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MEEDIA-Essaywettbewerb: Karolin Freiberger fährt mit nach New York

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Karolin Freiberger hat den MEEDIA Essay-Wettbewerb gewonnen

Den MEEDIA-Essaywettbewerb gewonnen hat die Journalistin Karolin Freiberger. Sie wird im Juni eine Woche für MEEDIA aus New York über journalistische Innovationen berichten. Wir hatten gemeinsam mit der Hamburg Media School (HMS) gefragt: "Können Startups den Journalismus in der digitalen Welt neu erfinden?"

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Der von der Hamburg Media School organisierte „Innovation Field Trip“ führt die Teilnehmer u.a. zur New York Times, zu Buzzfeed, Upworthy und Co. Da zunehmend von Verlagen unabhängige Startups von sich Reden machen, die mittel- oder unmittelbar neue journalistische Plattformen und Darstellungsformen entwickeln, lag die Idee nahe, unsere Leser zu fragen, wie diese neuen Angebote den Journalismus verändern. Eine Jury von MEEDIA und HMS hat aus den inhaltlich durchweg guten Texten einen Gewinnerbeitrag bestimmt, den wir hier veröffentlichen:

„Eine wilde, inspirierende Ehe“ 

Mein Opa ist blind. Vor 25 Jahren ging bei ihm innerhalb weniger Tage das Licht aus. Einfach so. Wenn ich versuche, ihm die Vorteile von News-Aggregatoren, Multistories und Second Screen zu erklären, ist er ein ziemlich guter Relevanz-Indikator. Bei ihm sind responsives Design, Parallax Scrolling oder Video-Hintergründe kein Argument. Er versteht, dass das für mich und meine New-Media-Generation irgendwie wichtig ist – aber überzeugen kann ihn nur das Warum.

Was will Journalismus? Relevante Informationen bestmöglich vermitteln: die Komplexität der Welt erklären, Einordnen, Informieren, Überraschen, Emotionen wecken, Kino im Kopf – und zwar mit Mehrwert. Dabei ist es egal, ob es um Nachrichten, Porträts, Reportagen in Print, Radio, Bewegtbild oder Echtzeit geht. Was zählt ist, was ankommt und hängenbleibt. Je näher der Informationseinschlag das persönliche Gefühl streift, desto wahrscheinlicher – was mich betrifft, trifft mich. Genau das haben Start Ups erkannt. Ihr Geschäftsmodell orientiert sich konsequent am Kunden. Dafür analysieren sie Suchverhalten, Trends und Bedarfe der Nutzer und entwickeln personalisierte Lösungen und Produkte. Start Ups setzen auf automatisierte IT-Infrastrukturen und Innovationsprozesse, gehen dabei aber immer vom User aus. Genau hier können Journalisten von den Gründern lernen – indem sie deren Technologien nutzen, um sich wieder mehr auf das „Warum“ zu fokussieren.

Was Journalisten und Start Ups verbindet, ist ihre enge Beziehung zum Nutzer. Was sie (noch) unterscheidet, sind Herangehensweise und Ziel. Start Ups wollen Kunden von ihrer Idee überzeugen, um ein skalierbares Geschäftsmodell zu finden, mit dem sie schnell wachsen und Gewinne erzielen können. Journalisten wollen von ihrer Idee überzeugen – um der Sache selbst Willen. Geld spielt im Journalismus zumindest per Definition keine Rolle. Während sich Unternehmen allerdings für Content und Brand Marketing journalistische Arbeitsweisen längst abgeschaut haben, ruhen sich Journalisten noch immer auf ihrer exhumierten Gatekeeper-Rolle aus. Dabei könnten sie es viel einfacher haben, würden sie mithilfe der neuen Technologien und dem Kundenfokus von Start Ups ihre Beziehung zum Publikum nachjustieren.

Beispiel: das Start-Up-Wunderkind Nick D’Aloiso hat mit „Yahoo News Digest“ eines der größten Bedürfnisse unserer Informationsgier erkannt: wir wollen alles wissen können, ohne von der Masse potenziell wichtiger Informationen erschlagen zu werden. „Yahoo News Digest“ regelt dieses Dilemma – zwei Mal täglich bekommen Nutzer die wichtigsten Nachrichten in komprimierter Form. Wer mehr will, kann tiefer graben. „Yahoo News Digest“ ist ein Start Up, aber kein journalistisches Medium. Die Anwendung greift auf (vielfach journalistische) Informationsquellen (Atoms) zurück und baut daraus die News-Meldungen zusammen. Für einen Überblick ist die App genial, die Stories selbst kommen jedoch ohne Journalisten nicht aus.

Was meinen Opa nicht interessiert, ist, was gerade viral ist. Er weiß noch nicht mal, was „viral“ bedeutet. Ich könnte es ihm erklären, aber er ist ein gutes Korrektiv. Wenn man versucht, Menschen jenseits des Hypes die Relevanz von New-Media-Währungen zu erklären, kommt man manchmal schneller als erwartet in Erklärungsnot. Journalisten sollten ein Interesse daran haben, Relevantes zu viralisieren – ihr journalistisches Gespür sollte sie allerdings davor bewahren, Viralem bedingungslos eine Relevanz zu geben.

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Und trotzdem lautet meine Antwort: Ja, Start Ups sind für den Journalismus ungemein wichtig. Sie können dabei helfen, den Content-Kern auf seine bestmögliche Art und Weise umzusetzen. Medien-Technologien sind dafür absolut bereichernd. Upworthy oder Rivva beispielsweise sind hervorragende Wegweiser auf der Suche nach Trends und wertvollen Informationsquellen. Storyful beweist, wie einzigartige Geschichten von einem privaten Youtube-Video zu Fernsehbeiträgen werden können – durch Multimedia-Detektiv-Arbeit. Start Ups wie Tame filtern relevante Informationen durch Hashtags, Listen und Benutzerkonten. Und auch die derzeit viel diskutierten Roboter-Journalismus-Unternehmen wie Automated Insights oder Narrative Science können die Arbeit von Journalisten enorm erleichtern – ersetzen können sie diese jedoch nicht.

Dass Start Ups den Journalismus neu erfinden können, wäre eine ziemlich kühne Annahme. Aber das müssen sie auch gar nicht. Sie können den Journalismus aber zurück zu seinem Ursprung führen: relevante Informationen zu vermitteln und mithilfe innovativer Technologien zu wissen, was die Menschen überhaupt interessiert.

Das kreative Erzählen wird den Journalisten dagegen niemand abnehmen können. Und das sollte auch niemand – kein Algorithmus, kein Roboter und kein Marketing-Chef. Die Neugier am Geschichtenkern ist der journalistische Auftrag, ihre Liebe und ihr Antrieb. Die Freundschaft mit innovativen Start Ups kann diese Liebe nur beflügeln. Start Ups und Journalisten haben das Potenzial, eine wilde, inspirierende und kinderreiche Ehe einzugehen. Die Früchte solcher Eheschließungen findet man schon vereinzelt in Amerika. Gott sei Dank jedoch eher in New York als in Las Vegas.

Karolin Freiberger

Die Autorin ist freie Journalistin und Referentin am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) in Berlin. Sie hat beim ZDF volontiert. 

Anmerkung: MEEDIA und die HMS kooperieren beim Thema „Innovationen im Journalismus„.

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