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Innovative Medien müssen etwas riskieren, um die Zukunft zu finden

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Internet-Pioniere, die in Journalismus machen: Jeff Bezos, Pierre Omidyar (v.l.)

Wie kommen Innovationen in den Journalismus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Branche seit einiger Zeit. MEEDIA und der Masterstudiengang "Digital Journalism" an der Hamburg Media School kooperieren künftig. Die Idee dahinter: In der journalistischen Aus- und Weiterbildung entstehen zu viele gute Ideen, um sie einfach verpuffen zu lassen. Den Anfang macht ein Gedankenanstoß der in Seattle lebenden Bloggerin und Journalistin Ulrike Langer.

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Über die Zukunft des Journalismus wurde von klugen Köpfen auf beiden Seiten des Atlantiks in den vergangenen Jahren schon viel proklamiert und publiziert. Die Crux ist allerdings: Auch die klügsten Thesen können nichts daran ändern, dass niemand tatsächlich die Zukunft des Journalismus kennt. Was vor allem daran liegt, dass es eine gemeinsame Zukunft der Medienbranche künftig nicht mehr geben wird. Viel wahrscheinlicher ist es, dass eine bunte Mischung aus einigen wenigen alten und vielen neuen journalistischen Formen und Geschäftsmodellen mehr oder weniger erfolgreich nebeneinander existieren wird.

Warum aber stammen journalistische Innovationen viel häufiger aus den USA als aus Deutschland? Beim Vergleich der Innovationskultur in den USA und in Deutschland wird häufig die Kultur des Scheiterns erwähnt. Im Silicon Valley gilt ein gescheiterter Unternehmer nicht als Versager, sondern als risikobereiter Unternehmer, der bereits wichtige Erfahrungen gesammelt hat. Und natürlich spielt es auch eine Rolle, dass sich journalistische Startups in den USA aufgrund der Sprache leichteren Zugang zu internationalen Märkten erschließen können und dass sie besser finanziert werden. Allerdings wird Risikokapital seit jeher nur in sehr eingeschränktem Maße in journalistische Startups investiert, Stiftungsgelder fließen mittlerweile fast nur noch als Anschubfinanzierung und die Geldbörsen von Mäzenen öffnen sich nur für die wenigsten Medienunternehmen. Beispiele aus der jüngsten Zeit sind Jeff Bezos als Käufer der Washington Post oder Pierre Omidyar als Gründer und Finanzier der investigativen Plattform First Look Media.

Achtung, Sie verlassen die alte Medienwelt mit ihren Gewissheiten!

Mindestens ebenso wichtig ist allerdings ein anderer, weniger beachteter Aspekt: An den interessantesten Orten journalistischer Innovation in den USA lassen Gründer und Vordenker die alte Medienwelt mit ihren Gewissheiten hinter sich, um unsicheres journalistisches und geschäftliches Neuland zu erorbern. Die folgenden drei Unternehmen illustrieren mit unterschiedlichen Ansätzen diese These besonders gut. Zum Beispiel Circa. Der 2011 von Ben Huh gestartete mobile Nachrichtendienst kommt ganz ohne klassische Artikel aus. 20 Redakteure in San Francisco, London und Peking bedienen rund um die Uhr das Bedürfnis, sich unterwegs schnell über die neuesten Entwicklungen zu einem Thema zu informieren. „Wir bauen Informationsstrukturen in Datenbanken auf“, sagt Chefredakteur David Cohn. So können Nutzer zu Themen und Ereignissen, denen sie in der App „folgen“, immer wieder punktuell das Neueste entnehmen oder auch fortlaufend ergänzte Dossiers mit enzyklopädischem Wissen in einem Rutsch lesen. Finanzieren will sich Circa durch Native Advertising – das heißt von Unternehmen gesponserten und entsprechend gekennzeichneten Dossiers – und durch die Lizensierung seiner Software an Medienunternehmen.

Noch ist es zu früh, über den Erfolg von Circa zu urteilen, denn das Startup gibt noch keine Nutzerzahlen bekannt und zehrt noch von 3,4 Millionen Dollar Gründungskapital. Doch es weist auf einen Trend hin: Die vielversprechendsten Startups verzichten zugunsten stark steigender mobiler Nutzung auf klassische Portale mit den üblichen Mechanismen zur Steigerung von Seitenaufrufen. Sie lassen die Nutzer nicht für Inhalte oder den Blick und Klick auf Werbebanner zahlen, sondern probieren neue Finanzierungswege aus.

