.

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Appelbaum hatte in einer Rede beim Mannheimer Festival „Theater der Welt“ angekündigt, die Büste von Henri Nannen einschmelzen zu lassen. Nannen sei ein „Mitgestalter des Nationalsozialismus“ gewesen. Er schäme sich, den Preis angenommen zu haben, habe aber während der Verleihung den „sozialen Druck des Konformismus“ gespürt.

Ex-Stern-Chef und Jury-Mitglied Thomas Osterkorn wies in einer ersten Stellungnahme am Wochenende darauf hin, es sei „immer bekannt“ gewesen, dass Nannen als Soldat im Zweiten Weltkrieg Mitglied einer Kriegsberichterstatter-Kompanie war. Osterkorn: „Henri Nannen hat in seiner Zeit als Stern-Chefredakteur viel dafür getan, dass die Nazi-Zeit aufgearbeitet wurde. Er war einer der bekanntesten Unterstützer der Friedens- und Aussöhnungspolitik Willy Brandts mit dem Osten. Der Stern ist unter Henri Nannens Führung immer gegen Rechtsradikalismus eingetreten. Trotzdem war auch Henri Nannen klar, dass er die Vergangenheit nicht ungeschehen machen konnte. Er stand zu ihr und hat sich damit auch öffentlich auseinander gesetzt.“

Nannens Enkelin Stephanie Nannen schrieb in einem Beitrag für den Tagesspiegel: „Henri Nannen war kein Nazi.“ Im vergangenen Jahr erschien ihre Biographie des Großvaters. „Er war ein unvoreingenommener Denker und er wurde zum Teil eines mörderischen Systems, kein Mitgestalter.“ Appelbaum habe vor der Preisverleihung offenbar nicht gewusst, wer Nannen gewesen sei – und habe sich in den Tagen darauf wohl auch nur „oberflächlich“ informiert, mutmaßte Stephanie Nannen in ihrer Replik.

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Gegenüber Ulrike Simon, die für die Berliner Zeitung über Appelbaums Auftritt berichtet, wurde die Enkelin noch etwas deutlicher. Dort wird sie mit folgenden Worten zitiert: „Appelbaum nimmt gern den Preis eines Mannes, der für all das, was investigativer Journalismus ist, steht, und hinterher kocht er sein privates Süppchen. Was für eine heuchlerische Aktion, um sich wichtig zu machen!“

In eine ähnliche Richtung geht die Kritik, die laut Berliner Zeitung aus dem Spiegel-Lager kommt. Appelbaum habe in Mannheim eine „brutale Ego-Show“ durchgezogen, so ein Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins, der nicht namentlich genannt wird. Die Ankündigung, die Büste einschmelzen zu lassen, sei ein Alleingang. Eigentlich hätte der Preis im Berliner Spiegel-Büro mit Blick auf die US-Botschaft aufgestellt werden sollen. Als einiger des Teams habe Appelbaum in der Nacht der Preisverleihung mit der Büste für Fotos posiert, heißt es in der Zeitung.

Nicht geäußert hat sich bisher Laura Poitras, die nicht nur für den mit dem Henri ausgezeichneten Text über die NSA-Spähaffäre mitrecherchiert hatte. Sie erhielt darüber hinaus einen Nannen-Preis für „besonders engagiertes Eintreten für die Unabhängigkeit der Presse“. Am selben Abend wurde der Publizist Alfred Grosser für sein Lebenswerk geehrt – er musste als Kind vor den Nazis aus Deutschland fliehen. Vor diesem Hintergrund muss Appelbaums Ankündigung auf dem Theaterfestival auch gesehen werden.

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