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SpOn-Reporter Kazim will „so bald wie möglich nach Istanbul zurückkehren“

Wegen Morddrohungen: der Spiegel-Verlag holt seinen Korrespondenten zurück.
Wegen Morddrohungen: der Spiegel-Verlag holt seinen Korrespondenten zurück.

Spiegel-Online-Korrespondent Hasnain Kazim musste nach Morddrohungen wegen seiner Berichterstattung von Istanbul nach Deutschland zurück. Seine Sicherheit sei "nicht mehr hundertprozentig gewährleistet" gewesen. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Kazim, warum aus Hamburg weiter berichten will und schon in ein paar Tagen wieder auf seinen alten Posten zurückkehrt.

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Ihr Arbeitgeber, Spiegel Online, rief Sie wegen tausender Drohungen gegen Sie aus der Türkei zurück. Lässt sich die freie Presse von Erdogan und seinen Anhängern einschüchtern?
Nein, auf keinen Fall. Ich berichte, wo und wie wir es im Sinne unserer journalistischen Ansprüche und Standards für richtig halten. Das ist die klare Position von Spiegel Online. Im konkreten Fall haben die Anfeindungen gegen mich ein Ausmaß erreicht, dass wir meine Sicherheit nicht mehr hundertprozentig gewährleistet sahen. Sicherheit geht vor. Ich berichte aber auch während meines vorübergehenden Aufenthalts in Deutschland weiter über die Lage in der Türkei und werde bald dorthin zurückkehren.

Was genau ist denn vorgefallen, dass Sie so viel Zorn auf sich gezogen haben?
Ich habe aus Soma von dem Bergwerksunglück berichtet. Die Menschen waren dort wütend und traurig zugleich. Ein überlebender Arbeiter sagte mir „Ich hätte so etwas bis jetzt nicht geäußert, aber nun möchte ich Erdogan nur sagen: Scher dich zum Teufel!“ Das zitierte ich genau so. Türkische Medien und Kritiker griffen das Zitat auf, taten aber so, als habe ich das gesagt. Regierungsnahe Zeitungen warfen mir vor, ich würde den Premierminister beleidigen, regierungskritische Blätter benutzten mich als Kronzeugen gegen Erdogan. Dabei berichte ich lediglich, zitiere ein Opfer und ergreife nicht Partei. Auf Twitter und Facebook entbrannte jedenfalls ein Sturm der Entrüstung, ich erhielt zudem Tausende von E-Mails. Mehr als 10.000 Nachrichten habe ich bislang bekommen, von Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie gemerkt haben, dass die Lage bedrohlich für Sie werden könnte?
Ich habe darüber geschrieben, wie es zu den Anfeindungen kam, über das Missverständnis und die Instrumentalisierung eines Zitats, außerdem auch auf Türkisch. Die Aufgebrachten nahmen das aber offensichtlich nicht zur Kenntnis, sondern drohten weiter. Nun bin ich in Deutschland und berichte über Erdogans Besuch in Köln am kommenden Wochenende. Ich werde auch noch einmal über die Ereignisse in der kommenden Spiegel-Ausgabe schreiben. Darüber hinaus sehe ich keinen Grund zu reagieren.

Sind Sie selbst Türke?
Nein.

Haben Sie in der Türkei auch Hass gegenüber anderen Journalisten erlebt?
Mehrere Kollegen, türkische wie ausländische, berichten von ähnlichen Erfahrungen, die ich jetzt mache. Meistens sind das aber vorübergehende Stürme.

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Wird auch Gewalt gegenüber Journalisten angewendet?
Journalistenorganisationen und Menschenrechtsorganisationen haben solche Fälle dokumentiert.

Paul Ronzheimer, ein Kollege der Bild-Zeitung, sieht sich in der Ukraine mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Was passiert gerade in der Welt?
Das sind zwei unterschiedlich gelagerte Fälle, die sich nicht vergleichen lassen. Ich denke aber, dass grundsätzlich in vielen Teilen der Welt die Presse- und Meinungsfreiheit bedroht werden. Als Journalisten treten wir dafür ein, dass das aufhört.

Wie lange werden Sie jetzt aus Hamburg berichten?
Ich warte ab, wie die Lage sich entwickelt und werde so bald wie möglich auf meinen Posten nach Istanbul zurückkehren. Wahrscheinlich schon in ein paar Tagen.

Wollen Sie überhaupt zurück in die Türkei?
Auf jeden Fall.

Die Fragen wurden per E-Mail gestellt. 

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