Buzzfeed setzt ausschließlich auf Native Advertising

Während Circa den Artikel als journalistischen Standard abgeschafft hat, stellt Buzzfeed als zweites Beispiel das traditionelle journalistische Geschäftsmodell – üblicherweise erst die Inhalte und dann den Vertrieb entwickeln – auf den Kopf. Das Portal, das 2008 mit Katzen-GIFs und Listen-Artikeln („Listicles“) startete, beschäftigt über 300 Mitarbeiter, engagierte mit Ben Smith einen Chefredakteur (abgeworben vom angesehenen Polit-Portal Politico) und mit Mark Schoofs einen Investigativ-Chef (abgeworben von der renommierten Non-Profit-Redaktion ProPublica).

Buzzfeed veröffentlicht nicht mehr bloß leichtverdauliche virale Inhalte, sondern auch lange Reportagen und politische Analysen. Die kamen allerdings erst später hinzu, als das Portal mit redaktionellen und werblichen Beiträgen, die für die virale Verbreitung im Netz optimiert werden, schon profitabel geworden war. Auch Buzzfeed verzichtet auf konventionelle Bannerwerbung und setzt ausschließlich auf Native Advertising. „Nutzer interessieren sich vor allem dafür, ob ein Beitrag interessant oder langweilig ist“, glaubt Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti. Dafür, dass die Inhalte von Werbekunden ebenso wie die redaktionellen Beiträge möglichst viel im Netz herumgereicht werden, sorgt ein von der Redaktion getrennt arbeitendes Team von Viralspezialisten.

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Ausbruch aus traditionellen Mustern

Matter VC als drittes Beispiel beweist wiederum, dass auch journalistische Entwicklungslabore aus traditionellen Mustern ausbrechen können. Während in Deutschland journalistische Innovationsprojekte bisher nur punktuell gefördert werden – zum Beispiel durch das Vocer Innovation Medialab* mit 3000 Euro Anschubfinanzierung pro Projekt oder durch ein Sonderprogramm der Robert Bosch Stiftung – gibt es in den USA eine Vielzahl unterschiedlicher journalistischer Gründerprogramme für Journalismus. Eines davon ist Matter VC in San Francisco. Der vor rund einem Jahr gestartete Inkubator bringt jeweils ein halbes Dutzend unterschiedlicher journalistischer Startups für mehrere Monate in einem betreuten Brainstorming-Biotop zusammen, damit diese sich mit ihren Ideen gegenseitig inspirieren.

Aus diesem Programm, dass von Risikokapitalgebern und unter anderem auch von der Knight-Stiftung und vom öffentlichen Radiosender KQED unterstützt wird, sind bereits die unterschiedlichsten journalistischen Innovationen hervorgegangen. Unter anderem Pop – eine App von Remixen von Fotos und Videos. Oder Contextly – eine Empfehlungssoftware, die hilft, journalistische Inhalte zu den jeweils interessierten Lesern zu bringen und Monetarisierungschancen für Inhalte erhöht. Auch Matter VC Gründer Corey Ford weiß auf die Frage nach der Zukunft des Journalismus keine Antwort. Doch er weiß: „Wir schaffen die Zukunft, indem wir eine Vielzahl kleiner Experimente ermöglichen und Unternehmer unterstützen, die Risiken auf sich nehmen, um die Zukunft zu finden.“

Ulrike Langer

*Offenlegung: Die Autorin gehört zum Direktorium des Vocer Innovation Medialab.

Interesse an Innovation? Das neue berufsbegleitende Kompaktprogramm „Innovation & Entrepreneurship in Journalism“ der Hamburg Media School (HMS) richtet sich an Redakteure und freie Journalisten. Im Fokus der sechs Lerneinheiten stehen Innovationsmanagement und die Schulung unternehmerischer Fähigkeiten. Die Kernfrage lautet: Wie können Innovationen im Journalismus von der Phase der Ideenfindung über die Planung bis zur praktischen Umsetzung sinnvoll gefördert, akzentuiert, gesteuert und erfolgreich umgesetzt werden? U.a. auf dem Themenplan stehen digitales Storytelling, Datenvisualisierung und der gezielte Umgang mit Social Media.  

Mehr Informationen zur HMS und zum Kompaktprogramm gibt es unter Angabe des Stichwortes „Innovation@MEEDIA“ bei Julia Ruge (j.ruge@hamburgmediaschool.com).

 

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