„Scher Dich zum Teufel“: Der Spiegel im Erdogan-Shitstorm

„Scher Dich zum Teufel“: Türkei-Anhänger attackieren den Spiegel wegen seiner Berichterstattung.
"Scher Dich zum Teufel": Türkei-Anhänger attackieren den Spiegel wegen seiner Berichterstattung.

Publishing Die türkische Regierung steht unter Druck: Nach dem Grubenunglück in Soma sprach Spiegel Online-Korrespondent Hasnain Kazim mit einem türkischen Bergbauarbeiter, der sich mit Blick auf Staatschef Erdogan mit "Scher Dich zum Teufel" zitieren lässt. Erdogans Anhänger reagieren mit einer Hetzkampagne gegen den Spiegel.

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Kazim machte das Zitat zur Überschrift eines Spiegel-Online-Artikels, in dem er von der Kritik und dem „Hass“ gegenüber dem Premierminister berichtete. „Das scheint manchen türkischen Medien und Bloggern nun eine willkommene Gelegenheit zu sein, mir die Kritik in den Mund zu legen“, schreibt der Journalist in einem zweiten Artikel, mit dem er auf Attacken gegen ihn und den Spiegel reagiert. Er werde für seinen Text mit tausenden Hass-E-Mails überschüttet und auch via Facebook angegangen. Unter seinen Artikeln hat die Redaktion die Kommentarfunktionen offenbar bereits deaktiviert. Dafür laufen bei Twitter hunderte verachtende Kommentare unter dem Hashtag #ScherDichZumTeufelDerSpiegel ein.

Erdogans Regierung wird vorgeworfen, sich nach dem Grubenunglück falsch zu verhalten und die Katastrophe in der Mine herunterspielen zu wollen. Zudem soll die Regierung mitverantwortlich dafür sein, dass die Betreiber des Bergwerks aus Profitstreben Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt haben. Die staatliche Kontrolle hätte versagt, die Kritiker glauben, dass die Politiker die Mängel im Grubenbetrieb stillschweigend hingenommen hätten.

Die Kritik der Erdogan-Sympathisanten hingegen lautet, Spiegel und Spiegel Online hätten sich gegen die türkische Regierung verschworen. Auch ein selbstmontiertes Spiegel-Cover verbreitet sich im sozialen Netzwerk. Auf diesem ist Bundeskanzlerin Angela Merkel in Nazi-Uniform und mit Hitler-Gruß abgebildet. Im Titel steht „Scher dich zum Teufel Merkel!“. Neben dem Spiegel-Logo steht ein David-Stern, „da das Ganze ja eine ‚Verschwörung der Juden‘ sei“, schreibt Kazim.

Er glaubt, die Türkei-Anhänger nutzten „die deutsche Nazi-Vergangenheit wie auch die NSU-Morde …, um auf Deutschland zu zeigen, das selbst ‚genug Dreck am Stecken‘ habe“. Deshalb sei eine kritische Berichterstattung über die Türkei nicht legitim, mutmaßt Kazim weiter.

Der Journalist verteidigt seine Berichterstattung und entgegnet den Kritikern, ihr Ton erinnere „an die Kampagnen der Erdogan-Getreuen während der Gezi-Proteste, als ausländischen Journalisten vorgeworfen wurde die Türkei wahlweise spalten oder zerstören zu wollen.“ Die Anhänger würden darin ausgebildet, „systematisch gegen Medien vorzugehen, die kritisch berichteten.“ Zwar gebe es keine Beweise dafür, „aber die Art von Kampagnen von denen auch andere Journalisten – türkische wie ausländische – berichten, deuten darauf hin, dass die Sache planmäßig läuft.“

Deutsche Politiker wollen Erdogan-Auftritt in Köln untersagen

Während die Sympathisanten gegen den Spiegel hetzen, warnen Politiker davor, dass die Stimmung durch einen Auftritt Erdogans in Köln weiter aufgeheizt werden könnte. Der Regierungschef will am kommenden Wochenende zu tausenden seiner Anhänger sprechen. Seitens seiner Partei AKP komme der Regierungschef nach Deutschland, um das zehnjährige Bestehen der Union Europäisch-Türkischer Demokraten zu würdigen. Kritiker behaupten aber, es handele sich um Wahlkampf. An der Präsidentschaftswahl am 10. August dürfen nämlich auch erstmals in Deutschland lebende Türken wählen.  Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz (SPD): Ich finde es misslich, dass Ministerpräsident Erdogan so kurz vor der Europawahl hier in Deutschland eine große Veranstaltung machen wird.“ Die aktuellen Zustände in der Türkei, die durch die Bilder vom Vorgehen gegen Demonstranten dokumentiert werden, seien „absolut erschütternd und nicht hinnehmbar.“ Vergangene Woche hatte sogar ein Berater Erdogans auf einen am Boden liegenden Demonstranten eingetreten. Erdogan selbst soll in Soma, dem Unglücksort der Gruben-Tragödie, ein junges Mädchen geohrfeigt haben.

Schärfere Worte findet der nordrhein-westfälische Integrationsminister Guntram Schneider (SPD). Der Besuch „kommt einem Missbrauch des Gastrechts nahe“, so Schneider gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. 

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