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Scoopshot: Wenn aus Mülltonnen-Fotos heiße Zeitungsstories werden

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Scoopshot-Manager Niko Ruokosuo

Scoopshot gilt professionellen Fotografen als Bedrohung. Das finnische Unternehmen baut seit 2011 eine weltweite Community von Smartphone-Nutzern auf, die Handyfotos auf die Plattform laden. Bilder, die wiederum Medien auf ihren Webseiten veröffentlichen können. Im Interview mit MEEDIA spricht Niko Ruokosuo über die Entwicklung der Firma.

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Insgesamt habe Scoopshot 280.000 aktive Nutzer weltweit, heißt es in der Eigenbeschreibung des finnischen Unternehmens. Davon seien aber 110.000 Nutzer in Deutschland. Bisher arbeiten nur drei Zeitungstitel in Deutschland mit Scoopshot zusammen. Wohl auch ein Grund, warum die Firma künftig verstärkt Markenunternehmen als Kunden gewinnen will.

Bei der WAZ heißt es auf Nachfrage von Annika Rinsche, Chefin vom Dienst der Online-Redaktion: „Wir sind begeistert, wie kreativ die Nutzer die ihnen gestellten Aufgaben umsetzen. Gleichzeitig haben wir mit Scoopshot schon spannende Geschichten crossmedial umsetzen können: Die Leser schicken uns Bilder von den Brennpunkten in ihrer Stadt, und wir haken bei Kommunen nach. Anschließend spielen wir die Geschichten in Print und verweisen auf die Fotostrecke im Online-Portal.“ Beim Tagesspiegel sagt Markus Hesselmann, der Redaktionsleiter von Tagesspiegel Online, auf Nachfrage: „Wir halten das Angebot für spannend, sind da aber noch in der Testphase. Wir können uns durchaus vorstellen, es künftig öfter zu nutzen.“

Scoopshot gibt es seit 2011. In Deutschland arbeiten bisher die WAZ, der Tagesspiegel und die Potsdamer Neuesten Nachrichten mit der Anwendung, bei der Nutzer als Leserreporter bzw. –fotografen tätig werden.
Auch wenn wir in Deutschland bisher nur mit drei Titeln arbeiten, ist unsere Nutzerschaft hier am größten – es sind 110.000 mobile Fotografen. Jede Redaktion könnte Zugriff auf diese Leute haben.

Aber die Redaktionen greifen noch nicht zu.
Wir müssen ihnen noch stärker zeigen, worin der Wert unseres Dienstes liegt. Immerhin: In den letzten zwei Jahren hat sich die Akzeptanz von User Generated Content in den Redaktionen deutlich verbessert.

Warum die Zurückhaltung?
Es gab eine Reihe von Gründen, die zunächst zur Zurückhaltung bei Verlagen geführt hat, mit Scoopshot zu arbeiten. Vor einigen Jahren war die Qualität der Handyfotos noch nicht so gut, und 99 Prozent unserer Fotos kommen von Smartphones. Zum anderen war die Einstellung von Journalisten anders. Die sagten, ihre Standards würden es nicht erlauben, nutzergenerierte Fotos zu veröffentlichen. Das hat sich geändert. Journalisten begreifen, dass ein Netzwerk von Kontributoren den Wert ihrer Medien steigert. Twitter hat zu dieser Einsicht wesentlich beigetragen.

Werden professionelle Fotografen langfristig von Anwendungen wie Scoopshot verdrängt? Auf der Website von Scoopshot heißt es: „Die Crowd ist der neue Pressefotograf“.
Wir ersetzen Qualitätsjournalismus ja nicht. Wir bringen nur eine neue Duftnote in die Medien. Unsere Position ist die: es gibt einen großen Bedarf an professionellen Fotografen. Aber gleichzeitig werden die Mitarbeiter in Redaktionen reduziert. Das ist ein Fakt. Die übrig gebliebenen Profis müssen nun mehr Termine machen, mehr Fotos liefern. Wir sagen: lasst die Profis nur die wichtigsten Termine machen, und die dann richtig gut. Sie müssen nicht von Ort zu Ort hetzen. Und überlasst anderen den Rest. Diese anderen sind dann auch Scoopshooter.

