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Bayerischer Proteststurm gegen „digitale Verbannung“ von BR Klassik

BR-Intendant Ulrich Wilhelm (l.), Klassik-Revoluzzer Thomas Goppel
BR-Intendant Ulrich Wilhelm (l.), Klassik-Revoluzzer Thomas Goppel

Ulrich Wilhelm, der frühere Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel und aktuelle Intendant des Bayerischen Rundfunks, hat Ärger an der Backe. Wilhelm würde gerne das Hörfunkprogramm BR Klassik aus dem UKW-Netz ins reine Digitalradio verschieben. Damit würde eine UKW-Frequenz für die Jugendwelle BR Puls frei. Gegen die Maßnahme regt sich allerdings massiver Widerstand. Der frühere bayerische Kulturminister Thomas Goppel führt eine Protestwelle an, bei der über 50.000 Stimmen gegen die Verbannung von BR Klassik gesammelt wurden.Und ein Gutachten besagt , dass die geplante Aktion verfassungswidrig sein könnte.

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Normalerweise neigen CSU-Politiker nicht dazu, Protestbewegungen gegen den Bayerischen Rundfunk anzuführen. Aber dieses ist auch kein normaler Fall. BR-Intendant Ulrich Wilhelm hätte wohl gerne mehr jüngere Zuhörer für die Radiowellen des Bayerischen Rundfunk und UKW-Frequenzen sind nach wie vor ein knappes Gut. Also – so das Kalkül – packt man den Sender BR Klassik komplett ins digitale Radio und verbreitet ihn nur noch via DAB (Digital Audio Broadcasting). Damit wird eine UKW-Frequenz frei und dort kann sich künftig das Jugendprogramm Puls breitmachen.

Der BR argumentiert, dass schon viel für den Ausbau des DAB-Netzes getan wurde, die Abdeckung in Bayern betrage 97,2 Prozent und sei somit sogar besser als die UKW-Abdeckung von BR Klassik. So ganz überzeugt sind die Fans von BR Klassik davon aber nicht. Angeführt vom ehemaligen bayerischen Kulturminister Thomas Goppel (CSU) macht sich unter den Klassikfans Revoluzzerstimmung breit. Goppel ist BR-Rundfunkrat und wirbt – ganz digital-modern – via YouTube-Video für einen Verbleib von BR Klassik im UKW-Band.Warum soviel Gegenwehr gegen eine rein digitale Verbreitung von BR Klassik? Nun, weil das teure DAB gemeinhin als Flop gilt. Die Empfangsqualität ist zwar besser und die Abdeckung mag gewährleistet sein, aber immer noch haben die allermeisten Leute schlicht keine DAB-Radios zuhause stehen und im Auto schon gar nicht. Und sie sehen auch keine Veranlassung eines zu kaufen. Politik und öffentlich-rechtliche Sender versuchen seit Jahren DAB zu etablieren – erfolglos. In Bayern besitzen nur 8,8 Prozent der Bevölkerung ein DAB-Gerät und das ist bundesweit schon ein Spitzenwert. Ein UKW-Radio dürfte dagegen in fast jedem Haushalt zu finden sein. Wer nur auf DAB sendet, sendet vor einem ungleich kleinerem Publikum als auf einer UKW-Frequenz.

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Auch der Bayerische Musikrat ist darum gegen eine Verlegung von BR Klassik ins Digitale und die privaten Rundfunksender sind auch schon ganz alarmiert. Die dürfte freilich weniger die Sorge um das Kulturgut klassische Musik  umtreiben, als vielmehr die Aussicht, mit Puls womöglich einen neuenwerbefreien Mitbewerber um die junge Zielgruppe im UKW-Netz zu haben. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), die Lobby-Vereinigung der Privatfunker, hat den Rechtsprofessor Dr. Christoph Degenhart von der Uni Leipzig ein Gutachten anfertigen lassen, wonach der geplante Frequenztausch gegen den Rundfunkstaatsvertrah verstoße und verfassungswidrig wäre. Gründe: Laut § 19 Rundfunkstaatsvertrag sei die die analoge Verbreitung eines bisher ausschließlich digital verbreiteten Programmes unzulässig, was auf Puls zuträfe. Außerdem verstoße die geplante Verbreitung von BR Puls auf einer UKW-Frequenz gegen den Grundversorgungsauftrag des Bayerischen Rundfunks.

Der Bayerische Musikrat hat auch eine jener beliebten Online-Petitionen gegen den Frequenztausch gestartet, die über 50.000 Unterstützer fand und Thomas Goppel argumentiert in zahlreichen Interviews gegen das Vorhaben. Soviel Gegenwind lässt den BR-Intendanten Wilhelm nicht unbeeindruckt. Die endgütlige Entscheidung zum Frequenztausch wurde vom 22. Mai auf den 10. Juli vertagt, wie die SZ schreibt.

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