Und die fotografieren dann was?
Nicht alles, was fotografiert wird, ist ganz ernst, aber es gibt uns doch einen Einblick in die Themen, die Leute beschäftigen. Und wenn beispielsweise die WAZ ihre Leser aufruft, nervige Schlaglöcher auf Straßen zu fotografieren, kommen in kürzester Zeit hunderte von Fotos zusammen.

Die Bild-Zeitung hat ihr eigenes Scoopshot mit der Aktion „1414“ gebaut.
Eine eigene Crowdsourcing-Fotoplattform zu bauen, ist sehr teuer. Nehmen Sie Guardian Witness als Beispiel. Da arbeiten elf Leute für. Wir sind eine offene Plattform, von diesem Ansatz können Medien profitieren.

Die digitale Welt spricht gern von der „disruption“. Welches Geschäftsmodell zerstört eigentlich Scoopshot?
Das Geschäftsmodell Stock-Foto. Stock-Fotos haben ein Problem, sie sind nicht einzigartig.

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Es gibt viele Bilder von Menschen, die sich die Hände schütteln.
Werbekunden sind zunehmend gelangweilt von polierten Hochglanzbildern, auf denen fröhliche weiße Menschen zu sehen sind. Nutzergenerierte Inhalte wecken mehr Vertrauen, das ist bewiesen.

Von der Nutzerseite betrachtet – worin liegt eigentlich der Anreiz, bei Scoopshot mitzumachen, wenn es nur so wenige Abnehmer gibt, die gegebenenfalls ein Foto kaufen?
Dazu haben wir ziemlich viele Daten. Nur eine Minderheit verdient ja über Scoopshot Geld, nur zwei bis drei Prozent der Fotos werden auch verkauft. Dafür gibt es 2,50 bis zu 50 Euro. Wir haben unsere Botschaft enstprechend verändert: es geht nicht ums Geldverdienen, sondern um die Beteiligung. Darum, ein Teil der Crowd zu sein.

Hört sich ein wenig nach Marketing an.
Nein, das ist ein Fakt. Die Leute nutzen die App, damit ihr Foto gesehen wird. Eine finnische Zeitung bemerkte, dass zunehmend Fotos von übervollen Mülleimern in einer Stadt hochgeladen wurden. Ein Foto von einem vollen Mülleimer hat keinen Nachrichtenwert. Viele Fotos von vollen Mülleimern dagegen sind eine Geschichte. Da stimmt etwas nicht mit der Müllabfuhr.

Wie können beispielsweise Redaktionen diese Zusammenhänge denn herstellen?
Wir identifizieren Hotspots, wo gerade viel passiert. Wenn Kate Middleton in Australien ist, merken wir das.

Verleitet Scoopshot Nutzer dazu, sich als Paparazzi zu betätigen?
Nein, das wollen wir nicht fördern. Aber Prominente erregen nun mal Aufmerksamkeit.

Wohin geht es für Scoopshot?
Wir sind mitten im Übergang von einem auf Medienkunden ausgerichteten Unternehmen zu einem auf Medien- und Markenkunden ausgerichteten Unternehmen. Wir können nun zu kommerziell ausgerichteten Fotokampagnen aufrufen. Das stärkt uns sehr. Wir expandieren, beispielsweise in England und den USA. Die USA sind unser zweitgrößter Markt – hier haben wir zuletzt eine Kooperation mit Gannett, die USA Today herausgeben, gestartet.

Markenkunden, das heißt: die rufen via Scoopshot Nutzer auf, sich an Aktionen zu beteiligen, die Teil einer Werbekampagne sind?
Ja. Das ist die Idee. Heineken rief beispielsweise dazu auf, Fotos von „Heineken Momenten“ zu machen. Auch Medien können von diesem Ansatz profitieren. Sie könnten beispielsweise Aktionen von Markenunternehmen über ihre Titel spielen.

Wir haben das Interview am Rande des European Newspaper Congress in Wien geführt.

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